Mit Manfred Lütz auf in den Kampf gegen die Sprachlosigkeit

Argumente statt Vorurteile bei der Deutung der Kirchengeschichte. Von Urs Buhlmann
Jesuitenreduktion bei den Tapuyo-Indianern in Brasilien um 1820
Foto: IN | Eine differenzierte Sicht auf die Kolonialexpansion der katholischen Mächte Spanien und Portugal macht deutlich, dass die Kirche Wesentliches für die Ureinwohner Amerikas getan hat.

Es ist ein Unding, wie mit dem Buch von Manfred Lütz „Der Skandal der Skandale“ umgegangen wird. Schon die erste von ein paar läppischen Zeilen in einer deutschen Illustrierten verrät die Tendenz: „Gar nicht so dufte finden wir Event-Christen, dass noch während der Osterferien dieses böse Büchlein nach vorne hoppelt... Lütz geht es mehr um Abschwächung. Bei Hexenhatz und Kreuzzügen tragen auch andere Schuld, meint er. Eine große Schönfärberei also.“

Man hat nicht den Eindruck, dass der Autor dieser lässigen Zeilen seinen Kopf allzu tief und allzu lange in die immerhin 286 Seiten gesteckt hat, die der Psychiater und Theologe Lütz in seinem neuesten Werk den wirklichen und vermeintlichen Schattenseiten der Kirchengeschichte gewidmet hat. Vor allem aber macht diese Nicht-Besprechung deutlich, dass der liberale Mainstream-Journalismus eines auf den Tod nicht ausstehen kann: Wenn nämlich sein Meinungsmonopol in Frage gestellt wird, wenn die geliebten Vorurteile sturmreif geschossen werden.

Katholiken sollen an allem Schuld sein

Denn das ist Manfred Lütz, mittlerweile ein Bestseller-Autor von Catholica, gelungen. Er stellt in den Raum, was auch schon anderen Beobachtern – christlich oder nicht-christlich – aufgefallen ist:

„Wie immer es die katholische Kirche anstellt, am Ende ist sie das Opfer, schlimmstenfalls das Opfer ihrer eigenen Bemühungen.“

Jedenfalls sollen die Katholiken so an ziemlich allem Schuld sein, was dem aufgeklärten Zeitgenossen der Postmoderne sauer aufstößt. Gewalt und Intoleranz, vor allem bei Kreuzzügen, Ketzer- und Judenverfolgung, selbstredend die mangelnde Wertschätzung für Frauen, der nicht nachvollziehbare Zölibat, der auch noch Pädophilie begünstige. Ökumene funktioniert hier praktischerweise nicht so gut, so dass die evangelischen Christen darauf verweisen können, von vielen dieser Themen nicht betroffen zu sein.

Lütz nimmt sich nun ein Thema nach dem anderen vor, ruft seine Kronzeugen auf und bietet dem Leser in der Folge ein abgewogenes Urteil zu dem in Frage stehenden Vorwurf. Dabei stützt er sich in erster Linie auf das epochale Werk von Arnold Angenendt „Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, das, 2007 zum ersten Mal erschienen, sine ira et studio den gesamten Komplex in strenger Wissenschaftlichkeit durchbuchstabiert. Der Münsteraner Historiker – dem damals sogar einer der deutschen Chef-Atheisten, der Philosoph Herbert Schnädelbach, Tribut zollte – wiederum hat zu jedem Thema die Faktenlage umfassend eruiert, kann die jeweils führenden Experten angeben und kommt wenig überraschend zu dem Schluss, dass die populären Vorurteile der historischen Wirklichkeit nicht entsprechen. Wer Ohren hat, der höre!

Toleranz ist eine christliche Erfindung

Man sieht schon die Wut bei manchen hochsteigen, wenn Lutz kurz und bündig festhält: „Toleranz ist eine christliche Erfindung.“ Das folge unmittelbar aus der seit Augustinus und dann bei Thomas getroffenen Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder. „Liebe den Menschen, aber verabscheue seine Untaten.“ Das Gleichnis vom Unkraut, das stehen zu lassen sei, weil die endgültige Scheidung von Gut und Böse erst am Ende der Zeiten folgt und von Gott selber vorgenommen wird, steht gegen die totalitäre Versuchung, sich schon jetzt zum Richter und Rächer aufzuschwingen. Haben die Christen selber sich immer an diese hehre Weisung gehalten? Nein, haben sie nicht. Lütz redet nie um den heißen Brei herum und benennt kirchliches Versagen klar. Schon deswegen haben die Kritiker dieses Buches, zu denen auch der seit einiger Zeit permanent schlecht gelaunte evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf gehört, unrecht. Lütz ist jedenfalls zuzustimmen, wenn er sagt:

„Das Unkraut-Weizen-Gleichnis war die eindeutige Forderung nach dem Ende aller Religionsgewalt, es war die Magna Charta der Toleranz.“

Im Ablauf der Geschichte wurde es immer dann spannend, wie der Autor zeigt, wenn christliche Gewaltfreiheit auf die Staatsgewalt traf, zumal auf eine, die sich selber christlich dünkte, wie das früher meist der Fall war.

Beim Beispiel Inquisition, bei der Ketzer- und Hexenverfolgung lässt sich exemplarisch zeigen, wie der Staat aus seiner, ganz anders gelagerten Motivlage heraus ein Anliegen geradezu kaperte und sich zu eigen machte, mit meist schlimmen Folgen. Diese wurden aber der Kirche, nicht dem Staat angerechnet.

Werden Kirchenkritiker beeindruckt sein, wenn sie erfahren, dass die wirklich herben Opferzahlen bei der Verfolgung Andersdenkender nicht auf das kirchliche Konto gehen? Die römische Inquisition etwa ließ in den 220 Jahren zwischen 1542 und 1761 exakt 97 Menschen wegen direkter Glaubensvergehen hinrichten. 97 zu viel, doch belief sich in den Niederlanden allein im Jahr 1569 die Zahl auf 78.

Geklärt: „Heiße Eisen“ der Kirchengeschichte

Der agnostische Historiker Peter Goodman urteilt in seinem Buch über die Inquisition: „Das Heilige Offizium verfuhr in seiner unmittelbaren Einflusssphäre weit milder als die weltlichen Mächte.“ Die ja zur Zeit des Konfessionalismus – was wir uns heute kaum vorstellen können – sich berufen fühlten, Andersgläubige aus Staatsraison zu verfolgen. Im gleichen Zusammenhang hält Manfred Lütz fest, „Hexenverbrennungen seien nicht kirchlich, gar nicht von der Inquisition betrieben worden und die Päpste hätten sich darüber entsetzt“. Der von ihm zitierte Kenner der Hexen-Materie, der Historiker Wolfgang Behringer, stellte für ein besonders übel beleumundetes Land fest: „In Spanien war es gerade die institutionalisierte Inquisition, welche die Hexenverfolgungen zunächst unter ihre Kontrolle brachte und 1526 praktisch beendete.“ Für den Zeitraum des 17. Jahrhunderts sagt Behringer, dass Päpste und Inquisitoren keine Hexenprozesse in dem Sinne mehr durchführten, „wie sie zur selben Zeit in Mitteleuropa Angst und Schrecken verbreiteten“ – übrigens auch und gerade in protestantisch regierten Staatswesen. So geht es immer weiter in Lütz' staunenswertem Buch.

Er wagt es sogar, die „Erfindung“ und Durchsetzung der Menschenrechte vor allem dem katholischen Denken zuzuordnen, das ja, im Gegensatz zum Protestantismus, auf das Naturrecht setzt. Eine differenzierte Sicht auf die Kolonialexpansion der katholischen Mächte Spanien und Portugal dient ihm als Beleg. Wer Lütz liest, kommt aus dem Staunen, vielmehr aus dem Erkennen und Begreifen nicht heraus.

Es liegt also alles klar zu Tage; gerade zu den besonders „heißen Eisen“ der Kirchengeschichte, der Gewaltthematik, gibt es neuere Forschungen, die die bisherigen Annahmen quasi auf den Kopf stellen. Aber noch einmal muss die Frage gestellt werden: Wird es die Kritiker überzeugen? „Peinliche Schönfärberei“ und „billige Apologetik“ nennt der Theologe Graf das Buch des katholischen Kollegen.

Was verbirgt sich hinter solchem Selbsthass? Der Psychiater Lütz kann eine überzeugende Erklärung anbieten: Es ist eine bewährte psychologische Praktik, Schuld abzuspalten und damit aus dem eigenen Leben zu schaffen. Man muss sich dann auch nicht mehr der Frage stellen, ob man auf bestimmten Feldern selber gesündigt hat. Lütz argumentiert, dass es für jeden Menschen eine Leistung darstellt, sich eine Vorstellung vom Sinn der Welt und vom Sinn des Lebens aufzubauen. „Dieses Weltbild hat er sich in seinem ganzen bisherigen Leben nach und nach erarbeitet und vielleicht sogar gegen Widerstände erkämpft. In dem Moment, in dem jemand an diese Grundüberzeugungen rührt, und sei es nur an der Grundüberzeugung, keine Grundüberzeugungen zu haben, sind schlagartig all diese überstandenen Mühen wieder präsent, und es ist psychologisch gut verständlich, dass man dies nicht noch einmal aufrühren will.“

Skandal der Skandale: Zweifelnden Mitmenschen eine Brücke zu bauen

Wer also einmal zu der Meinung gekommen ist, dass das Christentum zwar eigentlich eine gute Sache ist, aber höchst sündenbeladen durch die Geschichte geht, wird es nicht zulassen, diese Erkenntnis in Frage stellen zu lassen. Tragischerweise ist das aber gerade die Sichtweise vieler Christen. Lütz: „Deswegen haben es rationale wissenschaftliche Argumente bei diesen Themen nicht einfach, auch bei solchen Menschen nicht, die von sich selber glauben, ein wissenschaftliches Weltbild zu haben.“ Doch hat Manfred Lütz, aufbauend auf die Pionierarbeit von Arnold Angenendt, ein solides Arsenal an Argumenten bereitgestellt. Es liegt nun an seinen Lesern, sich der historischen Fakten zu vergewissern und mit der nötigen Demut dem zweifelnden Mitmenschen eine Brücke zu bauen. Manfred Lütz kann stolz darauf sein, mit diesem in einem ganz ruhigen Tonfall daherkommenden Buch, in dem nur gelegentlich sein üblicher Sinn für Ironie aufblitzt, wahrhaft zu einem „Cooperator Veritatis“ geworden zu sein.

Manfred Lütz:
Der Skandal der Skandale – Die geheime Geschichte des Christentums.
Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien 2018, 286 Seiten, ISBN 978-3-451-37915-4, EUR 22,–

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