Würzburg

Wird alles schlechter?

Der Pessimismus ist eine Konstante in bundesrepublikanischen Diskursen. Heute grassiert er mehr denn je. Warum sind Entwürfe zur Therapie Mangelware?
Deutsche Bank mit Milliardenverlust
Foto: Foto: | Die Angst vor dem bevorstehenden Banken-Crash ist nur eine Sorge, welche die Deutschen umtreibt. Woher kommt der Pessimismus?dpa

Pessimistische Untertöne sind allgegenwärtig. Die neue Rechte klagt darüber, dass die Fehler der Migrationspolitik nicht aufgearbeitet wurden. Die politische Linke mit ihren verbündeten Bataillonen, wie der extremistischen Organisation „Extinction Rebellion“, hat Themen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz wie den Klimawandel besetzt und punktet damit im Sinne der kulturellen Hegemonie. Dies gelingt ihr auch deshalb, weil es keine bedeutsamen Gruppierungen in Politik und Gesellschaft gibt, die Widerlager bilden können und wollen. Die Fehler bei der Migrationskrise werden nicht aufgearbeitet, sondern verdrängt. Die Fridays-for-Future-Begeisterung ist längst in mehr oder weniger allen Milieus beheimatet.

Bei allen Unterschieden zwischen Klima- und Migrationskatastrophismus im Detail folgen diejenigen, die sich an einem der beiden gesellschaftspolitischen Großprobleme festbeißen, doch häufig einem vergleichbaren Narrativ: Es wird gerne der Untergang herbeigeredet. Krisen und Probleme können zwar kaum geleugnet werden; dennoch ist die Gesellschaft aber weithin stabil.

Gerne wird der Untergang beschworen

Als ein verbindendes Glied von Klima- und Migrationskontroversen ist primär der Kostenfaktor anzuführen. Unabhängig von der Richtigkeit der nicht ganz unumstrittenen These vom menschengemachten Klimawandel ist eine Summe, die im Kontext von EU-Umverteilungen in den nächsten Jahren damit in Zusammenhang gebracht wird: Immerhin geht es um drei Billionen Euro, die die neue Kommissionschefin als Preis für „Schutzmaßnahmen“ genannt hat. Die Mittel, die für Migranten, die seit 2014/15 nach Deutschland gekommen sind, aufgebracht werden müssen, sind nur schwer zu ermitteln. Es ist eine Reihe von Kostenstellen auf den Ebenen von Bund, Ländern und Gemeinden betroffen. Allein für den Bund stiegen die Kosten nach Meldungen im Mai letzten Jahres auf 23 Milliarden Euro.

"Die Versorgung mit Gütern aller Art ist immer noch relativ gut.
Das dämpft das Konfliktpotenzial, das zweifellos vorhanden ist.
Was passiert aber, wenn eine finanzielle Ruhigstellung nicht mehr möglich ist?"

Der Grund für die gesellschaftliche Stabilität – unabhängig vom medial gestiegenen Erregungspegel – liegt auf der Hand: Die Versorgung mit Gütern aller Art ist immer noch relativ gut. Das dämpft das Konfliktpotenzial, das zweifellos vorhanden ist. Was passiert aber, wenn eine finanzielle Ruhigstellung nicht mehr möglich ist? Noch trifft das Wort des Volksmunds zu, dass das Hemd jemandem näher sei als der Rock. Mediale Großaufreger gehen vornehmlich an jenen vorbei, die regelmäßig frühmorgens aufstehen und bis in die Nacht hinein arbeiten – und das ist kein geringer Teil der Bevölkerung. Weil diese Diagnose cum grano salis kaum strittig ist, gehen alarmistische Beschreibungsversuche von einer staatlichen Legitimitätskrise fehl. Punktuelle Steuerungsverluste sind jedoch nicht ausgeschlossen, machen unseren Staat aber gewiss nicht zur „DDR-light“.

Solche Befunde erhärten sich, wenn man zurückblickt. In den frühen 1970er Jahren legte Jürgen Habermas ein Suhrkamp-Bändchen vor, das einen Teil der seinerzeit bewegten Jüngeren elektrisierte. Der Titel lautet: „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“. Man kann aus heutiger Sicht nur sagen: falscher Alarm! Die damaligen Aktivisten haben die kritische Perspektive ihres Vordenkers wohl weithin geteilt. Eine systemrevolutionäre Stimmungslage ist daraus trotz mancher Hoffnungen nicht erwachsen. Der Massenwohlstand war hoch wie nie zuvor.

Manche Krisen-Szenarien sind ganz realistisch

Allerdings ist soziale Beständigkeit nicht in Stein gemeißelt. Auf ein spezielles Krisenszenario ist aufmerksam zu machen, das durchaus greifbar ist: der vorhergesagte Finanzkollaps, der als offenes Geheimnis kursiert. Falls er Realität werden sollte, hätte er massive Auswirkungen auf die Lebens- und Alltagswelt der Menschen. Die Folgen wären mit ziemlicher Sicherheit gravierender als sämtliche Klima- und Migrationsschäden. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die viel beachteten Publikationen der ausgewiesenen Wirtschaftsexperten Markus Krall (unter anderem „Der Draghi-Crash: Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt“), Max Otte („Weltsystemcrash: Krisen, Unruhen und die Geburt einer neuen Weltordnung“) und Marc Friedrich/Matthias Weik („Der größte Crash aller Zeiten“). Diese Bestsellerautoren wollen von der grassierenden „Lust am Untergang“ (Friedrich Sieburg) schon im Titel ihrer Schriften profitieren. Eine derartige Hintergrundatmosphäre sagt jedoch nichts über die Plausibilität der Botschaft. Die Warnung Kralls (und die der anderen) ist leicht auf einen Nenner zu bringen: Der Drogenrausch des Nullzinses führt in absehbarer Zeit zu einer Inflation. Diese hat eine Entwertung von Geldvermögen und Ersparnissen zur Konsequenz und mündet schließlich in eine Währungsreform. Aus dem damit verbundenen Ende des Euro ergäben sich unvermeidliche politische Konflikte.

Nun lässt sich einwenden, dass solche Prognosen die Finanzrisiken überbewerten und die Steuerungsmöglichkeiten der Banken, insbesondere der EZB, unterschätzen. Jedoch unterliegen auch Finanzmarktentwicklungen gewissen Regeln – dies hat Otte in seinem Erfolgsbuch „Der Crash kommt“ bereits einige Jahre vor der Zäsur von 2008/09 gezeigt und damit diesen Einschnitt analytisch antizipiert. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass auch seine neuesten Prognosen zutreffen.

Es gilt wachsam zu sein

Freilich ist unklar, wie solche Prophezeiungen die Finanzmärkte und reales wirtschaftliches Handeln beeinflussen. Vorhersagen, deren Tendenzen weithin geteilt werden, können natürlich Vertrauen schwinden lassen, und diese Entwicklung wiederum kann die Krise im Rahmen einer psychologischen und realwirtschaftlichen Kettenreaktion erst zu einer solchen machen. Warnungen kommen indessen nur selten von abhängigen Wirtschaftsfachleuten, da diese nicht als Miesmacher gelten wollen, sondern eher von unabhängigen Praktikern. Auf diesem Feld ist die Gesellschaft am ehesten zu destabilisieren. Die Geschichte kennt leidvolle Zeugnisse dafür. Es gilt deshalb, hier besonders wachsam zu sein.

Gibt es Hinweise, dass sich die Stimmungslage wenigstens auf absehbare Zeit aufhellt? Ältere Deutungsmuster geben wenig Hoffnung. Optiken des Niedergangs haben die Bundesrepublik stets begleitet. Schon in ihrer Frühgeschichte veröffentlichten konservative Katholiken wie Romano Guardini und Hans Sedlmayr Konzepte vom „Ende der Neuzeit“ und vom „Verlust der Mitte“, deren Interpretationen Nähe zum Spengler'schen Untergangsschema verraten. Auch Repräsentanten der Linken wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wollten in ihrem später modisch gewordenen Traktat „Dialektik der Aufklärung“ nicht abseits stehen. Bei dessen Abfassung in den 1940er Jahren (angesichts des unaufhaltsam erscheinenden Siegeszuges des Faschismus und der Herrschaft des Stalinismus) sahen sie die aufgeklärte Welt vollends im „Zeichen triumphalen Unheils“ strahlen. Erst recht gilt dieses Urteil für einen typischen Mandarin-Repräsentanten wie Martin Heidegger. Er sezierte zuerst die ganze abendländische Philosophiegeschichte und sah sie mit dem Stigma der Seinsvergessenheit belastet. Anschließend entwarf er zur Heilung eine kryptisch-archaische Metaphysik, die eine Rückkehr in echtes „Seyn“ ermöglichen soll.

Kulturkritik entspricht Gefühlslagen

So lange diese kulturkritischen Sichtweisen auch zurückliegen mögen, sie finden ihre Entsprechungen in Gefühlslagen, die selbst die heute in mittlerem Alter stehende Generation noch aus eigener Anschauung kennt.

Man denke lediglich an omnipräsente apokalyptische Visionen in den 1980er Jahren – der Untergang drohte im Zuge von Umweltzerstörung, atomarer Bedrohung und einer an „Weimar“ erinnernden Arbeitslosigkeit. In den 1990er Jahren verkündete man angesichts auseinanderdriftender Einkommens- und Bildungsverhältnisse (auch im Zuge der Globalisierung) gern die Erosion der Mittelstandsgesellschaft. Eine solche Tendenz ist bis heute aktuell – vielleicht mehr denn je.

Bietet die Gegenwart mehr als nur Wahrnehmungen, die eigentlich depressiv machen müssten? Manche appellieren an die alte Tugend der Gelassenheit, wie der Philosoph der Lebensweisheiten, Wilhelm Schmid. Aus christlicher Sicht mag man auf das „Fürchtet euch nicht“ hinweisen. Nur der Gott kann demnach retten, nicht ein Gott, wie Heideggers viel zitierter Ausweg aus der undurchschaubaren Daseinsverworrenheit lautet, die nicht einfach durch ein paar Gegenmaßnahmen aus der Welt zu schaffen ist. Weniger philosophisch-theologisch ausgerichtet haben Herfried und Marina Münkler unlängst Rezepte für den „Abschied vom Abstieg“ veröffentlicht. Das Gelehrtenehepaar setzt auf konkrete Maßnahmen, etwa Investitionen in Bildung. Grundlinien einer entsprechenden Agenda werden skizzenhaft präsentiert, Gelegenheiten zur Erneuerung der Bürgergesellschaft vorgestellt. Diese Konzepte gehen in die richtige Richtung. Ob sie reichen, sei dahingestellt.

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