Görlitz/Würzburg

Ipolt: Freiheitliche Gesellschaft macht Glauben nicht leichter

Eine Bekehrung zu Christus sei etwas anderes, als in einer politischen Situation die Kirche zu nutzen, meint der Görlitzer Bischof im Hinblick auf den Fall der Berliner Mauer. Dennoch habe die Kirche dabei eine wichtige Rolle gespielt.
30 Jahre Fall der Berliner Mauer
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | "Ich habe immer gesagt: Ein Staat, der so denkt und handelt wie die DDR, der hat keinen ewigen Bestand", so der Görlitzer Bischopf Wolfgang Ipolt.

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt erinnert an die wichtige Rolle, die die Kirche beim Mauerfall vor 30 Jahren gespielt habe. „Dass wir als Kirche, vor allem im Jahr 1989, die friedliche Revolution ermöglicht haben, indem wir unsere Kirchen zur Verfügung gestellt haben, war ein wichtiger Dienst für die damalige Gesellschaft“, so Ipolt im Gespräch mit der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA).

 "Eine Bekehrung zu Christus ist eben
etwas anderes, als in einer politischen
Situation die Kirche zu nutzen"
Wolfgang Ipolt, Bischof von Görlitz

Auch wenn die vollen Kirchen während der friedlichen Revolution bei manchen die Hoffnung geweckt hätten, dass die Menschen wieder verstärkt zum Glauben finden, sei er nicht enttäuscht gewesen, dass es nach dem Ende der DDR keine große Rückwendung zur Kirche gegeben habe, meint der Görlitzer Bischof. „Eine freiheitliche Gesellschaft macht den Glauben nicht unbedingt leichter.“ Eine Bekehrung zu Christus sei etwas anderes, als in einer politischen Situation die Kirche zu nutzen. Und immerhin: „Wir haben die Menschen eingeladen zum Gebet und zu friedlichen Demonstrationen mit Kerzen in den Händen.“

Auf die Frage, ob er damit gerechnet habe, dass die Mauer so plötzlich offenstehen könnte, antwortet Ipolt: „Ich habe immer gesagt: Ein Staat, der so denkt und handelt wie die DDR, der hat keinen ewigen Bestand.“ Die Jugendlichen, die er in den ersten Jahren als Priester in der Jugendseelsorge betreute, habe er immer aufgefordert, an die Einheit Deutschlands zu glauben. „Es kann nicht sein, dass ein Staat, der seine Leute einsperrt und dazu für alle eine Weltanschauung verordnet, für immer bleibt.“

Schriftsteller Mosebach vorsichtig mit Erwartungen an Wiedervereinigung

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Auch der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach äußerte sich jüngst zu Mauerfall und Wiedervereinigung. Im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärte er, die Wiedervereinigung sei für ihn eine große Freude gewesen, „und ist es immer noch“. Mit Erwartungen sei er aber stets vorsichtig gewesen. Die DDR habe sich von vielen anderen Ländern des Ostblocks darin unterschieden, dass es nicht wenige überzeugte Kommunisten gab, die an ihrem Staat hingen, so Mosebach.

„Die Enteignung und Vertreibung der ländlichen Notabeln und des wohlhabenden Bürgertums hatte eine nicht ohne weiteres korrigierbare gesellschaftliche Verarmung geschaffen, die gerade auch in den schönen alten Städten, die vom Krieg verschont geblieben sind, spürbar ist“, betonte der 68-Jährige darüber hinaus, und wies darauf hin, dass Sachsen heute eines der atheistischsten Länder Europas sei. „Das sind Einbrüche, die mit keinem Geld und keinem guten oder bösen Willen der Welt zu heilen sind.“

DT/mlu

Lesen Sie das komplette Interview mit Martin Mosebach in der aktuellen Ausgabe der Tagespost.

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