Während das Chaos am 6. Januar 2021 beim Sturm auf das US-Kapitol eskaliert, starrt das Facebook-Management in seinem Lagezentrum gemeinsam mit seinem CEO Mark Zuckerberg fassungslos auf Monitore, die die explosionsartige Verbreitung von Radikalisierung und Aufrufen auf ihrer Social-Media-Plattform in Echtzeit-Kurven anzeigen. Die Führungskräfte flehen Zuckerberg daraufhin an, die Beiträge des (im Film namentlich unbenannten) US-Präsidenten zu sperren, da dieser den Mob durch seine Beiträge zusätzlich aufheizt.
Zuckerberg zögert quälend lang, bis er sich entscheidet, etwas zu unternehmen. Denn der Medienmogul verweist nur allzu gerne immer wieder auf seine Prinzipien. Er versteckt sich hinter dem Recht auf freie Meinungsäußerung, will nichts von der realen Zerstörungskraft der Facebook-Algorithmen hören und verteidigt seine von ihm ins Leben gerufene digitale Plattform stur als „neutrales schwarzes Brett“.
In Wahrheit zählt für Zuckerberg jedoch nur eins: das ökonomische Wachstum seines milliardenschweren Konzerns. Denn das beständige Wachstum und die dauerhafte Bindung der Nutzer stehen bedingungslos über jeglicher Wahrheit und jeglicher Moral. Diese Szene im letzten Akt des neuen Aaron-Sorkin-Films „The Social Reckoning“ zeigt sinnbildlich die ultimative moralische Bankrotterklärung des Facebook-Giganten und offenbart mehr über die Hintergründe der Firma, als es Mark Zuckerberg lieb sein dürfte.
Abrechnung mit den Tech-Konzernen
Dabei ist der Film eine indirekte Fortsetzung des Oscar-prämierten Meisterwerks „The Social Network“ (2010) von David Fincher. Indirekt, da er zum einen für sich allein steht und nicht direkt an die Geschehnisse von 2010 anschließt und zum anderen ein gänzlich anderes Schauspielerensemble präsentiert. Lediglich Kameramann Jeff Cronenweth und die Oscar-prämierte Drehbuchautorlegende Aaron Sorkin sind beim neuen Film wieder mit an Bord, wobei Sorkin diesmal nicht nur das Drehbuch beisteuerte, sondern direkt auch den Regieposten übernahm. Während David Finchers Film den kometenhaften Aufstieg des Facebook-Netzwerks in den Jahren 2003 bis 2006 zeigte und von seinem Erfinder Mark Zuckerberg handelte und wie dieser von einem unbekannten Harvard-Studenten zum damals jüngsten Milliardär der Welt wurde, inszeniert Sorkin nun, 16 Jahre später, die dramatische Abrechnung mit dem skandalträchtigen Tech-Unternehmen.
Kein Schutz der Nutzer
Ein großer Teil des Handlungsstrangs um Zuckerberg spielt an einem einzigen Tag im Jahr 2021 und zeigt, wie dieser sich in einem Raum mit einigen seiner Berater auf eine Befragung vor dem US-Kongress vorbereitet. Der Tech-Gigant wird hier nicht mehr von Jesse Eisenberg, sondern von Jeremy Strong verkörpert, der bereits mit dem Trump-Biopic „The Apprentice“ (2024), in welchem er den Trump-Förderer Roy Cohn spielte, bewiesen hat, dass er beängstigend authentisch reiche Unsympathen darstellen kann. Im Gegensatz zu Eisenbergs Interpretation von Zuckerberg verkörpert Strong jedoch einen deutlich älteren und abgeklärteren Zuckerberg, der mit eiserner Hand und kompletter Empathielosigkeit über sein Imperium herrscht.
Wobei der Film auf Mark Zuckerberg als Hauptfigur weitgehend verzichtet und sich stattdessen auf das klassische Investigativ-Journalismus-Muster fokussiert. Denn im Zentrum der auf wahren Ereignissen beruhenden Handlung steht der reale Whistleblower-Skandal um die Datenwissenschaftlerin Frances Haugen aus dem Jahr 2021. Sie wird von Mikey Madison verkörpert, für die es die erste Kinorolle nach ihrem „Anora“-Oscar-Gewinn vor zwei Jahren ist. Frances Haugen ist eine junge Facebook-Ingenieurin, welche aus Überzeugung im „Civic Integrity Team“ von Facebook arbeitet, aber mit der Zeit feststellen muss, dass die Führungsetage des Konzerns genau weiß, wie viel Schaden die eigenen Algorithmen anrichten und nichts dagegen tut.
Ob es die Zunahme von Depressionen bei weiblichen Teenagern durch Instagram ist oder die gezielte Verbreitung von Hass, Mobbing und Falschinformationen zur Profitmaximierung, das System setzt Nutzerwachstum und Wirtschaftlichkeit bewusst über die Sicherheit der Nutzer. Haugen entwendet daraufhin mit der Zeit über 20.000 Seiten interner Daten und Dokumente und verbündet sich dabei mit dem investigativen „Wall Street Journal“-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White), um schließlich die schockierende Enthüllungsgeschichte der sogenannten „Facebook Files“ an die Öffentlichkeit zu bringen, welche mit zahlreichen Daten die gut gehüteten Geheimnisse des sozialen Netzwerks und seine dunklen Seiten offenlegen.
Whistleblowerin von Zweifeln geplagt
In schnellen, geschliffenen und sich ständig unterbrechenden, gewohnt pointierten und temporeichen Sorkin-Dialogen liefert das Journalismus-Drama eine präzise Diagnose für jeden, der die Mechanismen hinter modernen Social-Media-Algorithmen und ihren schädlichen und manipulativen Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft verstehen will. Zudem überzeugt auch das fantastische Schauspiel-Duo, bestehend aus Mikey Madison und Jeremy Allen White, auf ganzer Linie. Madison überzeugt als schlagfertige, von Zweifeln geplagte Whistleblowerin, während White den Reporter angenehm ruhig und geradlinig spielt.
Bemängeln kann man lediglich die visuelle Umsetzung, die nicht ganz an die innovative Klasse von David Finchers Vorgängerfilm heranreicht, da „The Social Reckoning“ eher ein nüchterner, faktenbasierter und dialoggetriebener Tech-Thriller geworden ist, der weniger durch visuelle Schauwerte als durch intellektuelle Dichte, präzise, kammerspielartige Sequenzen sowie exzellente Darsteller glänzt.
„The Social Reckoning“, USA 2026, 112 Minuten, Regie: Aaron Sorkin, seit dem 8. Oktober im Kino.
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln.
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