München

Auf der Suche nach der verlorenen Mitte

Kann das „christlich-soziale Kontinuum“ bewahrt werden? Kann die Stammwählerschaft zusammengehalten werden? Die heutigen Parteispitzen werden harte Entscheidungen treffen müssen. Roman Deininger blickt auf die bewegte Geschichte der CSU.
Markus Söder
Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON, imago-images | 2019, München, Olympiahalle, Parteitag der CSU: Markus Söder, Ministerpräsident des Freistaats Bayern und Vorsitzender der Partei, gibt die Richtung vor und zeigt, dass er neue Wege gehen will.

Die Folgen, welche die Corona-Pandemie zeitigt, sind nicht nur sozial- und wirtschaftspolitischer Natur, sondern vermögen sich in markanter Weise auch auf die deutsche Parteienlandschaft auszuwirken. Das zeigt sich etwa darin, dass sich im Rahmen der Krisenbewältigung ein Parteivorsitzender, der zuvor im Wesentlichen mit Spott oder Ablehnung bedacht worden war, eine derartige Reputation erarbeiten konnte, dass für ihn und seine Partei nun sogar eine Kanzlerkandidatur nicht mehr ausgeschlossen ist. Die Rede ist von Markus Söder und seiner Christlich-Sozialen Union.

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Nichts wird nach Corona mehr so sein, wie es vorher war. Diese schlichte wie tiefgreifende Tatsache lässt Roman Deiningers „Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei“ besondere Bedeutung zukommen. Immerhin bietet sie das differenzierte Porträt einer Partei und die Geschichte ihrer Entwicklung zwischen ihrer Gründung nach der tiefgreifendsten politischen Zäsur des 20. Jahrhunderts – dem Ende des Zweiten Weltkriegs – und ihrem 75. Geburtstag im Jahr der (bisher) tiefgreifendsten politischen Zäsur des 21. Jahrhunderts – der Pandemie.

Dass eben diese Krise für den Autor zur Zeit der Fertigstellung seines Buchs noch nicht abzusehen war, macht dieses zu einer spannenden Quelle, die am Beispiel der CSU feinsinnig die Debatte um Gegenwart und Zukunft der Volksparteien an der Jahreswende 2019/2020 – und damit den Status pro ante – dokumentiert. Hierfür bringt Roman Deininger schon deshalb die besten Voraussetzungen mit, da er als politischer Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ bereits seit Jahren schwerpunktmäßig mit den Christsozialen befasst ist. Seine Kenntnisse aus der Berichterstattung über die gegenwärtige CSU verknüpft er in gekonnter Weise mit historischen Hintergründen zur Parteigeschichte sowie mit politischen Köpfen Bayerns aus verschiedenen Generationen, die er im Gespräch zu Wort kommen lässt. Dabei gelingt es ihm, durchaus unterhaltsam zu schreiben, ohne ins Anekdotische abzudriften und die große Linie seiner Analyse aus den Augen zu verlieren.

Aspekte der Europapolitik sind besonders spannend

Diese setzt mit einer Bestandsaufnahme zur Gegenwart der CSU ein, die Deininger zwischen dem Agieren der Partei unter Horst Seehofer im Asylstreit und der mit der Machtübernahme Markus Söders eingeleiteten Reform der Partei entfaltet. Von hier aus richtet der Verfasser den Blick in die Vergangenheit und zeichnet die Geschichte der CSU nach: vom mit der Gründung einhergehenden „Bruderkampf“ mit der Bayernpartei über die großen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden der Bonner Republik bis in die Berliner Republik.

Vor dem Hintergrund dieses historischen Überblicks befasst sich der dritte Hauptabschnitt des Buchs mit der facettenreichen Beziehung zwischen der Partei und ,ihrem‘ Freistaat. Ausgehend von der für das Wesen und Bestehen der CSU systemrelevanten Bindung an Bayern analysiert der vierte Abschnitt das Wirken der Partei „in Berlin, Brüssel und in der Welt“. Stand am Anfang der Blick in die Vergangenheit, wendet sich Deininger zuletzt der Frage nach der Zukunft der CSU zu. Beschlossen wird das Buch mit Überlegungen über die „CSU auf der Suche nach der verlorenen Mitte“.

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Der differenzierte Blick, den Deininger wagt, zeigt sich etwa hinsichtlich des wohl am emotionalsten aufgeladenen Kapitels der jüngeren Beziehungsgeschichte von CDU und CSU: dem Asylstreit von 2018. Bei aller (begründeten) inhaltlichen Kritik an populistischen Auswüchsen des aus dem Selbstverständnis der CSU resultierenden Bestrebens, „rechte Wähler im demokratischen Spektrum zu halten“, und aller Stilkritik an Horst Seehofer verfällt Deininger nicht der (immer wieder gängigen) Pauschalverurteilung des Bundesinnenministers. So hält Deininger dezidiert fest, „dass Seehofer nicht der einzige Vertreter eines scharfen Kurses war, er war nicht mal der schärfste“. Ja mehr noch gesteht er sogar zu, dass „nüchtern betrachtet“ dessen „Position, es kämen zu viele Flüchtlinge zu ungeordnet ins Land, natürlich legitim“ gewesen sei – „zumal Merkel ihre Politik einer breiten Bevölkerung lange nicht hinreichend zu erklären vermochte“.

Das „breite Dach“ der CSU hebt der Autor nicht nur an dieser Stelle hervor, wo sich „Grenzzaunfreunde und Flüchtlingshelfer gleichermaßen“ unter ihm tummeln. Vielmehr zieht sich die Beobachtung der inhaltlichen Weite – und damit auch der inhaltlichen Spannungen – der CSU durch das gesamte Buch. Besonders spannend ist dieser Blickwinkel hinsichtlich der Europapolitik.

Welche Zukunft hat die CSU als Volkspartei?

Hier verdeutlicht Deininger nicht nur das rivalisierende Miteinander nationalstaatlich und gesamteuropäisch orientierter Positionen in der CSU, sondern stellt zudem die Betonung eines „Europas der Regionen“ als besonderes Merkmal der christsozialen Europapolitik heraus. Irritierend ist, dass Deininger, obwohl er immer wieder gerade auch die Europapolitik der CSU in Geschichte und Gegenwart thematisiert, in keiner Weise auf die inhaltliche wie personelle Verwobenheit zwischen den Christsozialen und der paneuropäischen Bewegung eingeht. Dies gilt sowohl für den Präsidenten der Paneuropa-Union Deutschland und CSU-Europaparlamentarier Erzherzog Otto von Habsburg-Lothringen, als auch für dessen Nachfolger, das EP-Urgestein Bernd Posselt. Zumindest das Wirken Manfred Webers erhält eine angemessene Würdigung, jedoch fehlt auch hier – wie bei Franz Josef Strauß – der Verweis auf die Prägung der politischen Positionen durch die Paneuropa-Idee.

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Es ist die Frage nach den Perspektiven einer „Suche nach der verlorenen Mitte“ – anders gesagt: der Suche nach einer Zukunft der Volkspartei CSU –, auf welche Deiningers Buch hinausläuft. Er vermag sie schließlich in einem klarsichtigen Vergleich zur Schwesterpartei CDU zu fassen: „Die Merkel-CDU hat sich viel klarer als die CSU auf einer Seite der Bruchlinie der Gesellschaft positioniert – auf der Seite der Kosmopoliten.“ Den hierfür gezahlten Preis sieht Deininger darin, „dass für die CDU – wenn sie nach Merkel nicht einigermaßen drastisch den Kurs ändert – auf der Seite der Heimatbewahrer nicht mehr viel zu holen ist: bei den Arbeitern, bei der unteren Mittelschicht“. Im Kontrast hierzu erkennt Deininger zu Recht im Zugang zu ebendiesen Bevölkerungsgruppen „ein christsoziales Kontinuum, das ein Überleben als überdurchschnittlich große Partei begünstigt“, wenn auch nicht garantiert. Darin, dieses Kontinuum zu wahren, erkennt Deininger die zentrale Herausforderung der CSU: „Es ist ein heftiger Spagat, in den die CSU gerade hineingleitet: Sie muss die Sorgen der Heimatbewahrer ernst nehmen und trotzdem das Lebensgefühl der Kosmopoliten aufnehmen. Beim Thema Migration zum Beispiel: Wenn sie auf beiden Seiten der Bruchlinie reüssieren will, muss sie mit Leben füllen, was bisher nur eine Formel ist: ,Ordnung und Humanität‘.“

Fazit: „Wahrscheinlich war die Integrationsleistung, die eine Volkspartei zu ihrem Überleben erbringen muss, noch nie so groß wie heute.“


Roman Deininger: Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei. Beck Verlag, München 2020, 352 Seiten, mit 20 Abbildungen, ISBN 978-3-406-74982-7, EUR 24,–

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