Frankfurt am Main/ Würzburg

Das Lexikon erwacht zu neuem Leben

Nachschlagen ohne zu blättern: Wissenschaftliche Datenbanken über Augustinus von Hippo verlinken Wissen ohne Grenzen.
Kirchenvater Augustinus
Foto: Adobe Stock | Augustinus von Hippo, hier dargestellt auf einem Fresco in Turin.

Lohnt sich die Anschaffung eines Lexikons für private Nutzer noch? Das einstige Statussymbol des Bildungsbürgers scheint im Zeitalter von Google und Wikipedia allenfalls noch nostalgische Bedürfnisse zu bedienen. Doch ein Blick in die Welt der wissenschaftlichen Publikationen zur Antike legt nahe, dass die Spezies Lexikon nicht ausstirbt. Vielmehr passt sie sich an den digitalen Markt an und überzeugt mit dem Mehrwert der Online-Ausgabe gegenüber der klassischen Druckedition. Auf der Frankfurter Buchmesse bot der Baseler Schwabe-Verlag unter dem Schlagwort „Nachschlagen ohne Blättern“ die Klassiker der Philosophie sowie das Werk des Kirchenvaters Augustinus an. Digitale Pionierarbeit in der Patristik leistet seit Jahren das Corpus Augustinianum Gissense. Die vom Würzburger Zentrum für Augustinusforschung erarbeitete Datenbank umfasst alle überlieferten lateinischen Schriften, Predigten und Briefe des Augustinus von Hippo. Ergänzt wird sie durch die digitale Ausgabe des Augustinus-Lexikons, dessen Druckausgabe im kommenden Jahr abgeschlossen wird.

Studenten dürfte die Wahl zwischen der Anschaffung aller Bände des Augustinus-Lexikons samt Faszikeln und einer Einzelplatzlizenz für das AL-Online zum Studententarif angesichts eines Preisunterschieds von weit mehr als tausend Euro leicht fallen. Für das AL-Online fallen im ersten Jahr – gegen Vorlage der Immatrikulationsbescheinigung – 59 Euro Nutzergebühr an, im Folgejahr halbiert sich der Betrag. „Wir wollen an den Studierenden nicht verdienen“, sagt Marcel Knöchelmann am Stand in Halle 3. An eine Datenbank stellt eine geschichtsbewusste Klientel wie jene der Freunde der Kirchenväter jedenfalls höhere Ansprüche als an das klassische Buch: Sie soll mittels der Verschlagwortung und Literaturhinweisen den kontinuierlichen Balanceakt zwischen Überlieferung und Erneuerung leisten. Den editionsgeschichtlich relevanten Verweis auf den Originaltext des gedruckten Lexikonartikels sichert der Digitale Objektbezeichner (DOI). Ergänzende Essays und die Aktualisierung der Literaturangaben sind über eigene URL-Adressen abrufbar.

Unerschöpfliche Literaturfülle

Für dieses Vorgehen sprechen mehrere Gründe: Zum einen kann eine Datenbank wie das AL-online den Zugang zur schier unerschöpflichen Fülle der Sekundärliteratur zum Kirchenvater von Hippo erleichtern. Die Möglichkeiten der Fehlerkorrektur bleiben unbegrenzt. Zum anderen bleibt der Charme der Mehrsprachigkeit erhalten, der diesem Forschungsbereich noch eigen ist. Dass sich wissenschaftliche Exzellenz nicht ausschließlich einsprachig erschließt, beweist das Augustinus-Lexikon in selten gewordener Dreisprachigkeit. Es umfasst Artikel in Englisch, Deutsch und Französisch und stellt damit einen Farbtupfer inmitten der von der englischen Sprache dominierten wissenschaftlichen Publikationen dar. Nicht zuletzt verspricht die Verlinkung mehrerer Datenbanken zwecks synoptischer Vergleiche verschiedener Kirchenväter-Originaltexte und Lemmata ein reizvolles Lesevergnügen – auch für ein breites Publikum. Kirchenväter- beziehungsweise Kirchenlehrer-Lexika sind in romanischen Ländern traditionell verbreiteter als im deutschsprachigen Raum. Hier bietet sich Freunden und Verlegern digitaler Lexika eine Marktlücke, die klassische Buchausgaben nur sehr eingeschränkt schließen können.

Über Für und Wider digitaler Lexika tauschten sich die Freunde der Kirchenväter auf der internationalen Patristikertagung in Oxford im August diesen Jahres aus. Eine noch zu knackende Nuss stellt die Frage der wissenschaftlichen Zitation dar: Wie lassen sich die Seitenangaben der Druckfassung in Datenbanken ersetzen? Da sich die Redigitalisierung von Seitenzahlen als sehr aufwändig darstellt, wäre eine Nummerierung einzelner Textpassagen nach dem Vorbild von Gesetzestexten denkbar. Eine kanonisierte Lösung ist derzeit noch nicht in Sicht, aber gewünscht. Die steigenden Nutzerzahlen digitaler Lexika versprechen jedenfalls ein lebendiges Forschungs- und Editionsfeld.

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