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„Intellektuelle Atheisten“ beherbergt? Abt von Lagrasse weist Kritik zurück

Der Aufenthalt bekannter Schriftsteller in der Abtei von Lagrasse eine Kontroverse ausgelöst. Manche sehen dahinter eine Apologie des traditionellen Christentums. Der Abt verteidigt sich indes.
Kloster von Lagrasse
Foto: Julien Coquentin via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | „Wir wollten dieses Risiko eingehen und Schriftsteller, die das Experiment wagen wollten, in das Herz unseres Klosters einladen“, verteidigt Pater Emmanuel Marie, dass man mehrere nicht-gläubige Intellektuelle im ...

In der französischen katholischen Zeitung „La Croix“ verteidigt der Abt des Chorherrenstiftes der Regularkanoniker von Lagrasse, Pater Emmanuel Marie, den Aufenthalt mehrerer nicht-gläubiger Intellektueller in seinem Kloster, was zu Kontroversen in christlichen Kreisen geführt habe. Man vermutet dort, dass die Ordensbrüder ein traditionelles Christentum vermitteln wollten. 

"Die Regel des Dialogs ist die Freiheit"

Man habe in der Abtei die Worte des heiligen Papstes Paul VI. „Die Kirche muss bereit sein, den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen“ (Paul VI. in seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam) ernst nehmen wollen. Der Dialog sei nicht nur eine Idee, sondern auch ein Risiko, fährt Pater Emmanuel Marie fort. „Wir wollten dieses Risiko eingehen und Schriftsteller, die das Experiment wagen wollten, in das Herz unseres Klosters einladen“. Anschließend habe ein jeder von ihnen in einem Essay aufgeschrieben, zu welchen Gedanken ihr Aufenthalt sie inspiriert habe. Aus den einzelnen Texten wurde ein Buch („Trois jours et trois nuits – Le grand voyage des écrivains à l’abbaye de Lagrasse“). Dabei habe es weder Auswahl noch Zensur gegeben, denn „die Regel des Dialoges ist die Freiheit“, so der Abt.

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„Wer sind wir, um einen Simon Liberati zu richten, der in diesem Buch von seiner Erfahrung des Friedens inmitten einer in die Nacht versunkenen Kirche berichtet, während er sich selbst mit Alkohol zugrunde richtet?“, schreibt Pater Emmanuel Marie über einen seiner Gäste, und er fährt fort: „Wer sind wir, um die Tränen von Frédéric Beigbeder während der Liturgie der Messe zu beurteilen – er, der in seinem letzten Roman von seinen nächtlichen Ausschweifungen erzählt?“. Sind diese Tränen nun „eine ästhetische und oberflächliche Empfindung oder der Beginn einer geheimnisvollen Begegnung mit Christus? Wer niemals gesündigt hat, werfe den ersten Stein“.

Der Abt wirft die Frage auf, ob man über einen Pascal Bruckner richten solle, der meine, schreiben zu können: „Die Abtei steht im Zusammenhang mit einer Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, als Rom nach einer umfassenden Überprüfung ihrer Lehre zustimmte, zu einer gewissen Mäßigung bei der Verbreitung des Glaubens zurückzukehren. Dieser veränderte Tonfall ist von größter Bedeutung: Die Aufgabe der Zwangsbekehrung hat einen beeindruckenden Fortschritt dargestellt und erklärt, warum das Christentum zum Synonym der Sanftmut geworden ist“?

Christentum als Lebensart, die berührt

Wer sind wir, fragt der Abt weiter, „um das Unverständnis des muslimischen Kulturatheisten Boualem Sansal angesichts des Konzils zu beurteilen? Welche Haltung sollen wir einnehmen: Sollen wir zuhören, entgegenkommend erläutern oder verächtlich und klerikal verurteilen?“ Sei Louis-Henri de La Rochefoucauld zu verwerfen, wenn er in dem genannten Buch bemerkt: „Es fällt mir schwer, mich in den heutigen Katholiken wiederzuerkennen. Sie machen in zunehmendem Maße Politik, ziehen sich auf identitäre Diskurse zurück und begeistern sich für die Moral… Man mobilisiert das Christentum zunehmend im Kampf um die Zivilisation und die Kultur. Das Christentum kommt von Christus, und man hat ihn daraus wie etwas Störendes evakuiert. Das ist der Gipfel!“

Für andere seiner Gäste – wie etwa für Sylvain Tesson – sei das Christentum wie eine Lebensart, die berührend sei, konstatiert Pater Emmanuel-Marie. Der Schriftsteller kritisiere das katholische Dogma, bewundere aber „die Ordnung vergangener Tage“. Andere wiederum seien geschockt. Doch „niemand ist Meister über die Bedingungen einer Begegnung mit Jesus“, betont der Abt. Man sollte sich – „einer weisen Empfehlung von Papst Franziskus zufolge – vor einer Form des Pharisäertums hüten, die darin bestünde, den einen eine Bescheinigung für ihr Christentum zu verleihen und die anderen in Grund und Boden zu verdammen, weil sie noch nicht die Person Jesus entdeckt haben, sondern nur die Kultur, die er ins Leben gerufen hat“.

Pater Emmanuel-Marie schließt seinen Beitrag mit den Worten: „Einen Dialog zu führen, bedeutet nicht, allem zuzustimmen, was der Gesprächspartner sagt. Doch ‚im Dialog entdeckt man, wie verschieden die Wege sind, die zum Lichte des Glaubens führen‘ (Paul VI.).  DT/ks

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