Warhol-Serie

„The Andy Warhol Diaries“: Sein Leben war ein Maskenball

Viel Pomp und Trara, eine digitale Stimme, zwischendrin Katholizität: Die neue Netflix-Miniserie „The Andy Warhol Diaries“ versucht, hinter die Fassade des berühmten Künstlers zu blicken Von Emanuela Sutter
Ausstellung „Andy Warhol – Pop Art Identities“
Foto: dpa | Er verwandelte Prominente in Ikonen unserer Zeit – und wurde selbst zu einer: Noch heute gibt Andy Warhols Persönlichkeit viele Rätsel auf.

Wenn man jemanden als den Leonardo da Vinci der Popkultur bezeichnen kann, dann ist es sicherlich der Pop-Art-Künstler, Filmemacher, Musikproduzent und Verleger Andy Warhol (1928-1987): Jedes Kunst- und Mediengenre, das er anfasste, geriet in seinen Händen zu purem Gold – und katapultierte ihn, der so gerne mit Film-, Musik- und Modestars wie Elizabeth Taylor, Liza Minelli, Halston oder Bianca Jagger die Nächte im New Yorker „Studio 54“ verbrachte, selber in den Rang einer umschwärmten Celebrity. Auch jetzt noch ist der Künstler Warhol gefragt – schon bald soll seine „Marilyn“ bei Christie's für 180 Millionen Dollar versteigert werden.

Doch der Ausnahmekünstler wollte mehr: Als Andy Warhol 1987 starb, hinterließ er ein unvollendetes Projekt. Seit 1981 arbeitete der gefeierte Grafiker, Illustrator, Maler und Filmemacher an seinem Roboter-Klon. Unter dem Titel „Andy Warhol, a No-Man Show“ sollte eine Bühnenproduktion entstehen, in der der Roboter des Künstlers aus seinem Tagebuch vorliest. Der New Yorker hatte eine Faszination für Maschinen. Schon in den 1960er Jahren stellte Warhol fest: „Ich würde gerne eine Maschine sein. Sie nicht auch?“

„Hofft man, durch die Dokumentation einen Blick
hinter die Kunstfigur Warhol erhaschen zu können,
bleibt ein unbefriedigtes Gefühl zurück“

 

 

Sein Roboter wurde nie realisiert. Dafür aber die Netflix-Miniserie „The Andy Warhol Diaries“. Als Basis für die sechsteilige Dokumentation dienen seine Tagebuchaufzeichnungen, die die popkulturelle Ikone ab 1976 seiner Vertrauten Pat Hackett telefonisch diktierte und die die Aufzeichnungen 1989 posthum als Buch herausgab. Die diarischen Notizen werden in der Dokumentation von einem KI-Computerprogramm, das Andy Warhols Stimme wiedergibt, gesprochen. Dabei sieht man den Schauspieler Bill Irwin, wie er als Andy Warhol mit Perücke und Brille, den Telefonhörer in der Hand, seinen Alltag in der Welt der New Yorker High Society, aber auch Gefühle und Gedanken, diktiert.

Es gibt wohl kaum einen Künstler, der sein Leben derart besessen dokumentierte wie Andy Warhol. Er hinterließ nicht nur das Tagebuch, sondern unzählige Polaroids und Videos mit Aufnahmen von sich selber. Warhol erfand sich ständig neu, zum Beispiel in der Serie „Altered Images“ von 1981, wo er sich als Drag fotografieren ließ. Journalisten gegenüber gab er sich wortkarg und ließ nicht hinter seine schillernde Fassade blicken.

Von katholischer Bildsprache geprägt

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Die Bildsprache der Miniserie, die der Produzent Ryan Murphy (bekannt für „American Horror Story“) und der Regisseur Andrew Rossi aus dem Meer an Material schufen, ist ein buntes Feuerwerk, gepaart mit melancholischer Stimmung. Hofft man, durch die Dokumentation einen Blick hinter die Kunstfigur Warhol erhaschen zu können, bleibt ein unbefriedigtes Gefühl zurück. Der Zuseher bekommt zwar Einblicke in Warhols Privatleben, in seine Beziehungen zu Männern und in die Einsamkeit, die ihn Zeit seines Lebens begleitete.

Davon zeugen auch die vielen Freunde, Wegbegleiter und Kollegen Warhols, die in der Serie zu Wort kommen. Komplexe oder philosophische Fragestellungen kann man aber nicht erwarten. Ein einziges Mal hinterfragt der als schüchtern geltende Künstler seine zahlreichen Aktivitäten, indem er sich die existenzielle Frage stellt, ob seine Tätigkeiten überhaupt einen Sinn haben. Der Wunsch Warhols, eine Maschine zu sein, durchzieht die Dokumentation. Seine Begründung lautet: „Maschinen haben weniger Probleme.“ An anderer Stelle erklärt er: „Als Maschine hätte ich keine Gefühle.“

Sonntagsgottesdienst war ihm wichtig

Die Netflix-Miniserie gibt Andy Warhols katholischer Prägung und ihren Auswirkungen auf sein Werk Raum. Der Sohn slowakischer Einwanderer hatte eine sehr gläubige griechisch-katholische Mutter, die er als Kind mehrmals wöchentlich zu Messen begleitete. Er selber ging bis zu seinem Tod sonntags in den Gottesdienst. Die gewaltige und symbolhafte Bildsprache der Heiligenikonen prägten seine Porträts der Schönen und Reichen, die er als die „neuen Heiligen“ der amerikanischen Gesellschaft darstellte. „Die eindringlichsten Werke sind jene, die die katholische Bildsprache aufgreifen“, sagt Patricke Moore, der Leiter des Andy Warhol Museum, in der Serie. Sein letztes Werk vor seinem Tod ist eine gewaltige Bildserie, die auf auf Da Vincis „Letztes Abendmahl“ basiert.

Darüber hinaus gibt die Dokumentation ein umfangreiches Bild der amerikanischen Party- und Lifestyletrends der 1970er und 1980er Jahre. In dieser Welt der Drogen, Pornostars, Künstler und Models ist Andy Warhol immer dabei. Der Künstler wusste: „Heaven and hell are just one breath away.“

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