Berlin

"Germans & Jews – Eine neue Perspektive": Ein historisch belastetes Verhältnis

"Germans & Jews – Eine neue Perspektive" wirft viele Fragen auf, ohne Antworten darauf aufzudrängen.
Menora am Brandenburger Tor
Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) | Gemeinsam richten Rabbi Shmuel Segal (l) und Rabbi Yehuda Teichtal am 07.12.2012 auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin einen neunarmigen Chanukka-Leuchter auf.

Ein Abendessen, bei dem nichtjüdische Deutsche und in Deutschland lebende Juden über ihre Beziehungen zueinander diskutieren, bildet den Erzählrahmen für den Dokumentarfilm „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“, der zwar 2016 fertiggestellt und auf zahlreichen Filmfestivals von Jerusalem bis Los Angeles, von Washington bis London vorgeführt wurde, bei uns jedoch erst jetzt auf DVD beziehungsweise auf der Online-Streamingplattform Amazon Prime Video veröffentlicht wird.

Davon, dass ein solches Verhältnis nicht gerade einfach ist, zeugt nicht nur die Geschichte. In einem der kurzen Interviews, die dem Abendessen vorangestellt werden, heißt es: „Mein nach Israel geflüchteter Vater hat gesagt, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gibt: Juden und Nazis.“ So plakativ und undifferenziert geht der Dokumentarfilm jedoch nicht mit der Frage um, wie es sein kann, dass Berlin 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die am schnellsten wachsende jüdische Bevölkerung in Europa besitzt, und sich gleichzeitig die Medienberichte über antisemitische Beleidigungen, Übergriffe und Anschlagsversuche auf Synagogen häufen.

Juden bilden derzeit in Deutschland nur 0,2 Prozent der Bevölkerung

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Gerade diese Frage war der Auslöser für den Film: Bei einer Reise nach Berlin zeigte sich die amerikanische Jüdin Tal Recanati vonder stark wachsenden jüdischen Gemeinde überrascht, auch wenn heute Juden lediglich etwa 0,2 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung ausmachen. In New York sprach sie mit der nicht-jüdischen deutschen Filmemacherin Janina Quint, und sie beschlossen, den Film zu drehen. Dazu führt Regisseurin Janina Quint aus: „Der Film zeigt, wie sich Deutschland aus einem Abgrund seiner Werte langsam, mit viel Mühe und politischem Fortune, in eine tolerante, demokratische Gesellschaft entwickelt hat. ,Germans & Jews‘ kam Anfang 2016 in den USA auf den Markt und seitdem hat sich die Stimmung in Deutschland verändert. Antisemitische Gewalt steigt und öffentliche, antisemitische Propaganda fängt wieder Wählerstimmen. Und wieder fragen sich Juden, ob sie in Deutschland noch leben können.“

„Wir lebten unter Tätern und Überlebenden.“

Zu den Interviewten zählt insbesondere auch der inzwischen verstorbene Historiker Fritz Stern, der bei den Deutschen Selbstmitleid anprangert. Damit stimmt etwa auch der 1947 in Tel Aviv geborene Publizist Rafael Seligmann überein, dessen Eltern 1934 vor den Nazis geflohen waren, und mit ihm 1957 wieder nach Deutschland zurückkehrten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten etwa 27 000 Juden nach Deutschland zurück. Seligmann erzählt von Lehrern, die in der Nazizeit ausgebildet worden waren, und von einer Bevölkerung, die Kriegstraumata verdrängte: „Wir lebten unter Tätern und Überlebenden.“ Dazu sagt der 1939 geborene Rüdiger von Voss: „Die Familien brauchten Zeit, um sich der Vergangenheit zu stellen.“ Das schwere geschichtliche Erbe mit der Frage der Schuld wirft schwierige Fragen auf, die sich nicht in einem Täter-Opfer-Schema erschöpfen.

Ein jüdischer Künstler, der sich in Berlin sicherer als in Israel fühlt, fragt seinen Tischnachbar, ob er sich als stolzen Deutschen ansehe. Die Antwort: „Ja, auf eine gewisse Weise schon, aber nur, weil ich mich meinem Land und meiner Kultur als Patriot der Demokratie und der Menschenrechte verbunden fühle.“ Mit den Auschwitz-Prozessen, so Sozialpsychologe Harald Welzer, der 68er-Bewegung und dem damit einhergehenden Generationenkonflikt sowie der Fernseh-Miniserie „Holocaust“, die 1979 ausgestrahlt wurde, sei in den 1980er Jahren eine „neue deutsche Identität“ entstanden. „German & Jews“ beschäftigt sich mit schwierigen Fragen, drängt allerdings dem Zuschauer keine Sichtweise, keine Antwort darauf auf.


„Germans & Jews – Eine neue Perspektive“. Regie: Janina Quint, USA 2016, 76 Minuten. DVD, EAN 4-250-12843-687-8, EUR 11,88. Auf Amazon Prime Video ab EUR 4,87

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