Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Nach Osters Rückzug

Twitter braucht eine christliche Gegenkultur

Dass sich der Passauer Bischof angesichts des kaum konstruktiven Kommunikationsklimas von „Twitter“ zurückzieht, ist verständlich. Dennoch ist Osters Entscheidung unbefriedigend. Ein Kommentar.
Bischof Stefan Oster twittert nicht mehr.
Foto: Alessandra Tarantino (AP) | Kann Evangelisierung im rauen Twitter-Umfeld gelingen? Bischof Stefan Oster sagt „nein“, und zieht die Konsequenz daraus. Das ist zu bedauern.

Bischof Stefan Oster twittert nicht mehr. Eine verständliche Entscheidung: Nicht nur, dass der Umgangston rau und wenig konstruktiv ist, wie der Bischof zurecht bemängelt – Twitter ist in zweierlei Hinsicht ein geradezu „anti-christliches“ Medium. Die erzwungene Kürze macht Kommunikation unmöglich. Stattdessen steht Statement gegen Statement. Für eine Religion, die sich in erster Linie als Beziehung versteht, eine Katastrophe. Und für einen Glauben, der im Logos, im Wort Gottes, die Wahrheit erkennt, ist es indiskutabel, dass diese Wahrheit nicht mehr als 280 Zeichen beanspruchen darf.

Kann Evangelisierung so gelingen?

Kann Evangelisierung so gelingen? Bischof Stefan Oster sagt „nein“, und zieht die Konsequenz daraus. Es ist wichtig, dass er Prioritäten setzt. Zumal ein Bischof zuerst seiner Herde verpflichtet ist, und seine Kraft, Zeit und Ressourcen dementsprechend einteilen muss: Er hat, die Zeichen der Zeit deutend, seinen Dienst auf Twitter angeboten. Nun folgt er der Anweisung Jesu, den Staub von den Füßen zu schütteln, weiterzuziehen, wenn man nicht angenommen wird. Bischof Osters Entscheidung ist in diesem Sinne gut „biblisch“. 

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Er ist hier auch den Gläubigen ein Vorbild, die in Gefahr geraten, sich in sozialen Netzwerken zu verirren: Nicht der Algorithmus bestimmt, was relevant ist. Die frohe Botschaft wird nicht vom Newsfeed bereitgestellt. Unsere Gemeinschaft besteht in Christus, nicht in der Meinungs-Bubble. Es ist mit Sicherheit Teil einer gesunden christlichen Gegenkultur, dazu einzuladen, soziale Medien in eine angemessene Relation zu bringen: einerseits zu unserer Innerlichkeit, die durch ein Übermaß an Zerstreuung betäubt wird, andererseits zum leiblichen Leben, das durch den Mangel an ganzheitlicher sinnlicher Erfahrung steril und ausdruckslos geworden ist.

Man kann sich der digitalen Welt nicht entziehen

Dennoch ist die bischöfliche Abwendung von Twitter auch unbefriedigend. Die digitale Welt verschwindet nicht, wenn wir uns daraus zurückziehen. Im Gegenteil. Immer gravierender wird ihr Einfluss auf das, was außerhalb des Internets geschieht. Wer nicht dabei ist, wird trotzdem mit den Folgen dessen konfrontiert, was sich auf Twitter ereignet. Als Beispiel seien nur „Shitstorms“ genannt, sozialmediale Hetzjagden, die einen Menschen ins soziale Abseits, ins berufliche Aus und in seelische Not stürzen können – ausgelöst und orchestriert ausschließlich im digitalen Raum.

Der unbarmherzige, harsche Ton wird weiterhin Menschen verletzen und radikalisieren – ohne dass diese auf dem Profil des Bischofs auf eine Botschaft der Liebe und des Trostes stoßen würden. Jede besonnene Stimme weniger bietet mehr Raum für den krakeelenden Mob, für polarisierende Extreme. Jede fehlende katholische Stimme verstärkt das Gefühl der Isolation unter denjenigen, die postmodernen Ideologien nicht folgen. Selbst wenn vom Twitteraccount eines Bischofs nichts anderes ausginge als ein Psalmvers pro Tag, wäre damit doch bereits ein wenig Heil geschaffen in diesem wahrheitsfeindlichen Medium.

Kraft investieren, wo es am dunkelsten ist

Die Abwägung, was hier das „gute Teil“ ist, das wir jeweils erwählen sollen, ist schwierig und kann unterschiedlich ausfallen. Aber wir sollten doch fragen, ob wir im Großen und Ganzen nicht noch mehr Mühe und Kraft investieren sollten, um gerade dort, wo es am dunkelsten ist, Licht und Salz zu sein. Die Herausforderung besteht darin, sich nicht in den Sog von Verkürzung, Banalität und Vulgarität hineinziehen zu lassen, sondern das Evangelium unverfälscht dort auszurufen, wo innerlich verzweifelte Menschen in einer beziehungslosen, digitalen Wüste umherirren.

Eine christliche Gegenkultur für Twitter wird nicht das Medium als Ganzes verwandeln. Aber sie kann ein Ruf sein, der von einzelnen gehört wird: Jesus lebt. Ich bete für dich. Das ist Wahrheit, die in einen Tweet passt. Das sind Worte, die die Twittercommunity dringend braucht. 

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