Wien

Alexander Bogner: Der „Wahrheitspolitik“ muss Grenzen gesetzt werden

Corona, Klima, Migration, Energie - das sind nur vier Themen, die in der Gesellschaft die Debatten befeuern. Häufige Forderung: „Folgt der Wissenschaft.“ Aber warum Wissenschaftler nicht herrschen und Politiker keine Dogmen verkünden sollen, erklärt der Soziologe Alexander Bogner.
Joe Biden im Labor
Foto: Imago Images | Politik braucht Wissenschaft, darf sie aber nicht instrumentalisieren: US-Präsident Biden informierte sich in einem Labor über die Viren und lässt sich von einem der Wissenschaftler über den Stand der Forschung ...

Der Weg zum interessierten Leser wird beim vorliegenden Buch schon durch die Unverständlichkeit des Titels verbaut. Immerhin erklärt der Autor, Dozent für Soziologie in Wien, auf Seite 130, was mit der „Epistemisierung des Politischen“ gemeint ist: „Epistemokratie bezeichnet die Herrschaft der Wissensförmigkeit, vielleicht auch einer gewissen Wissensgläubigkeit.“ Es gehe um „den festen Glauben daran, dass viele der gegenwärtigen Krisen, Konflikte oder Streitfragen erst dann richtig begriffen oder richtig formuliert werden können, wenn es im Kern um Wissensdinge geht bzw. wenn wir sie als Wissensprobleme behandeln.“

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Warum das nicht zwingend zu einer Versachlichung führt, die nach den im 20. Jahrhundert durchlittenen massenmörderischen Ideologien wohltuend und friedenswahrend wirken könnte, versucht Alexander Bogner, der auch Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie ist, in seinem Essay darzulegen. Ein Argument ist, dass die Konzentration auf die Wissensfragen aus dem Blickfeld verdränge, „was politische Probleme eigentlich ausmacht und gesellschaftliche Konflikte anheizt: divergierende Werte, Interessen und Weltbilder“. Die dialektisch anmutende These des Autors lautet, dass die Fixierung auf die Idee, es gebe so etwas wie eine ideologiefreie Politik, welche auf einem Expertenkonsens beruht, eine „Politik der alternativen Fakten“ geradezu provoziert.

Debatte und Widerspruch verhindern Dogmatismus

Als Beispiele dafür nennt er den Streit um den Klimawandel, die Corona-Politik, den Kreationismus, die Evolutionstheorie und den Ursprung von AIDS. Eine recht bunte Themenmischung, wenn man sich vorstellt, Politik hätte tatsächlich nur „darüber zu wachen, wer in Form alternativer Expertise und Positionen vom rechten Weg der Wissenschaft abweicht und daher verantwortungslos handelt“. Belegt nicht schon die begonnene Lernkurve der Wissenschaft – und in ihrem Gefolge der Politik – in der Beurteilung der Corona-Pandemie, dass Wissenschaft Debatte und Widerspruch braucht, um nicht zum Dogmatismus zu verkommen, also unwissenschaftlich zu werden? Kann man jeden Widerspruch in den genannten Themenfeldern tatsächlich pauschal mit dem Hinweis vom Tisch wischen, er komme „von Demagogen und Populisten, die uns mit teils belustigenden, teils verstörenden Zweifeln und Fragen konfrontieren“?

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Möglicherweise ist der Abwehrreflex gegen einen unwissenschaftlichen Narrensaum, den Wissenschaft um des Erkenntnisfortschritts willen eigentlich gelassen ertragen könnte, gerade dort spürbar, wo Wissenschaft sich von Politik instrumentalisieren lässt. Also wenn, wie der Autor diagnostiziert, politische Streitfragen zu Wissenskonflikten werden und ein „direkter Weg von der Evidenz zur richtigen Politik“ behauptet wird. Verdorben wird dabei aber nicht nur die Fehlerfreudigkeit der Wissenschaft und ihre Unabhängigkeit von der Macht, sondern auch die Politik: Sie wird nämlich – wie die Corona-Krise zeigte – auf das Administrative beschränkt. „Eine solch rein administrative Politik ist aber nur dann möglich, wenn Wertefragen außen vor bleiben. Wenn es, mit anderen Worten, einen breiten Wertekonsens gibt“, schreibt Bogner.

Rote und braune Tyrannen einig in der Strategie

Oder, so möchte man ergänzen, wenn dieser Wertekonsens von den Regierenden behauptet wird, was die Pathologisierung oder Kriminalisierung von Andersmeinenden zur Folge hätte. Die braunen und roten Tyranneien des 20. Jahrhunderts haben bekanntlich diese Strategie gewählt.

Damit hat der Autor wohl tatsächlich einen kritischen Punkt in den Blick gerückt: Wenn Wertedifferenzen nicht mehr friedlich und diskursiv ausgetragen werden können, weil die Wissenschaft bereits gesprochen und damit eine „alternativlose“ Politik begründet habe, ist die Demokratie tatsächlich in Gefahr. Bogner stellt klar: „Gute Politik lässt sich nicht (oder nur selten) auf die richtige Lösung von Wissensfragen reduzieren, und politische Konflikte lassen sich auch nicht mit Verweis auf wissenschaftliche Wahrheiten befrieden.“

„Das Wissen ist der Macht dienlich,
doch weder sind die Mächtigen die Wissenden,
noch haben die Wissenden die Macht inne.“

Der Autor wendet sich gegen Dogmatismus, Autoritatismus und Intoleranz, plädiert für einen „weltanschaulichen Relativismus“, der in der Demokratie wechselnde Mehrheiten und geschützte Minderheiten ermögliche. „Das Schicksal der Demokratie hängt an der Verbreitung eines typisch wissenschaftlichen Habitus, für den Skepsis, Selbstkritik und ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber absoluten Wahrheitsansprüchen grundlegend sind.“ Er räumt aber ein, dass die „Idee objektiver Wahrheit“ für die liberale Demokratie eine „notwendige Fiktion“ ist. Begründung: „Es ist zu erwarten, dass eine Gesellschaft, die gleichgültig der Wahrheit gegenübersteht, nicht nur an unlösbarem Meinungsstreit, sondern vor allem an mangelnder Dynamik leidet.“

Bogner zielt nicht gegen Wissenschaft und Wissensgesellschaft, sondern plädiert für eine Unterscheidung: „Das Wissen ist der Macht dienlich, doch weder sind die Mächtigen die Wissenden, noch haben die Wissenden die Macht inne.“ Die Experten sollten also nicht selbst Entscheidungsbefugnis haben, wie Politik nicht Expertenberatungen vorwegnehmen dürfe. In diesem Sinn kritisiert der Autor auch die „Auslagerungen von souveränen Rechten der Legislative“ an Verfassungsgerichte, Zentralbanken oder Rechnungshöfe.

Wissenschaft darf sich nicht nach der Mehrheit richten

Die Entscheidungskompetenz der Politik ist insbesondere deshalb gefordert, weil Wissenschaft nicht zu Eindeutigkeit oder gar Alternativlosigkeit führt. Bogner schreibt mit Recht: „Die fortschreitende Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft resultiert in einer Wiederverrätselung der Welt durch Komplexitätssteigerung.“ Simplifizierungen und einfache Welterklärungsmodelle sind angesichts dessen vielleicht ersehnt, aber nicht zielführend. Bogner schreibt deshalb, es sei nicht die Aufgabe der Wissenschaft, sich nach Mehrheitsmeinungen zu richten, aber auch nicht die Aufgabe der Politik, „wissenschaftliche Wahrheit“ zu vollstrecken.


Alexander Bogner:
Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet.
Reclam Verlag 2021, 143 S., ISBN 978-3-15-011343-1, EUR 11,77

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