Christliche Literatur

Im geschriebenen Wort ist Kraft

Literatur als seherische Lebensbewältigung. Anmerkungen zu Genese und Zielsetzung christlichen Schreibens.
Albert Camus
Foto: Imago | Der Schriftsteller Albert Camus 1957 an seinem Schreibtisch. Auch wenn sich Camus nicht von der Idee des Absurden lösen konnte, war er doch ein Gott-Suchender und kann der christlichen Literatur zugerechnet werden.

Der Begriff „Kulturtechnik“, seit gut 150 Jahren in der Welt, bezeichnet Methoden und Lösungskonzepte, die es dem Menschen leichter machen, sein Leben zu leben. Ursprünglich als „Melioration“, Urbar-Machung unbebauten Bodens, verstanden, wird darunter alles gezählt, was der Verbesserung von Nahrung und Schutz, der Kommunikation, aber auch der Verfeinerung der Lebensweise dienlich ist. Lesen und Schreiben gehört dazu und wird auch in der technischen Zivilisation von heute als unaufgebbar angesehen. Rauchzeichen, Felszeichnungen, Kritzeleien aller Art wiesen den Weg zu schriftlich niedergelegten sprachlichen Zeugnissen, die mit dem vom lateinischen Wort für Buchstaben – littera – abgeleiteten Begriff Literatur bezeichnet werden. Mannighaft sind die Einteilungsmöglichkeiten, nach Sprachen oder Nationen, nach literarischen Gattungen, nach Leser-Kategorien wie Jugend- und Frauenliteratur oder, gönnerhaft, nach dem Anspruch als Hoch- oder Trivialliteratur.

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Neuerlich ist allerdings der Typ des Buch-Supermarktes aufgekommen, der in Kaufhaus-Atmosphäre mit angeschlossener Gastronomie zumindest für ein anderes Einkaufs-Erlebnis sorgt. Am Nachschub an Büchern scheint es nicht zu mangeln, was auch mit der neuen Verlags-Technik des „book on demand“ zusammenhängen mag. Doch wie ist es um das Lesen bestellt? Die Kinder von heute geben zu 80 Prozent das Fernsehen, die Flimmerkiste, als ihr Lieblings-Medium an, danach kommt erst Hörbares vor den Büchern. Der mit dem Internet verbundene Computer wird zum großen Konkurrenten, der jung wie alt in den Bann schlägt. Doch kann Technik dem Lesen auch förderlich sein: Es gibt Buch-Lesegeräte mit hellerem Hintergrund und integrierter Beleuchtung, auf die elektronisch das Werk der Wahl zu laden ist und die einem sogar das Umblättern ersparen.

„Wer einen Glauben hat, wird angefragt,
muss darüber Auskunft geben“

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So wird das Lesen nicht aussterben. Es stellt sich aber die Frage, was zu lesen ist, und zu welchem Zweck. Die christliche Kirche hat das Lesen stets gefördert und zu vermitteln getrachtet. Unzählige Kinder aller Zeiten und Orte verdanken ihr Lesen- und Schreiben-Können christlichen Schulen und Amtsträgern, die diesen Dienst als Beginn und Voraussetzung der Evangelisierung auf sich nahmen. Die großen Lesepulte in mittelalterlichen Abteien, die kostbaren, handgeschriebenen Manuskripte, der Reichtum der Klosterbibliotheken, einst Wissenschafts-Cluster und Vernetzungspunkte par Excellence, zeigen die hohe Wertschätzung des gedruckten Wortes durch die Religion, wozu man auch Judentum und Islam rechnen sollte.

Christen haben für Christen geschrieben, so hat es begonnen. Das waren liturgische oder exegetisch-wissenschaftliche Texte, aber auch Gebete, Hymnen zum Gebrauch des einzelnen. Mehr nach außen richteten sich apologetische oder kontrovers-theologische Werke, aber auch Bühnenstücke. Etwa bis zum 12. Jahrhundert sind als Verfasser vor allem Kirchen-Amtliche, Kleriker meist, auszumachen. Zweckliteratur könnte man sagen, und sie hat ihren Zweck erfüllt: Wer einen Glauben hat, wird angefragt, muss darüber Auskunft geben. Die Psalmen sind übrigens ein eigener Beitrag zur Literaturgeschichte, wie auch später das protestantische Kirchenlied als genuine Dichter-Schöpfung zu bezeichnen ist.

Die dunklen Tiefen wollen durchlitten sein

Doch was ist nun christliche Literatur? Diese – in etwa beginnend mit Wolfram von Eschenbach und Dante, mit „Laien“ als Schriftstellern also – kann von Christen wie Nicht-Christen stammen. Sie ist – erstens - immer konkret und personal, denn nur so trägt sie dem Inkarnations-Geheimnis Rechnung. Sie erzählt – zweitens – Geschichten und verliert sich nicht in fruchtlosen Grübeleien oder der Ästhetisierung von Nichts-Tun. Gott hat seinen Sohn gesandt, er hat in seinem Gang zum Kreuz alles getan. Wir sind nicht durch Untätigkeit erlöst worden. Schließlich will christliche Literatur – drittens – Wandlung fördern und möglich machen, sie bleibt nicht stehen, sondern macht sich auf den Weg. Auch hier ist der Hintergrund, dass die ultimative Wandlung der Dinge, die jeden Tag neu auf den Altären der Welt Wirklichkeit wird, bereits geschehen, uns das Wissen um die Möglichkeit und Notwendigkeit des neuen Weges schon geschenkt ist.

Als viertes, letztes Kriterium kann genannt werden, dass die fraglichen Werke ohne ein christliches Verständnis von Gott und Welt, das ihnen auch zugrunde liegt, nicht adäquat interpretiert werden können. Christliche Literatur bricht also auf, im Wissen, dass vor den lichthaften Höhen dunkle Tiefen liegen, die überwunden, also durchlitten sein wollen. Das Ganze des Humanums an Tragik und Verheißung gehört hinein. Nichts wird geleugnet, aber alles wird vor der Folie der Erlösung gesehen und beschrieben. Kann also etwa ein Albert Camus ein christlicher Schriftsteller genannt werden? Ganz sicher, er war die Stimme des Predigers in der Wüste, wenn auch kein Johannes. Es kommt auf die Themen an, Camus ist mit ihnen vertraut. Er findet aus dem Abgrund des Absurden nicht nach oben, doch die Such-Bewegung ist da, das „Verlangen nach dem Unmöglichen“, wie er selber 1951 schrieb.

 

 

Christlicher Literatur geht es um den Menschen und um dessen Bestimmung. Wer immer sich hier nicht dem Zynismus ergibt, gehört ins Boot. Wohl ist der Kreis der Autoren, die die großen Fragen stellen, kleiner geworden, so scheint es jedenfalls. Bei näherem Betrachten zeigt sich, dass auch heute Schriftsteller, bewusst oder unbewusst, jenen Acker bearbeiten. Manche wissen davon selber nichts und wollen nicht dem Christentum zugezählt werden. Es ist jedenfalls kein Fehler, sich zunächst an die wichtigen Namen der Vergangenheit zu halten, sie müssen hier nicht aufgezählt werden: Jede Sprache und Nation hat das Ihre zum christlichen Abendland beigetragen, das auch nicht auf Europa beschränkt ist.

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Es stimmt hoffnungsvoll, dass im deutschen Sprachraum einige, meist junge Verlage unterwegs sind, die große christliche Literatur wieder zugänglich machen. Man besorge sich eines der klassischen Werke etwa von Bergengruen, Chesterton oder Bloy und schenke es einem Menschen, um dessen Seele man sich sorgt. Der Nachdenk-Effekt setzt unmittelbar ein, weil es eben ganz andere Kost ist: Gute Literatur „wirkt“, sie bringt Prozesse in Gang, deren Ausgang man dann einer anderen Instanz überlasse.

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