Wir haben doch auch geheiratet.“ – „Ja, damals. Aus Liebe.“ Schon in den ersten Minuten von Andreas Dresens „Alte Liebe“ wird deutlich, dass Lore und Harry nach vierzig Jahren Ehe einen Ton miteinander pflegen, in dem Vertrautheit und Gereiztheit kaum noch voneinander zu trennen sind. Als Harry beim Wort „Liebe“ nachhakt, fährt Lore ihm über den Mund: Darüber diskutiere sie nach vierzig Jahren nun wirklich nicht mehr mit ihm. „Sag mal, wenn du nicht zu Hause bist und ich habe eine Meinung, habe ich dann immer noch Unrecht?“, fragt Harry an anderer Stelle.
Aktueller Anlass der Streitigkeiten und Sticheleien zwischen Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) ist die – dritte – Hochzeit der Tochter, zu der sie unbedingt fahren möchte, er aber nicht. Blicke und kleine Gesten, aber auch Pausen verraten mindestens ebenso viel wie die Worte. Die beiden kennen nicht nur die Gewohnheiten des anderen, sondern auch dessen Verletzlichkeiten.
Zwischen Rittersporn und Bibliothek
Dresens Film „Alte Liebe“ könnte man auch als „Szenen einer alten Ehe“ bezeichnen – in Anspielung auf Ingmar Bergmans berühmtes Drama „Szenen einer Ehe“ (1973). Nur dass Dresen die Paarbeziehung weniger schonungslos seziert als der schwedische Regie-Altmeister. Suchte Bergman die Abgründe einer Ehe, so konzentriert sich Dresen mit lakonischem Humor auf das, was zwei Menschen nach vier gemeinsamen Jahrzehnten trotz aller Verletzungen noch immer aneinander bindet.
Harry ist seit Kurzem pensioniert, pflegt seinen Rittersporn im Garten, trinkt gerne Weizenbier und hat sich, so Regisseur Andreas Dresen, auf „maskulin-bequeme Art“ in seinem Leben eingerichtet. Lore arbeitet weiterhin als Bibliothekarin, organisiert Autorenlesungen – Christoph Hein tritt etwa mit seinem „Narrenschiff“ bei einer solchen Veranstaltung auf – und fragt sich zunehmend, was aus ihren früheren Plänen geworden ist. Sie wollte reisen, etwas erleben. Was kommt noch? War das schon alles?
Große dramatische Ereignisse braucht „Alte Liebe“ kaum. „Scheinbar passiert ja nur sehr wenig“, sagt Dresen selbst über seinen Film. Es sei eine „relativ bewegungsarme Erzählung von gegenseitigem Sich-Wiederfinden und Wiederentdecken“. Der Film handelt von alltäglichen Beziehungsdiskussionen, wie sie viele andere Ehepaare erleben dürften.
Aneinander vorbei gesprochen
Nach „Gundermann“ (2018), „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (2022) und „In Liebe, Eure Hilde“ (2024) arbeitet Dresen zum neunten Mal mit Laila Stieler als Drehbuchautorin zusammen. Für „Alte Liebe“ haben sie das Drehbuch als Adaption des gleichnamigen Romans von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder gemeinsam verfasst. Stieler habe zunächst vor allem „das wunderbare Geplänkel und den Humor“ des Paares fasziniert. Erst allmählich habe sie darunter die eigentliche Liebesgeschichte entdeckt.
Lore und Harry reden erstaunlich viel miteinander, nur dass sie häufig nicht über das Entscheidende sprechen. Unter den Wortgefechten um Garten, Ruhestand oder Hochdruckreiniger liegen Enttäuschungen, aber auch alte Eifersucht und die Angst davor, dass im Leben die Möglichkeiten immer weniger werden. Daraus entsteht immer wieder ein beinahe loriothafter Humor, wie Dresen selbst anmerkt. Bei der Hochzeit der Tochter beziehen Lore und Harry eine ziemlich große Hotelsuite. Sie bietet „genug Platz für meine Probleme“, heißt es; und sogar den Vorteil, dass man streiten könne, ohne sich zu hören. Der Humor schützt den Film davor, ins Melodramatische zu kippen.
Der Wechsel der Jahreszeiten gibt dem weitgehend auf die Eheleute konzentrierten Kammerspiel ein unaufdringliches Zeitmaß: Frühling, Sommer, Herbst. Am Himmel zieht wiederholt ein Flugzeug vorbei. Der springende Schnitt wird hier und an anderen Stellen deutlich. Es geht nicht nur um die Szenen einer Ehe. Insbesondere Lore zieht auch Bilanz über ihr eigenes Leben. Damit berührt „Alte Liebe“ ein Motiv, das Dresen in „Halt auf freier Strecke“ noch radikaler behandelte. In dem Film von 2011 zwingt eine tödliche Diagnose einen erst vierzigjährigen Familienvater, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, wobei das Verstörende in der Vorstellung liegt, dass damit alles vorbei sei. In „Alte Liebe“ tritt diese Frage nicht so ausdrücklich auf, ist aber noch präsent. Wenn weder Gott noch irgendein transzendenter Gedanke vorhanden ist, bleibt nur Leere. „Alte Liebe“ erzählt nicht davon, wie eine neue Liebe gefunden wird, sondern wie eine alte wieder sichtbar wird. Bissigkeit und Zärtlichkeit, Verletzung und Fürsorge liegen nah beieinander.
Dagmar Manzel und Joachim Król, der das Klischee des biertrinkenden Hobbygärtners gekonnt umschifft, brauchen dafür keine großen Gesten. „Alte Liebe“. Deutschland 2026. 110 Min. Regie: Andreas Dresen, Im Kino ab dem 8. Oktober.
Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.
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