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Buchmesse: Familientreffen in Leipzig

Die Niederlande und Flandern sind die diesjährigen Gastländer der Buchmesse.
Leipziger Buchmesse 2024
Foto: Jens Schlueter (Leipziger Messe/Jens Schlueter) | Die Berge und Täler der niederländischen und flämischen Literatur sind Gegenstand der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

„Alles außer flach“, so lautet das Motto des diesjährigen Gastlandes der Leipziger Buchmesse, Bezug nehmend auf die Geografie der Niederlande und Flanderns, in der man Berge und Abgründe vergeblich suchen wird – nicht aber in der Literatur beider Länder.

Hierzulande wird man vor allem die großen niederländischen Autoren kennen: Cees Nooteboom, Harry Mulisch, Leon de Winter, Margriet de Moor, Maarten Hart, Connie Palmen und Anna Enquist, sowie den flämischen Dichter Hugo Claus. Das Anliegen der Gastländer besteht aber in erster Linie darin, ihre zeitgenössischen Schriftsteller vorzustellen.

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Wir leben in einer sich rasant verändernden Welt mit Kriegen, Klimawandel, globalen Flüchtlingsströmen, die Jüngeren müssen um ihre Zukunft bangen. Politische Fragen werden zwar auch thematisiert, bei den hier vorgestellten belletristischen Werken zählen jedoch andere, persönlichere Schwerpunkte: Einsamkeit, familiäre Umstände, Konfrontation mit verdrängten Problemen.

Von Fliegern und Friseuren

Am 27. März 1977 kam es zu einer der schlimmsten Katastrophen der zivilen Luftfahrt: Eine Boeing der KLM, der nationalen Fluggesellschaft der Niederlande, stieß beim Start auf Teneriffa mit einer Maschine der Pan Am zusammen, 583 Menschen kamen dabei ums Leben. Das Unglück wird zum zentralen Thema in Gerbrand Bakkers Roman „Der Sohn des Friseurs“ (übersetzt von Andreas Ecke, Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, 285 Seiten, 25,00 €). Der homosexuelle Simon, Anfang vierzig, der wie schon Vater und Großvater als Friseur arbeitet, war früher Leistungsschwimmer und führt jetzt ein sehr beschauliches Leben in seinem Salon, den er alleine betreibt. Er lebt auch allein, arbeitet nur soviel wie nötig, schwimmt nur noch zum Vergnügen und scheint zufrieden mit seinem Dasein. Bis ihn ein Kunde auf seinen Vater anspricht, den Simon nie kennengelernt hat, weil er vor seiner Geburt bei eben dem Flugzeugunglück auf Teneriffa starb, ohne allerdings je identifiziert worden zu sein.

Der Vater saß offenbar nicht allein in der Maschine, er wurde von seinem Praktikanten begleitet. Der Mutter kann Simon nichts Konkretes entlocken, sie ist nie über das plötzliche Verschwinden ihres Mannes hinweggekommen. Eher ist der noch lebende Großvater hilfreich, der ja seinen Sohn verloren hat. Simon begibt sich auf die Suche nach der Geschichte des Vaters, er spielt mit den Möglichkeiten des „was wäre, wenn“. Der 1962 geborene Autor verschränkt das konkrete Unglück mit der fiktiven Erzählung auf höchst spannende, atmosphärisch dichte Weise – und bis wir zur Auflösung gelangen, ist die Hauptfigur sich selbst und seiner Familie zum ersten Mal nahegekommen.

Lot Vekemans, Jahrgang 1965, ist als viel gespielte Dramatikerin bekannt. Auch „Der Verschwundene“ (übersetzt von Andrea Kluitman, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, 266 Seiten, 22,00 €) ist eine besondere Familiengeschichte. Auch hier heißt der Protagonist Simon, er ist vor Jahren aus Amsterdam nach Kanada emigriert. Nach Jahren des Schweigens wird er von seiner Schwester gebeten, ihren halbwüchsigen Sohn für eine Weile bei sich aufzunehmen. Widerwillig stimmt er zu, ahnt aber schon, dass es mit dem in sein einsames Leben einbrechenden Neffen nur Probleme geben wird. Doch als der Junge in den Rocky Mountains verschwindet, brechen seine Gefühle hervor, und er stellt er sich der Vergangenheit und sich selbst. Ein ganz und gar nicht neues, aber immer wieder faszinierendes Thema – denn Freiheit von der Familie bekommt man nicht, indem man möglichst weit weggeht. Man nimmt die Familie immer mit.

Auf sensible Weise in die Seele eingefühlt

Die 1960er Jahre waren in der niederländischen Provinz nicht einfach für junge Frauen, die ein eigenes Leben führen wollten. Jaap Robben, Jahrgang 1984, schreibt in „Kontur eines Lebens“ (übersetzt von Birgit Erdmann, DuMont Buchverlag, Köln 2023, 336 Seiten, 24,00 €) über eine alte Frau, die gerade ihren Mann verloren hat und ins Altersheim umzieht. Sohn und Schwiegertochter kümmern sich um sie, die verwitwete Frieda will aber eigentlich alleine sein und überlässt sich zunehmend ihren aufsteigenden Erinnerungen, die keineswegs nur angenehm sind. Als junge, rebellische Frau hatte sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, wurde schwanger und von ihrer Familie verbannt, weil sie das Kind auf jeden Fall behalten wollte.

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Der katholische Mann konnte und wollte sich nicht scheiden lassen, aber für das Kind aufkommen – solange alles geheim blieb. Die beiderseitige große Liebe musste zerbrechen. Das Kind wurde tot geboren, so wird es der jungen Mutter erzählt. Doch losgelassen hat sie diese schmerzhafte Vergangenheit eigentlich nie, und Frieda schafft es tatsächlich, nach all den Jahren und mit mühsamer Recherche Gewissheit über das Kind und den dazugehörigen Vater zu erlangen. Dem Autor gelingt es, sich auf sensible Weise in die Seele der alten, aber immer noch widerständigen Dame einzufühlen und ein bewegendes Bild einer vergangenen Zeit entstehen zu lassen.

Dem Nachwuchs eine Chance

Auch die beiden jüngsten vertretenen Schriftstellerinnen, Lize Spit, Jahrgang 1988, und Fien Veldman, Jahrgang 1990, beschäftigen sich mit der Einsamkeit. „Der ehrliche Finder“ von Lize Spit (übersetzt von Helga von Beuningen, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2024, 126 Seiten, 18,00 €) schildert zwei ungleiche Schulfreunde; der mit seiner großen Familie aus dem Kosovo geflohene Tristan und der hochbegabte Außenseiter Jimmy finden nach scheuen Annäherungen zusammen. Als die Familie aus Belgien abgeschoben werden soll, schmiedet Jimmy einen Plan, um dies zu verhindern. Eine kitschfreie Geschichte über die Sehnsucht nach Freundschaft und Zuverlässigkeit.

In Fien Veldmans „Xerox“ (übersetzt von Christina Brunnenkamp, Hanser Verlag, München 2024, 224 Seiten, 23,00 €) „verliebt“ sich eine junge beziehungsunfähige Angestellte in ihren Xerox-Drucker, dessen Wohlergehen ihre Gedanken beherrscht. Die erzwungene Trennung von dem Gerät beschwört eine Katastrophe herauf. Das Romandebüt der Autorin legt den Finger in die Wunde einer mitleidlosen Arbeitswelt, in der empfindsame Naturen keinen Platz finden.

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Die ungewöhnlichste Neuerscheinung stammt von Gaea Schoeters. Die 1976 geborene Autorin wirft den Leser in „Trophäe“ (übersetzt von Lisa Mensing, Zsolnay Verlag, Wien 2024, 224 Seiten, 23,00 €) in die Welt der reichen Großwildjäger, die in Afrika für viel Geld Jagdlizenzen erwerben, um ihr persönliches Rauschbedürfnis zu befriedigen. So einfach und verwerflich, wie es klingt, ist das aber mitnichten – das Buch führt nicht nur in menschliche Abgründe, es zeigt uns menschliche Abgründe mit ethischem Anspruch. Hat man sich einmal, wenn auch widerwillig, hineinbegeben in die Geschichte, lässt sie einen nicht mehr los.

Da sind sie, die Berge und Täler der niederländischen und flämischen Literatur, und die Entdeckung lohnt sich allemal.

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