Nursia

Paolo Rumiz: Wo die Ursprünge des spirituellen Europas liegen

Golgatha, Akropolis und Kapitol sind Fixpunkte der Entstehung des europäischen Werte- und Kulturraumes. Benediktiner haben dieses Fundament auch über die Inhalte der Regel ihres Ordensgründers zwischen dem Atlantik und dem Ural verbreitet.
Benediktinerabtei Praglia
Foto: Imago Images | In der italienischen Benediktinerabtei Praglia beschließt Paolo Rumiz, zu seiner Reise zu den Benediktinerklöstern Europas aufzubrechen.

Europa? Eine wünschenswerte, eine mögliche Gemeinsamkeit. Oft ist ein Buchtitel, so wie es auch Eigennamen sein können, schon ein Programm für sich: „einen Faden zu spinnen ist eine jahrtausendealte weibliche Geste“, schreibt der italienische Wanderer, Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz in seinem Buch „Der unendliche Faden. Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas“ und erklärt: „Ich bin auch hier, um Europa zu suchen, seine christlichen Wurzeln.“ Dieses Buch ist eine lyrische Reisebeschreibung durch Europa, auch über Europa hinaus in eine Glaubensdimension, die sich in konkreten Lebensformen verwirklicht. Gleichzeitig ist der Wanderer auf der Suche nach abgelegenen „Hermitage-Zonen“, die uns vor vollständiger Verzehrung, Zerstreuung und Auflösung im alltäglichen Chaos bewahren können.

Europas Wurzeln sind christlich

Das Buch beginnt mit der Beschreibung einer entrückten, italienischen Landschaft bei Nursia, dem Geburtsort des Heiligen Benedikt (um 480): „... die Berge wurden rau und unwegsam. Von einem windgepeitschten Sattel stiegen wir im Nebel langsam durch eine verschneite Rinne ab; als wir unten ankamen, durchbrach ein Sonnenstrahl das Grau, funkelte an einem immergrünen Himmel und offenbarte zur Rechten die schneeweißen Berge der Prophetin Sybille ...“.

Paolo Rumiz dringt auch in die mythologische, archaische Geschichte Italiens ein, erzählt von Göttinnen und Sybillen, von der Moderne, den verheerenden Erdbeben in den Abruzzen, um und in Amatrice: „Ich sah wie die Erde gähnte und dabei das Maul aufriss wie Leviathan. An manchen Orten war die Zerstörung so gewaltig, dass ein Niesen genügt hätte, um weitere Gebäude zum Einsturz zu bringen...“.

Es geht in diesem Buch auch um Aktualität, Wirtschaft, Politik, Kultur und Tagungen über verletzte Landschaft. In der italienischen Benediktinerabtei Praglia beschließt Paolo Rumiz aufzubrechen, um die Reise zu den Benediktinerklöstern Europas zu beginnen. Er selbst, wie er so schön erzählt, wurde schon in der Vergangenheit von einem Landpriester mit den folgenden Worten unterrichtet: „Bei einer spirituellen Erfahrung haben Orte gar keine Bedeutung, nur die Menschen zählen.“ Und in Praglia rät man ihm, sich an Notker Wolf zu halten, den ehemaligen Abt des Benediktinerklosters Sankt Ottilien in Deutschland. Paolo Rumiz porträtiert ihn kurz und treffend als Bauer Gottes, „er weiß, was er ausgesät hat, wird eine Spur hinterlassen. Im Zeichen der Freude, dem ersten Gebot Benedikts“.

„Dom Pérignon war ein Weinberg der Benediktiner,
bevor er ein Champagner wurde“

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Der Autor beschreibt auf die eindringlichste Art unseren Stand als moderne Menschen, die wir „die Orientierung und jegliche spirituelle Verankerung verloren haben und uns von Rattenfängern ködern lassen, die mit unserer Angst spielen“. Dieser Orientierungslosigkeit wird hier die aktive Teilnahme an einer Jahrhunderte alten Regel entgegengesetzt, die in jedem der beschriebenen Klöster Europas ihren ganz persönlichen Ausdruck findet. Eine mögliche und lebensbejahende Struktur wird hier in unsere Erinnerung gerufen; es ist eine alte Struktur, die sich über viele Jahrhunderte bewährt hat.

Und die Frauen, die weibliche Seite der Benediktiner? Auch die Frauen setzen dieses altbewährte Lebensmodell der Benediktiner um, wie zum Beispiel in dem Kloster Viboldone in der Lombardei. Der Autor schafft ein scharfes, kritisches und gleichzeitig humorvolles Porträt vieler Klöster Europas, erzählt von diesen einzelnen Einheiten, die sich selbst als Zönobium verstehen, also ohne eine pyramidenförmige, zentralisierte Ordnung; jedes Kloster lebt für sich und alle sind gemeinsam im Glauben verbunden.

Der Kulturraum überwindet Nation und Grenzen

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Jede Klosterbeschreibung geht einher mit einem Schlüsselwort, wie Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Arbeit, Weibliches, Musik, gregorianischer Gesang, Wein: „… die Weinfässer unter den kräftigen Spitzbögen erinnern uns daran, dass die Evangelisierung Europas mit der Verbreitung der Weinreben vom Mittelmeer bis an die Mosel einhergegangen ist. Dom Pérignon war ein Weinberg der Benediktiner, bevor er ein Champagner wurde“, und weiter gutes Essen, Zeiteinteilung und Pünktlichkeit, Natur, Schweigen, Kinder, oder besser ,petits hommes‘, Sommersonnenwende, Bibliothek, Schafe, Bier.

Das Buch führt uns in ein übergrenzliches, übernationales Europa, wie es schon da war und wie es wünschenswert wäre, und will auch eine sehr kritische Zeitbetrachtung des Abendlandes sein, unseres geliebten Europas. Und was macht Europa aus? „Die Humanisierung der Landschaft ist Europa... Unsere Welt gründet auch auf Griechenland, Rom, die arabische und slawische Kultur, die keltische und die germanische Welt, doch am Ursprung Europas stehen vor allem Menschen, die sich zum Christentum bekannten. Und christlich ist die Vermischung all dieser unterschiedlichen Kulturen. Ein Christentum der einfachen Leute, Gottes Volk“, erklärt der Autor.

 

Der Wanderer schreibt auch von der Wurzellosigkeit und ständiger Entwurzelung, die viele böse Konsequenzen hat. Er schreibt so treffend: „Ohne eine spirituelle Dimension scheitern auch Politik und Ökonomie“, und er gibt die Worte des Bruders Fedele aus dem Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore wieder, „wichtig ist, dass man die Wahrnehmung des Unsichtbaren am Leben hält“.

Worte haben Gewicht in diesem Buch, sind erfahrene, gelebte Worte. Immer wieder betont der Autor das Schweigen auf dieser Reise in die Welt der europäischen Benediktiner und die Worte entstehen auch dank des Schweigens, wie die Farben aus dem Zusammenspiel zwischen Licht und Dunkelheit entstehen.


Paolo Rumiz: Der unendliche Faden. Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas.
Folio-Verlag, Wien/Bozen 2020, 220 Seiten,

ISBN-13: 978-385256-805-8, EUR 22,–

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