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Zhao Tingyang sieht den Westen am Ende

Alles unter einem Himmel: Der Philosoph Zhao Tingyang sieht den Westen am Ende und empfiehlt das gesellschaftliche Heil nach chinesischem Vorbild.
Am Tor zum Himmlischen Frieden in Peking.
Foto: Tuul et Bruno Morandi via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Mao ist ein Vorbild für den chinesischen Philosophen ZHAO Tingyang. Bild des Diktators am Tor zum Himmlischen Frieden in Peking.

 Wird die Globalisierung in die weltweite Einheitsgesellschaft münden? Der chinesische Philosoph  Zhao Tinyang wünscht sich das in seinem neuen Buch. Der 1961 geborene Professor für Philosophie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking ist nahe an der Macht. Mit seinen Thesen bezieht er sich daher kritisch auf westliche Denker, aber ganz aus der chinesischen Perspektive. 

Einheitliche Gesellschaft

Für die Welt der imperialen Großmächte und ihrer „Unterwerfungspolitik“ sieht Zhao nur einen Ausweg: Diese Unterwerfungen und Objektivierungen von Teilen der Welt können nur aufhören, wenn es eine einheitliche Gesellschaft gibt, die kein Außen mehr hat, auf das sie Einfluss nehmen könnte. „Das bedeutet, Weltpolitik muss unter einem größeren Gesichtswinkel als dem des Staates verstanden werden, die Welt als Ganzes muss als Maßstab der Definition politischer Ordnung und politischer Legitimität dienen.“ Diese Welt als Ganze sei unter der bisherigen westlichen Politik überhaupt noch nicht in den Blick gekommen.

Das chinesische  Wort dafür, dass alles unter dem einen Himmel ist, heißt Tianxia, und das Prinzip von „Alles unter dem Himmel“ heißt „Tianxia ohne Außen“. Es gibt also nichts äußeres Fremdes und keine Feinde oder andere Kulturen mehr in diesem integrativen Denken, wie es Zhao nennt. „Alle Staaten oder Gebiete, die sich noch nicht dem System des Tianxia angeschlossen haben, sind eingeladen, der Ordnung der Koexistenz des Tianxia beizutreten.“ Dieser Beitritt wird ausdrücklich als eine Frage der Integration verstanden, nicht der Unterwerfung. Damit würde Weltpolitik im Sinne ganzheitlicher Welt erst ihren Sinn bekommen, die bisherige antagonistische Politik sei Ausdruck ihres Scheiterns. 

Führung des Himmelssohns

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Zhao findet alles, was er für seine politische Theorie braucht, in der chinesischen Geschichte. Dass Geschichte für ihn normativ ist, unterscheidet ihn von westlichen Gesellschaftstheoretikern, die eher rationale Normen fordern. Als gesichert gilt Zhao das ausgereifte Tianxia-System in der Zhou-Dynastie vor 3 000 Jahren, frühe Dokumente gebe es schon seit 4 000 Jahren, als die zehntausend Staaten unter dem Himmel unter der Führung des Himmelssohns wirkten. Der Alltag war spirituell und feierlich durch Riten und Musik, auch das materielle Leben erhielt so eine rituelle Form und bekam dadurch „Heiligkeit“. Die bestand nicht in dem Glauben an eine transzendente Gottheit, sondern das Religiöse verkörperte das profane Leben. Für Zhao ist alles im Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde, es geht um die „Lebensfähigkeit aller Menschen und des wechselseitigen Nutzens“. Metaphysisch gesehen geht es in dieser Diesseitslehre nur um das Werden, nicht um das Sein oder das Wesen. Alles ist in Veränderung und nur das zählt hier. Die kleinste Einheit der Gemeinschaft nennt Zhao die Sippe, ihr steht der Staat gegenüber, überdacht vom Tianxia. Auch nach Konfuzius sei es die Sippe, denn im Empfinden des Einzelnen müsse es ein Gen der Uneigennützigkeit geben, wodurch die „Verwandtenliebe“ funktioniere. 

Warum aber brach das System des „tugendhaften Regierens“ nach 800 Jahren wieder zusammen? Einerseits war es ein politisches System, das noch nicht ökonomisch entwickelt war, zum anderen konnte es Angriffen von fremden Nomadenstämmen nicht standhalten. Die weitere Politik nach der Zhou-Dynastie verlor ihr Gleichgewicht und wurden von partikularen Interessen zerrissen. 

Die Idee des Universalismus wird missverstanden

Die starke Betonung der chinesischen Geschichte verbindet sich bei Zhao mit einer völligen Ablehnung des Westens. Trotz aller Hervorhebung der „Heiligkeit“ lehnt er besonders das Christentum ab. Ihm missfällt, dass das Christentum ein Außen hat, nämlich Heiden. Im Judentum sieht er zwar einen partikularistischen Monotheismus, der Wendepunkt sei allerdings das Christentum mit seinen Eigenschaften des Dogmatismus und der alleinigen Verehrung eines Gottes. „Es schuf eine spirituelle Politologie mit Hilfe der vier großen politischen Erfindungen, nämlich der Propaganda, dem Psychomanagement, dem Massenglauben und dem spirituellen Feind.“ 

Auch wenn Zhao schreibt, die Politik müsse dem Himmel entsprechen und nicht einem Gott, ist das Buch doch sehr wichtig zu lesen, weil es zeigt, wie man in Peking denkt. Dabei ist das säkulare Denken nur ein Teil der Gesamtkritik am Westen. Denn der Westen habe sich nicht durch seine Ideen oder Werte durchgesetzt, sondern in der Sicht Zhaos durch Gewalt. Bis 1914 hätte der Westen 85 Prozent der Erdkugel beherrscht. Es sei geradezu das „Narrativ der Moderne“, dass sich starke Staaten zu imperialistischen entwickeln. Den Höhepunkt bildet dabei erwartungsgemäß der „US-Imperialismus“ mit seiner „Hegemonie über das Finanzwesen und die der Souveränität übergeordnete Menschenrechtsstrategie“.

Der Kern

Damit ist ein Kern der chinesischen Argumentation erreicht. Denn China vertritt einen anderen Menschenrechtsbegriff als der Westen, weil hier verschiedene Begriffe von Universalität zugrunde liegen. Dazu Zhao: Der westliche Imperialismus „pflegt das Missverständnis, Universalität entstehe aus Universalisierung, ein tödliches Missverständnis. Das Gegenteil ist richtig, logisch wie praktisch ist Universalität die Vor-aussetzung für Universalisierung. Universalität entsteht auf keinen Fall durch Propagierung des Universalismus.“ 

Doch hier liegt das Missverständnis bei Zhao, und da hilft ihm auch nicht der Hinweis auf das Tianxia-Konzept als Welt ohne Außen als Voraussetzung einer universalen Weltordnung. Auch das Christentum hat die Ordnung des Naturrechts als immer schon universale Ordnung verstanden, die nicht erst universalisiert werden musste; parallel dazu war die Vernunftordnung eines Aristoteles, Thomas oder Hegel ebenfalls als universal verstanden. Und das in einem höheren Sinne universal als bei Zhao, der über eine empirisch verstandene historische Ordnung der Tianxia nicht hinauskommt und damit gerade Universalität im echten westlichen Sinne gar nicht denken kann. Diese Universalität ist auch das Kriterium für Werte und Ideale, die das Tianxia so gar nicht haben kann. In der abendländischen Philosophie ist die Universalität nie durch stufenweise Universalisierung gedacht worden – der Mensch hat seine Würde als Mensch, nicht im Naturprozess seines Aufwachsens. 

Die chinesischen Probleme heutiger Politik kommen bei Zhao nicht vor, denn auch hier gibt es ein Außen in Gestalt der Uiguren etwa, die verfolgt und grausam ermordet werden. Und es ist nicht allein der Westen, der mit den Gefahren der Gentechnologie und intelligenten Maschinen spiele. „Der Zeitpunkt, wo der Mensch nahezu göttliche Fähigkeiten erreicht haben wird, kann für die Menschheit der kritische Punkt der Katastrophe sein, das heißt der Weltuntergang.“ Zhao liegt daneben, wenn er spitzfindig unterscheidet, dass der Weltuntergang nicht durch das Jüngste Gericht kommt, sondern von Menschen verhängt ist. Hatte er doch zuvor selbst erklärt, dass es eine „selbstmörderische Bewegung der Menschheit“ sei, Gott werden zu wollen.

Publikratie

Demokratie sieht Zhao in Publikratie übergehen, also in eine Politik, die in der öffentlichen Meinung gründet, die wiederum häufig Medienmeinung ist. Aristoteles habe noch auf eine positive Publikratie gehofft in ausgewogenen Marktplatzdebatten. Dass Zhao als Garanten des Auswegs aus dem Imperialismus Mao und Lenin nennt, kann nach den vielen Missverständnissen auch nicht mehr erschrecken, immerhin haben die beiden ihre vermeintliche Einheit in ihren Gesellschaften „ohne Außen“ mit äußerster Gewalt durchgesetzt. 

Dass der gemeinsame Nutzen für alle Menschen nur ohne staatliche Strukturen erreichbar ist, ohne kulturelle Differenzen, ohne Monotheismen, ohne Moral und Tugend, sondern stattdessen eher in einem Urkommunismus maoistisch-konfuzianistischer Prägung, der diese Praktiken alle viel besser zu lösen imstande sei, hat der Westen eigentlich verabschiedet. Auch wenn hier das globale Menschheitsethos immer wieder spürbar ist, nicht zuletzt in manchen Rezensionen dieses Buches, die still von den kommunitaristischen Träumen aus China gefangen zu sein scheinen. 

Kein Sinn

Abschließend formuliert Zhao noch einmal deutlich, was er unter seinem säkularen und ausschließlich vom Werden bestimmten Weltbild versteht: „Die Sakralität der Schöpfung ist nicht Gottes Werk, sondern entspringt der Ernsthaftigkeit des Lebens.“ Und weiter: „Wenn das dahinfließende Leben nicht im Prozess des eigenen Vergehens Sakralität gewinnt, wenn Sakralität nur einem absoluten, ewigen und vollkommenen Gott gehört, dann hat das Leben keinen Sinn.“ Hier spricht sich deutlich die ostasiatische Melancholie aus, die nur das zerfließende Werden kennt, dem alles unterworfen ist, von den Göttern bis zum Grashalm.  


ZHAO Tingyang:
Alles unter dem Himmel.
Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020,
266 Seiten,
ISBN 978-3-518-29882-4,
EUR 22,– 

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