Susan Sontag

Susan Sontag war gelernte Europäerin

Leben auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs: Eine Biografie zur Essayistin wird rezensiert.
Susan Sontag
Foto: imago stock&people | Hat viel erreicht, aber war nicht glücklich: Susan Sontag.

Wer war Susan Sontag (1933–2004)? Intellektuelles Wunderkind, hochintelligente, von Sigmund Freud und Antonin Artaud geprägte Schriftstellerin, Essayistin und Regisseurin, besessene Leserin von Kind an mit einer Leidenschaft für die Antike und deutschsprachige Literatur, die sie als Teenager dazu bringt, sich bei Thomas Mann in Kalifornien zum Tee einladen zu lassen. Dabei war sie auch eine überhebliche und fordernde Partnerin, willensstarke Kämpferin gegen ihre Krebserkrankung, daneben eine ikonisch verehrte Schönheit in der New Yorker Kunstwelt. Moralisch und physisch engagierte sich die Journalistin und Unterstützerin der Ärmsten in den Krisenherden der Welt von Vietnam bis Jugoslawien, sie war Verteidigerin Israels, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2003) – eine Frau voller Widersprüche mit den Fähigkeiten eines Chamäleons.

Eine Mutter, die Kinder nicht mag

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Der 1976 in Houston/Texas geborene und in den Niederlanden lebende amerikanische Schriftsteller Benjamin Moser unternimmt auf fast 1 000 Seiten den Versuch, sich dem schwer zu greifenden „Phänomen Susan Sontag“ zu nähern. Er ist dafür 2020 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden. Susan Lee Rosenblatt wird 1933 in New York City als Tochter eines Exportkaufmanns und einer Lehrerin, beide mit jüdisch-europäischem Hintergrund, geboren und wächst mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester zunächst bei den Großeltern auf, während die Eltern in China weilen. Im Alter von fünf Jahren stirbt ihr Vater an Tuberkulose. Die schöne Mutter, zeit ihres Lebens Alkoholikerin, heiratet sieben Jahre später den Army-Captain Nathan Sontag, dessen Namen die beiden Schwestern annehmen. Der traumatische Verlust des Vaters und die fehlende Liebe der Mutter, die Kinder eigentlich nicht mag, begleiten ihr ganzes Leben und erklären sicher zum Teil die Sehnsucht nach Liebe, gepaart mit der gleichzeitigen Unfähigkeit, wirkliche Nähe zu ertragen.

Mit sechzehn Jahren beginnt Susan Sontag ein Studium in Berkeley, wechselt aber im selben Jahr an die University of Chicago und studiert Literatur, Theologie und Philosophie. 1956 belegt sie in Harvard ein Seminar über klassische deutsche Philosophie bei dem protestantischen Religionsphilosophen Paul Tillich. Mit 17 Jahren heiratet sie 1950 den Soziologieprofessor Philip Rieff, zwei Jahre später wird Sohn David geboren. Sie lässt Mann und Kind häufig alleine und wiederholt bei ihrem eigenen Kind die schmerzlich erfahrenen Fehler ihrer Mutter. Ohne ihre Familie reist Susan Sontag 1957 nach Europa und bleibt, nach kurzen Stationen in Oxford und London, längere Zeit in Paris, wohin sie immer wieder zurückkehren wird – wie in späteren Jahren auch nach Rom und Berlin. Ihre Ehe wird 1958 geschieden.

„‚Moral‘ ist bei Susan Sontag in erster Linie ein Denkmodell“

Was Susan Sontags Denken bereits in Amerika beschäftigte – die Frage nach einer Philosophie, einer Kultur und einem Leben inmitten der Trümmer des Zweiten Weltkriegs – kann sie nun in Europa direkt studieren. Am Beispiel Walter Benjamins, Elias Canettis und E.M. Ciorans beschreibt sie das Empfinden, „auf den Ruinen des Denkens und knapp vor den Ruinen der Geschichte und der Menschen selbst zu stehen.“ „Das Thema schlechthin des 20. Jahrhunderts“ („Reflexionen über Cioran“) wird von zentraler Bedeutung in ihren Schriften werden.

Zum anderen ihr Leben bestimmenden Thema wird der Balanceakt zwischen Ästhetik und Moral. Die Erfinderin des „Camp“-Begriffs („Notes on Camp“, 1964), dessen Idee Stilisierung, Übertreibung und Kitsch im Zusammenhang mit Selbstdarstellung („Sein als Rollenspiel verstehen“) beinhaltet und damit letztlich ein Marketingkonzept der eigenen Person ist, betrachtet die Welt zunächst als ein ästhetisches Phänomen. Ein Kunstwerk hat nach ihrer Definition mit allen Vorläufern zu brechen, damit etwas wirklich Neues entsteht.

Einsatz in Sarajewo während des Jugoslawienkriegs

 

Was bei Moser nicht vorkommt, in diesem Zusammenhang aber nicht unterschlagen werden sollte: 1980 veröffentlicht Susan Sontag in „The New York Review of Books“ eine fundierte essayistische Analyse von Hans-Jürgen Syberbergs „Hitler“-Film, der sie so tief beeindruckte, dass sie den Film gegen Kritik der Linksintellektuellen verteidigt. Sie begreift die Darstellung des Nazismus in dem siebenstündigen Film als „Schöpfungsmythos einer neuen Eiszeit“, als Eschatologie des Bösen. Auch „Moral“ ist bei Susan Sontag in erster Linie ein Denkmodell. Das unter dem Namen ihres Mannes Philip Rieff veröffentlichte, aber wohl hauptsächlich von ihr verfasste, Buch „Freud: The Mind of the Moralist“ von 1959 verdeutlicht den heute kaum noch vorstellbaren Einfluss, den Freud – bis in die 70er Jahre – auf junge Intellektuelle ausübte.

Die weit auseinanderliegende Pole sind in der Person Susan Sontags vereint, die ein Leben zwischen Andy Warhols Factory, Jacqueline Onassis und der New Yorker Upperclass sowie dem selbstlosen Einsatz in Sarajewo während des Jugoslawienkriegs Anfang der 90er Jahre verständlicher erscheinen lassen. Siebenmal hat sie Sarajewo während des Krieges besucht, sie schreibt über ihre Eindrücke in amerikanischen Medien, sammelt Geld und Lebensmittel für die Menschen, inszeniert unter Einsatz ihres Lebens mit einheimischen Schauspielern Becketts „Warten auf Godot“ und lebt mit der Truppe im Bombenhagel. Nach ihrem Tod wurde der Theaterplatz in Sarajewo zu ihren Ehren umbenannt.

Schön, intelligent - nie glücklich

1998 erkrankt Susan Sontag erneut an Krebs, 25 Jahre nach ihrer Mastektomie. Sie kämpft wie eine Löwin gegen die Leukämie, lässt keine Behandlung aus und kann sich nicht vorstellen, dass ihr Wille sie diesmal nicht retten wird. Am 28. Dezember 2004 stirbt Susan Sontag in New York. Sie wird auf dem Pariser Friedhof Montparnasse bestattet.

Die Fotos des Bandes illustrieren den Lebensweg einer Frau, die alles für sie Wichtige in sich vereinen konnte – Schönheit, Intelligenz, die Fähigkeit, immer im passenden Moment am richtigen Ort zu sein, und die doch nie glücklich sein konnte. Die ihre jüdischen Wurzeln immer akzeptiert hat und doch keinesfalls darauf festgelegt werden wollte. Die sich ihren Nächsten gegenüber wie ein Monster benahm und Benachteiligten ihr letztes Hemd anbot.


Benjamin Moser: Susan Sontag. Die Biografie, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Penguin Verlag, München 2020, 928 Seiten, EUR 40,–

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