Spionagethriller

„Slow Horses – Ein Fall für Jackson Lamb“

Die britische Agenten-Serie „Slow Horses –­ Ein Fall für Jackson Lamb“ handelt mit viel Sinn für schwarzen Humor von einer Reihe ausgemusterter Spione.
Spionagezentrale
Foto: Apple TV+ | Einige der „Lahmen Gäule“: River Cartwright (Jack Lowden), Roddy Ho (Christopher Chung), Sid Baker (Olivia Cooke) und Struan Loy (Paul Higgins), als sie plötzlich in einen vertrackten Spionagefall hineingezogen werden.

Die Jackson-Lamb-Romane des britischen Autors Mike Herron erfreuen sich seit der Veröffentlichung des ersten Bandes „Slow Horses“ im Jahre 2010 großer Beliebtheit. Jackson Lamb leitet das sogenannte „Slough House“, eine Unterabteilung des britischen Geheimdienstes MI5 für in Ungnade gefallene Agenten, die im schmierigen Haus gestrandet sind, ohne jede Hoffnung, wieder ins MI5-Hauptgebäude „Regent’s Park“ zu ziehen. Zu Beginn von „Slow Horses“ weist Herron daraufhin, „dass niemand von ihnen zurückkehrte nach Regent’s Park, denn sie alle hatten dort Geschichte geschrieben, Schmutzflecken in den Annalen des Secret Service hinterlassen“. Diese Agenten landen eben im „Slough“ (Sumpf, Morast).

Der Streaming-Dienst Apple TV+ hat den ersten Roman aus der Reihe als sechsteilige Serie „Slow Horses – Ein Fall für Jackson Lamb“ produziert. Für fünf der sechs Folgen verfasste das Drehbuch Will Smith – der britische Autor, nicht zu verwechseln mit dem bekannten US-amerikanischen Schauspieler. Regie führt bei der gesamten Serie James Hawes.

„. Obwohl – oder vielleicht deshalb ?– so gut wie alle Figuren mit skurrilen,
eher unangenehmen Eigenarten ausgestattet sind,
wirken sie lebensecht und irgendwie wieder sympathisch“

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Das Produktionsdesign (Tom Burton) und die Kamera (Danny Cohen) schaffen es, das Slough House – von dem der Romanautor anfangs klarstellt, dass es weder in der englischen Gemeinde Slough steht, noch ein Wohnhaus ist – der detaillierten Beschreibung im Roman getreu aussehen zu lassen: Das Gebäude „wird zu einem vergessenen Behördenkerker, wo neben einem prä-digitalen Überfluss an Papierkram eine post-nützliche Mannschaft von Versagern geparkt und dem Verstauben überlassen werden kann“. Die Darstellung des nach außen hin nicht als Geheimdienst-Zweigstelle erkennbaren Gebäudes nimmt sich als ironische Brechung der getarnten CIA-Nebenstelle in Sydney Pollacks „Die drei Tage des Condor“ (1975) aus.

Obwohl Jackson Lamb (Gary Oldman) als Chef der „langsamen Pferde“ – eine Metapher für tollpatschige Agenten, die im Deutschen mit „lahmen Gäulen“ wiedergegeben werden könnte – die titelgebende Hauptfigur ist, wird aus der Perspektive des jungen Agenten River Cartwright (Jack Lowden) erzählt. Die Vorgeschichte sowohl im Roman als auch in der Serie gibt gerade den von ihm verkorksten Einsatz wieder, woraufhin er von der stellvertretenden MI5-Chefin Diana Taverner (Kristin Scott Thomas) ins Slough House verbannt wurde.

Acht abgehalfterte Agenten langweilen sich auf dem Abstellgleis

 

 

Nach seiner „Degradierung“ wird River, dessen Großvater (Jonathan Pryce) eine Geheimdienst-Legende im Kalten Krieg war, beispielsweise damit beauftragt, im Slough House den Müll des Journalisten Robert Hobden (Paul Hilton) zu durchwühlen auf der Suche nach irgendwelchen Hinweisen in den Recherchen des Verschwörungstheoretikers. Die Serie beschreibt, allerdings nicht so ausführlich wie im Roman, die weiteren acht ausgemusterten Agenten, von denen jeder so seine Fähigkeiten hat, so etwa Roddy Ho (Christopher Chung) als IT-Nerd oder Sid Baker (Olivia Cooke) als einzig zuverlässige Agentin, weshalb sich die anderen fragen, warum sie im „Morast“ gelandet ist. Bei Min Harper (Dustin Demri-Burns) ist dies freilich offensichtlich: Er ließ eine CD mit Geheiminformationen in einem U-Bahn-Zug liegen, die der Presse zugespielt wurde. Bei der Chefsekretärin Catherine Standish (Saskia Reeves) war Alkoholismus der entscheidende Grund für ihr Ausgestoßen-Dasein.

Besonderes Augenmerk gilt der Figur des Jackson Lamb, den Gary Oldman genüsslich als jähzorniges Ekelpaket darstellt, bei dem jedoch der brillante Geheimdienstler immer wieder durchscheint. Darin ähnelt er dem von ihm in der Le-Carré Verfilmung „Dame König As Spion“ (DT vom 31.01.2012) dargestellten pensionierten MI6-Agenten George Smiley, der unerbittlich nach einem Maulwurf im britischen Geheimdienst sucht.

Skurrile Typen mit britischem Humor

In „Slow Horses“ spielt wiederum sein Hassliebe-Verhältnis zu Diana Taverner eine zentrale Rolle. Wie es dazu kam, dass Lamb ins Slough House versetzt wurde, bleibt ein Rätsel, das sich durch die ganze Serie zieht. Obwohl – oder vielleicht deshalb ?– so gut wie alle Figuren mit skurrilen, eher unangenehmen Eigenarten ausgestattet sind, wirken sie lebensecht und irgendwie wieder sympathisch. Dazu verhilft ebenfalls ein typisch britischer Humor.

Plötzlich müssen die „lahmen Gäule“ doch noch „an die Front“, denn sie werden in einen gefährlichen Fall verwickelt: Rechtsradikale entführen einen pakistanischen Studenten, den sie vor laufender Internet-Kamera zu enthaupten drohen. Auf einmal nimmt die Geschichte Fahrt – eine Geschichte, die viel verzwickter ist, als es den Anschein hat. Plötzlich sind auch alle Elemente eines spannenden Spionagethrillers da. Die zweite Staffel, die den zweiten Band von Mike Herrons Romanreihe mit dem Titel „Dead Lions“ wiederum als sechsteilige Serie adaptiert, soll bereits abgedreht sein.


„Slow Horses – Ein Fall für Jackson Lamb“. Hauptdrehbuchautor: Will Smith.
Regie: James Hawes. Großbritannien 2022, 6 Folgen mit je 45-56 Min., auf Apple TV+

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