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Das Christentum als Kulturstifter

Von heidnischen Heiligtümern über die Mission der Ottonen bis zu den Zisterzienserklöstern: Erst das Christentum brachte der Mark Brandenburg dauerhaft Schrift, Baukunst und Kultur.
Havelberger Dom
Foto: Guido Radig | Steinernes Symbol für die Christianisierung der Mark Brandenburg: der Havelberger Dom.

Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten’ mitbringen (…) Wenn du reisen willst, mußt du die Geschichte dieses Landes kennen und lieben. Dies ist ganz unerläßlich.“ – Damit begann Theodor Fontane die zweite Auflage seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Der märkische Dichter wusste: Wer die Landschaften zwischen Elbe, Oder und Spree verstehen will, muss die Geschichte kennen, die sie geprägt hat. Was heute in Domtürmen, Klosterruinen und Feldsteinkirchen sichtbar steht, ist das Ergebnis eines jahrhundertelangen, oft mühsamen Prozesses – eines Zusammenwirkens von Politik, Glaube und Kultur.

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Zwischen Ostsee und Erzgebirge siedelten einst germanische Gruppen, die jedoch im Zuge der sogenannten Völkerwanderung bis Mitte des sechsten Jahrhunderts nach Westen zogen. In die verlassenen Regionen der künftigen Mark wanderten westslawische Stämme ein. Sie gaben vielen Orten ihre Namen – Spandau, Köpenick oder Ziesar – und errichteten Burgen aus Holz, verehrten ihre Götter in Hainen und auf Hügeln. Doch es fehlte ihnen an Schrift und bleibender Architektur. Erst die Christianisierung brachte Formen dauerhafter Erinnerung: Urkunden, Chroniken, liturgische Bücher.

Die Ottonen (eigentlich Liudolfinger), insbesondere Kaiser Otto I., verstanden das Reich nicht nur als politische, sondern auch als religiöse Ordnung. 968 gründete Otto das Erzbistum Magdeburg als Zentrum der „Ostmission“. Ihm unterstanden Bistümer wie Brandenburg und Havelberg, Zeitz, Merseburg und Meißen. Ziel war es, das Evangelium unter den slawischen Völkern östlich der Elbe zu verkünden. Doch der Weg war schwierig: 983 zerstörte der große Slawenaufstand die jungen Kirchenstrukturen in Brandenburg und Havelberg vollständig. Die Havelfeste wurde zum Hauptsitz des Hevellerfürsten. Die vormaligen Herzöge von Sachsen und deutschen Könige machten keine Anstrengung – wenigstens seit 997 – zu deren Rückeroberung.

Den entscheidenden Durchbruch brachte das 12. Jahrhundert. Mit Albrecht dem Bären verband sich Landnahme mit Mission, Herrschaft mit Seelsorge. Er gehörte dem Geschlecht der Askanier, die als Grafen von Ballenstedt aus einer Gegend stammten, die heute zum sachsen-anhaltischen Landkreis Harz gehört. Im Jahr 1157 nahm Albrecht die Brandenburg endgültig ein – seit dem 19. Jahrhundert gilt dieses Jahr als „Geburtsstunde“ der Mark. Mit der Entweihung des heidnischen Triglaw-Heiligtums begann die neue Ordnung unter christlichem Zeichen. Ohne Geistliche, Pfarreien und Klöster hätte diese Herrschaft kaum Bestand gehabt – Glaube und Politik bildeten eine untrennbare Einheit.

Dass dieser Prozess nicht ohne Widerstände verlief, belegen zeitgenössische Quellen: Noch um 1150 war der Wiederaufbau des Havelberger Doms durch heidnische Nachbarn bedroht. 1210 berichtete Markgraf Albrecht II. dem Papst, man habe große Gebiete „den Heiden entrissen“, das Land sei jedoch wüst und müsse erst wieder besiedelt werden. Mittelalterliche Landbildung bedeutete eben: Befriedung, Ordnung, Recht – und Kirche.

Mit der Wiedergewinnung des Landes kehrten die Bischofssitze zurück. In Brandenburg erhob Bischof Wilmar 1161 den Prämonstratenserkonvent zum Domkapitel; 1165 wurde der Grundstein für den Dom gelegt. 1170 weihte Erzbischof Wichmann den neuen Havelberger Dom. Diese Bauwerke sind mehr als Architektur – sie sind das „sichtbare Evangelium“ einer neuen Ordnung. Als Zentren von Bildung, Verwaltung und Schriftlichkeit legten sie den Grund für ein dauerhaftes Rechtssystem.

Besondere Bedeutung erlangten die Zisterzienser. Mit Zinna (1170), Lehnin (1180), Chorin (1258/1273) und später Neuzelle schufen sie nicht nur spirituelle Orte, sondern auch kulturelle und wirtschaftliche Zentren. Sie rodeten Wälder, entwässerten Sümpfe, legten Felder und Fischteiche an – und prägten mit ihren Backsteinbauten bis heute das Landschaftsbild. Brandenburg war buchstäblich „Zisterzienserland“: Ohne ihren Fleiß und ihre Organisation wäre die Mark kaum zu einer stabilen Kulturlandschaft geworden.

Weniger Zwang als Integration

Neben den Zisterziensern wirkten auch die Prämonstratenser. Ihr bedeutendstes Zentrum, das Stift Jerichow, wurde bereits 1144 gegründet und gilt als eines der frühesten großen Backsteinbauwerke nördlich der Alpen. Es wurde zum architektonischen Vorbild für viele spätere Kirchen in der Region. Während die Zisterzienser vor allem die ländliche Erschließung vorantrieben, waren die Prämonstratenser als Prediger und Seelsorger tätig. Gemeinsam schufen sie die Grundlage, auf der das vormals heidnische Gebiet nicht nur christianisiert, sondern tief in die geistige und kulturelle Ordnung Europas eingebunden wurde.

Die Eingliederung der slawischen Bevölkerung vollzog sich weniger durch Zwang als durch Integration. Neue Dörfer entstanden, bestehende Siedlungen wurden neu geordnet. Die Besiedelung vollzog sich von den askanischen Westgebieten westlich der Elbe in der Altmark nach und nach über 400 Kilometer gen Osten. Während die Slawen die Erde mit hölzernen Hakenpflügen nur kreuz und quer aufritzten, brachten die von den Askaniern geholten Kolonisten eiserne Bodenwendepflüge mit, die die Oberflächen der Äcker umbrachen und so deren Leistungsfähigkeit erhöhten. Hinzu traten die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die Intensivierung des Getreideanbaus. Außerdem entstanden Wassermühlen, deren Betrieb im Flachland die Anstauung der Flüsse erforderte. Durch die eingeführten Neuerungen und die Anlage weiterer Siedlungen stiegen die Erträge ungemein. Für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts ist die Ausfuhr von Getreide (meist Roggen) aus der Mark bis nach Hamburg belegt. Dazu kam der Export von Holz.

Der Brandenburger Dom als steinernes Symbol

Magdeburg blieb das zentrale geistliche und administrative Zentrum als Metropolitansitz und Missionsdrehkreuz. Von hier aus wurden Bistumsgrenzen, Pfarrstrukturen und Stadtrechte organisiert. Kirchenrecht, Zehntordnung und die Magdeburger Stadtrechtsfamilie prägten Verwaltung wie Alltagsleben – geistliches und weltliches Recht wirkten Hand in Hand. Das „Magdeburger Recht“ wurde von mehr als 1000 Städten in Mittel- und Osteuropa übernommen – darunter auch Berlin.

Bis heute zeugt der Brandenburger Dom vom Geist dieser Epoche: Er steht als steinernes Symbol dafür, dass die Christianisierung Teil der eigenen Identität wurde. Havelberg, Brandenburg, die Feldsteinkirchen der Prignitz, die Klosteranlagen von Lehnin und Chorin – sie alle sind steingewordene Erinnerungen eines christlichen Gedächtnisses. Fontane las diese Landschaften wie ein „Gebet aus Stein“: Ohne das Wirken der Kirche, so seine unausgesprochene Erkenntnis, kein erzählbares Land.

Die Geschichte der Mark Brandenburg ist daher weit mehr als eine Abfolge politischer Herrschaftswechsel. Sie zeigt, wie das Christentum Kultur stiftete, wo zuvor nur Übergangs- und Grenzräume waren. Aus der Verkündigung des Evangeliums erwuchs Schriftkultur, Literatur, Baukunst und Recht. Dörfer, Städte, Schulen und Klöster entstanden – und damit die Grundlagen eines geordneten Gemeinwesens.

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