Ein erwachsener Mann betritt ein unscheinbares Vorstadthaus, im festen Glauben, sich dort mit einem Minderjährigen zu treffen, den er zuvor längere Zeit nur online kontaktiert hat. Was er jedoch nicht ahnt, ist, dass der Teenager lediglich einen Lockvogel darstellt. Denn sobald dieser den Raum verlässt, tritt Moderator Chris Hansen aus seinem Versteck hervor und liest dem mutmaßlichen pädophilen Täter eiskalt die explizitesten und anstößigsten Auszüge aus seinem Online-Chatprotokoll vor.
Dabei genießt er sichtlich die aufsteigende Panik des Beschuldigten sowie seinen emotionalen Zusammenbruch, als dieser erkennt, dass er gerade entlarvt wurde und ihn dabei die ganze Zeit ein Fernsehteam mitgefilmt hat. Je mehr Angst, Scham und Verzweiflung in dem Mann aufsteigen, desto mehr genießt Chris Hansen sichtbar die Macht, die ihm die Kamera gibt, und desto besser ist es auch für die Einschaltquoten der Sendung.
Wie weit darf Fernsehen gehen?
Wie weit darf das Fernsehen gehen, um Menschen und ihre Vergehen vor den Augen der Welt zu demaskieren? „Primetime“ erzählt, inspiriert von wahren Begebenheiten rund um die legendäre US-Reality-TV-Show „To Catch a Predator“ (2004–2007), die Geschichte eines TV-Skandals, der für großes Aufsehen sorgte und Fernsehgeschichte schrieb. Die NBC-Sendung wurde in den USA ein Quotenhit, trotz starker Kritik an ihrer Vorgehensweise.
Superstar Robert Pattinson, der dieses Jahr bereits in „Das Drama“ und „Die Odyssee“ glänzen konnte und Ende des Jahres noch in „Dune: Part Three“ zu sehen sein wird, läuft zu oscarwürdiger Höchstform auf und ist als investigativer und ehrgeiziger TV-Journalist Chris Hansen in seiner bislang wohl intensivsten und abgründigsten Rolle zu sehen.
Denn Chris Hansen ist als Moderator das ambivalente Gesicht des umstrittenen Reality-Formats, das mutmaßliche Pädophile durch Lockvögel in eine Falle lockt und sie vor laufenden Kameras bloßstellt. Robert Pattinson spielt Chris Hansen als einen Mann, der das Fernsehen sowohl für gute Zwecke benutzen will als auch als Karrieresprungbrett und willkommenes Mittel zur eigenen Profilierung, bis kaum noch zu erkennen ist, ob er die Kamera kontrolliert oder die Kamera längst ihn.
Einer seiner Köder, der anfangs noch moralische Skrupel hat, ist der erfolglose Nachwuchsschauspieler Dan Plumb/„Decoy Dan“, der von Skyler Gisondo gespielt wird und mit seiner ebenfalls intensiven Darstellung Robert Pattinson in nichts nachsteht. Die dritte Hauptfigur im Bunde ist die Produzentin Andie Bender, die von Merritt Wever dargestellt wird und sich ebenfalls gut in das Dreiergespann einfügt.
Schattenseiten des TV
Regisseur Lance Oppenheim, der bisher eher im Dokumentarfilmbereich tätig war, erzählt in seinem ersten Spielfilm sowohl die Erfolgsgeschichte des Formats als auch die Schattenseiten des sensationsgetriebenen Fernsehens. Denn was zunächst als moralischer Kreuzzug gegen Pädophilie beginnt, wird im Film in kürzester Zeit zur obsessiven Machtmaschinerie, bis sich die Ereignisse plötzlich überschlagen und die Jagd nach dem ultimativen Täter, einem prominenten und großen Fisch an der Angel, schließlich in einem unvorhergesehenen Fiasko endet.
Oppenheims Spielfilmdebüt ist eine Art Making-of von Reality- und True-Crime-TV, das zeigt, wie aus einer realen Gefahr durch präzise Planung eine für die Konsumenten möglichst spannende Fernsehsendung entsteht. „Primetime“ ist als Film ein düsterer und hochaktueller Schlag in die Magengrube, ein verstörendes Spannungskino. Niemand handelt in diesem Film moralisch richtig, jeder hat seine Schattenseiten und dunklen Geheimnisse.
Er zeigt menschliche Abgründe auf und wirft einen schonungslosen Blick auf journalistische Verantwortung, mediale Inszenierung und die ethischen Grenzen der Unterhaltungsindustrie, die aus der aufklärerischen Jagd nach potenziellen Straftätern schnell eine voyeuristische Hatz nach dem nächsten großen Spektakel macht und dabei vor lauter Heuchelei ihren moralischen Kompass verliert. Zudem wird die Jagd zu einer Art Besessenheit, denn mit der wachsenden Popularität einer TV-Sendung wächst auch der Druck nach immer schrillerem Reality-Stoff.
Zwar liegen die Geschehnisse, die der Film aufgreift, zwei Jahrzehnte zurück, doch man kommt nicht umhin, die Zeitlosigkeit des Themas festzustellen: eine sensationslüsterne Aufmerksamkeitsökonomie, in der sich vermeintliche Heldenfiguren unter dem Deckmantel höherer Moral selbst ins Rampenlicht rücken und am Leid anderer verdienen.
Die Grenzen verschwimmen
Denn die Grenzen zwischen investigativer Recherche, öffentlicher Bloßstellung und rentabler True-Crime-Sensationsunterhaltung sind mehr als fließend. Damit reiht sich der Film in die Tradition sardonischer Mediensatiren wie Sidney Lumets „Network“ (1976), Robert Redfords „Quiz Show“ (1994) oder Dan Gilroys „Nightcrawler“ (2014) ein.
Oppenheims brisantes Mediendrama stellt fast schon diabolisch die Frage, wann der Zweck welche Mittel heiligt, wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist – und das tut er mit recht viel Style, aber leider nicht immer mit viel Substanz, da viele moralische Themen nur an der Oberfläche angekratzt werden. Auch geht der Film beim Thema „Sensationslust“ nicht immer subtil vor, sodass am Ende aus der klugen Medienbeobachtung lediglich ein konventionellerer Thriller wird, der zudem aufgrund seiner zahlreichen Handlungsstränge unfokussiert wirkt.
„Primetime“, USA 2026, 107 Minuten, Regie: Lance Oppenheim, seit dem 24. September im Kino.
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.











