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Essay-Band von Connie Palmen: Intime Inspiration fürs Leben

Die niederländische Autorin spiegelt in ihren Essays über bekannte Schriftstellerinnen (und einen Mann) ihre eigenen Wünsche, Erfahrungen und Gefühle.
Virginia Woolf, dargestellt von Alice Pasquini in der römischen La Sapienza-Universität.
Foto: IMAGO/Mimmo Frassineti (www.imago-images.de) | Virginia Woolf, hier dargestellt von Alice Pasquini in der römischen La Sapienza-Universität, ist eine der Heldinnen von Connie Palmens neuer Essay-Sammlung.

Persönliche Essays sind zwangsläufig intim.“ Das schreibt Connie Palmen in dem kurzen Vorwort zu ihrem neuen Buch, das Essays über sechs Schriftstellerinnen, einen Schriftsteller und eine besungene Kunstfigur enthält. Und nein, es ist nicht einfach ein weiteres Werk über weibliche Literatinnen, es ist eine tatsächlich intime Annäherung der bekannten niederländischen Autorin an ihre „Heldinnen und Helden“ und sagt somit vielleicht mehr über die Verfasserin aus als über die beschriebenen Personen.

Schon im Vorwort wird deutlich, was gemeint ist: „Um sie zu würdigen, habe ich hier für jede Person eine der Eigenschaften ausgewählt, die in ihrem Werk besonders hervorsticht. Zusammen formen sie die Errungenschaften der Schriftstellerin, die ich am liebsten wäre.“ Das ist zumindest eine originelle Herangehensweise und macht neugierig. Sie beginnt mit Virginia Woolf („Autonom“) und endet mit dem einzigen Mann in dieser Runde, mit Philip Roth („Rebellisch“); dazwischen werden die Adjektive „Wahrhaftig“ (Sylvia Plath), „Unnahbar“ (Joan Didion), „Verwegen“ (Vivian Gornick), „Erbarmungslos“ (Janet Malcolm), „Persönlich“ (Olivia Laing), „Doppeldeutig“ (Lola) vergeben.

Das Privileg eines eigenen Zimmers

An Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ (1929) kommt man als Schriftstellerin vermutlich nicht vorbei. In dem für die damalige Zeit sehr kühnen Text stellt die britische Autorin einen Forderungskatalog für Schriftstellerinnen auf – ein eigenes, abschließbares Zimmer, Geld und Muße, um die Fähigkeit zu entwickeln, „selbständig zu denken, eigene Ideen zu verfolgen und die ungeheure autonome Arbeit zu verrichten, die das Schreiben von Literatur schließlich ist“. Virginia Woolf hatte das Glück, in einem Umfeld zu leben, das ihr diese Voraussetzungen erfüllen konnte. Auch Connie Palmen verfügte von Kind an über ein eigenes Zimmer, in das sie sich bis heute zum Arbeiten einschließt, in welcher Lebensgemeinschaft sie auch lebte. Sei es die große Herkunftsfamilie oder das Leben mit den beiden tragisch verstorbenen Männern – es sollten alle um sie sein, aber immer musste sie sich auch zurückziehen können. „Ich wollte allein und zusammen sein.“

Die 1963 mit 30 Jahren aus dem Leben geschiedene „wahrhaftige“ Amerikanerin Sylvia Plath, verheiratet mit dem britischen Dichter Ted Hughes, mit dem sie zwei Kinder bekam, hat in ihrem kurzen Leben ein bedeutendes Werk geschaffen, das ihre autobiografischen Erlebnisse in suggestive Lyrik und Prosa verwandeln konnte und das Connie Palmen lebenslang faszinierte. Sie hat der großen Liebe und dem Scheitern dieses Paares ein großartiges Buch gewidmet: „Du sagst es.“

Die Autorin Connie Palmen
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Connie Palmen auf der Leipziger Buchmesse im vergangenen März, auf der auch die Niederlande Gastland waren.

Sylvia Plath hatte lebenslang das Gefühl, sich verstellen zu müssen, um allen Erwartungen gerecht zu werden, nicht die sein zu können, die sie war. In ihren Gedichten und dem einzigen Roman „Die Glasglocke“ scheint eine mit sich selber gnadenlose junge Frau hervor, für die es nur „alles oder nichts“ gab. Da sie „Alles“ nicht bekommen – oder bewältigen – konnte, sah sie nur den Ausweg ins vermeintliche Nichts. Die Lebensgeschichte, mit der Plath sich identifiziert, „ist eine Passionsgeschichte, die Hauptperson in ihrer Biografie ist eine weibliche Christusfigur. Die Sinnbilder und Bildsprache sind der Leidensgeschichte der letzten Tage aus dem Leben von Jesus entlehnt (...)“.

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Die „schwierigen“, wenn nicht gar tragisch überschatteten Leben üben eine besondere Faszination aus auf Connie Palmen, fühlt sie doch eine enge Verwandtschaft zu ihrem eigenen. Zwei geliebte Männer starben sehr plötzlich und hinterließen schmerzliche Lücken, die sie schreibend zu verarbeiten suchte.

Das Schreiben als Rettung

Auch die Schriftstellerin Joan Didion, die sensible „Unnahbare“, hatte ein schwieriges Leben, die Amerikanerin litt am Leben, durch das sie sich kämpfen musste – immerhin gelang ihr dies 87 Jahre lang. Als einschneidendstes Erlebnis für die noch junge Frau erschien ihr das Zerbrechen der gewohnten Welt durch den „Summer of Love“ 1967, für sie wurde alles chaotisch, unstrukturiert, unverständlich. Die Gewaltausbrüche der sich anschließenden Jahre – die Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy, die grausamen Manson-Morde, der Anschlag auf Andy Warhol – verstören sie zutiefst, sie reagiert mit einer psychotischen Form der Entfremdung. Auch ihre Rettung ist das Schreiben, kühl und scharfsinnig seziert sie das Zerfallen der Welt. Verlust ist ihr Thema, den plötzlichen Tod ihres Mannes und das langsame Sterben der Adoptivtochter verarbeitet sie in autobiografischen Texten – man lese „Das Jahr magischen Denkens“ und wird es nie wieder vergessen. „Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.“ Die Parallelen zu Connie Palmens Leben liegen auf der Hand.

Das Werk des einzigen Mannes in der subjektiven Sammlung ist sicher zumindest vom Hörensagen bekannt, wurde der „rebellische“ Philip Roth doch immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt, ohne ihn jemals bekommen zu haben. Nicht jeder mag seine spezielle literarische Herangehensweise an das Leben, seine obsessive Beschäftigung mit Sex und Tod – Verbündete für den Autor –, doch seine kraftvolle Sprache lässt wohl niemanden kalt. Das, was Connie Palmen hier fasziniert, sind auch die zahlreichen Facetten des Schriftstellers, dessen Hauptfiguren ausnahmslos Alter Egos Philip Roths darstellen. Vor allem aber ist es die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis: „Weil Roth zutiefst davon überzeugt ist, dass wir das Leben nur durch seine Fiktionalisierung verstehen können und dass die Wahrheit letzten Endes das Ergebnis dessen ist, was wir mit unserer Vorstellungskraft daraus machen, hat er sich der tiefsten, kompromisslosesten und intimsten Erkundung dieses Lebens verschrieben.“

Schaut man noch einmal auf die charakterisierenden Zuordnungen, wird eines klar: Connie Palmen möchte nicht nur „allein und zusammen sein“, sie möchte alles Unvereinbare verkörpern und literarisch darstellen können. Wie sie die hier fehlenden Adjektive verwegen, erbarmungslos, persönlich und doppeldeutig mit ihrem Leben verknüpft, möge der Leser ihrer großartigen, philosophisch fundierten Essays, die in kühnen Schlussfolgerungen gipfeln und das eigene Denken auf kluge und amüsante Weise herausfordern, selber entschlüsseln.


Connie Palmen: Vor allem Frauen. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Diogenes Verlag, Zürich 2024, Hardcover, 160 Seiten, EUR 22,–

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