Verschwörungstheorie "Great Reset"

Was ist vom „Great Reset“ zu halten?

Die Verschwörungstheorie des "Great Reset" zieht immer weitere Kreise. Auch Katholiken erweisen sich hier längst nicht immer als immun. Worum es dabei eigentlich geht und warum Furcht nicht angebracht ist.
Verschwörungstheorie vom "Great Reset"
Foto: (394133421) | Ganz gleich, welche der immer zahlreicher werdenden Varianten der XXL-Verschwörungstheorie des "Great Reset" man sich auch näher anschaut, keine von ihnen beantwortet auch nur eine einzige der Fragen, die sich ...

"The Great Reset" (dt.: "Der große Umbruch") ist eine Verschwörungstheorie. Eine, die noch dazu im Format "XXL" daherkommt. Sie rankt sich um ein Buch, das im Juni 2020 entstand und den fast gleichnamigen Titel "COVID-19: Der große Umbruch" trägt. Einer seiner beiden Autoren ist niemand Geringerer als der Gründer und geschäftsführende Vorsitzende des "World Economic Forums" (WEF), Klaus Schwab. Die XXL-Verschwörungstheorie besagt, eine globale Wirtschafts- und Finanzelite habe sich auf eine neue Weltwirtschaftsordnung verständigt. Um diese durchzusetzen, bediene sie sich des Virus SAR-CoV-2. Mit anderen Worten: Was uns als Kampf gegen die COVID-19-Pandemie erscheint, diene in Wirklichkeit der Etablierung einer neuen Wirtschafts- und Finanzordnung, die die Reichen noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger machen solle.

„Great Reset“: Jeder kann das Buch lesen

Nun wäre das allein noch keine Nachricht und wohl auch kaum der Rede wert. Zumindest nicht, wenn "Nachricht" definiert wird, "als das, was sich unterscheidet". Denn dass ein inzwischen 84-Jähriger, der einmal im Jahr die Reichen und Mächtigen zum Stelldichein in die Schweizer Bergstadt Davos bittet, Verschwörungstheoretiker anzieht wie Motten das Licht, besitzt, bei solchem betrachtet, in etwa den "Nachrichtwert" von "Hund beißt Postbote". Anders formuliert: Ziel von Verschwörungstheorien zu werden, gehört für jemanden wie Schwab, wenn auch vielleicht nicht zum Alltag, so doch, ähnlich wie der Hundebiss für Postboten, zum Berufsrisiko. Zu Mitleid zwingt das niemanden. Und wer eine Stiftung wie das WEF gründet, die sich "verpflichtet" wähnt, "den Zustand der Welt zu verbessern", legt darauf auch vermutlich keinen Wert. Zumindest leidet er erkennbar nicht an einem Minderwertigkeitskomplex.

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Der Beschäftigung wert ist die Verschwörungstheorie des "Great Reset" aus ganz anderen Gründen. So ist sie etwa die erste, die sich ganz einfach überprüfen lässt. Denn das Buch, auf die sie sich bezieht, gibt es ja tatsächlich. Es wurde auch nicht in Hieroglyphen verfasst und ist nicht einmal verschollen. Es kann also von jedem bezogen und gelesen werden. Darüber hinaus ist die Verschwörungstheorie des "Great Reset" die erste "multifunktionale". Eine, die sich in zwei Narrative aufspaltet, die sich, zu allem Überfluss, auch noch gegenseitig ausschließen. Aber der Reihe nach.

Zunächst zum Buch. "COVID-19: Der große Umbruch" erschien im Juli 2020. Einen Monat zuvor hatte sich das WEF auf einem virtuellen Treffen mit der Corona-Pandemie und ihren möglichen Auswirkungen befasst. Dabei wurde dem Vernehmen nach auch eine neue Initiative vorgestellt: Der "Great Reset".

Alter Wein in neuen Schläuchen

In Wirklichkeit wurde dabei nur eine alte Idee recycelt, in den aktuellen Kontext überführt und vor diesem neu reflektiert. Eine Idee, die inzwischen mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat. 1971, als Schwab das WEF ins Leben rief, um Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung für sie zu begeistern, haftete ihr noch etwas Revolutionäres an.

Die Rede ist vom sogenannten "Stakeholder"-Kapitalismus, der zu Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts so etwas wie der "heiße Scheiß" der damaligen Wirtschaftswissenschaften war. Im Gegensatz zum Konzept des "Shareholder Value", das die Maximierung des Unternehmenswertes durch Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite zum maßgeblichen Ziel von Unternehmen erklärt, vertreten Verfechter des "Stakeholder Value" die Auffassung, um langfristig erfolgreich zu sein, dürften Unternehmen nicht nur die Interessen der Eigentümer oder Anteilseigner vertreten, sondern müssten auch die legitimen Interessen weiterer "Anspruchsgruppen" (Stakeholder) berücksichtigen, etwa die von Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden oder gar die von Staaten.

Vor diesem theoretischen Hintergrund befassen sich Klaus Schwab und sein Co-Autor Thierry Malleret, ein Ökonom und ehemaliger Investmentbanker, in "COVID-19: Der große Umbruch" mit den ihrer Ansicht nach "weitreichenden und dramatischen Auswirkungen", welche die Pandemie "auf die Welt von morgen" haben werde. Gegliedert ist das Werk in drei Teile. In einem ersten untersuchen Schwab und Malleret, wie sich die Pandemie auf Wirtschaft, Gesellschaft, Geopolitik, Umwelt und Technologie auswirkt. Dieser mit "Makro-Umbruch" überschriebene Teil ist der mit Abstand umfangreichste. In einem zweiten Teil widmen sich die Autoren dem "Mikro-Umbruch" in Industrie und Unternehmen. Der dritte Teil, an welchen Schwab und Malleret einige Schlussfolgerungen anschließen, ist mit "Persönlicher Neustart" überschrieben und behandelt "tiefgreifende und vielfältige Folgen", die die Pandemie nach Ansicht der Autoren "für uns alle als Individuen" zeitigen werde. 

Die Krise als Chance betrachten

In dem Werk, das stilistisch zwischen Analyse und Essay hin- und herschwankt, prognostizieren Schwab und Mallaret ein Wiedererstarken von Staaten und Regierungen, eine Umverteilung "von den Reichen zu den Armen und vom Kapital zur Arbeit" und rechnen mit Entwicklungen, die zu einer vermehrten "Relokalisierung von Lieferketten", einer zunehmenden "Deglobalisierung" sowie zu mehr "Protektionismus" und "Nationalismus" führten. Sie erwarten den "Tod des Neoliberalismus", der "Wettbewerb über Solidarität", "schöpferische Zerstörung über staatliche Intervention" und "Wirtschaftswachstum über soziales Wohlergehen" stelle und prophezeien, wenig überraschend, eine zunehmende Bedeutung des "Stakeholder"-Kapitalismus, dessen "Agenda" durch die Pandemie "an Relevanz und Stärke gewinnen" werde.

Letztlich rufen die Autoren dazu auf, die durch die Pandemie ausgelöste Krise als Chance zu betrachten und sie zu nutzen, um "die Welt weniger gespalten, weniger verschmutzend, weniger zerstörerisch, integrativer, gerechter und fairer zu machen". Dabei bauen sie durchaus auch moralischen Druck auf. So etwa, wenn sie schreiben: "Nicht zu handeln würde bedeuten, zuzulassen, dass unsere Welt niederträchtiger, gespaltener, gefährlicher, egoistischer und für große Teile der Weltbevölkerung einfach unerträglich wird."

Unabhängig davon, ob man sich den jeweiligen Prämissen, Beobachtungen, Wertungen und Schlussfolgerungen des Autorenduos anzuschließen vermag oder nicht, Belege für die Verschwörungstheorie des "Great Reset" sucht man in dem Buch vergeblich.

Das Fehlen des "Masterplans"

Das wäre ohnehin ein schwieriges Unterfangen. Denn während in den USA und Kanada Verschwörungstheoretiker behaupten, mit dem "Great Reset" nutze eine globale Wirtschafts- und Finanzelite das im Zuge der Pandemie entstandene Chaos, um weltweit den Sozialismus einzuführen, herrscht in Europa ein anderes Narrativ vor. Ihm zufolge sollen mit dem "Great Reset" Großkonzerne mehr Macht und Einfluss erhalten, der Mittelstand zerschlagen und der Neoliberalismus gestärkt werden.

In Deutschland etwa haben passionierte Produzenten "alternativer Fakten" wie Ken Jebsen, Attila Hildmann, Oliver Janisch und Jürgen Elsässer massiv zur Verbreitung der XXL-Verschwörungstheorie beigetragen. Und selbst Katholiken zeigen sich erstaunlich anfällig. Im August 2021 veröffentlichte der ehemalige Vatikandiplomat, Erzbischof Carlo Maria Vigano, auf dem kanadischen Internetportal "LifeSiteNews" einen Text, in dem er behauptet, ein "tiefer Staat" und eine "tiefe Kirche" strebten nach einer neuen Weltordnung.

Doch ganz gleich, welche der immer zahlreicher werdenden Varianten der XXL-Verschwörungstheorie des "Great Reset" man sich auch näher anschaut, keine von ihnen beantwortet auch nur eine einzige der Fragen, die sich mitdenkenden Menschen eigentlich wie von selbst aufdrängen müssten. Wenn zum Beispiel die "globale Wirtschafts- und Finanzelite" derart verschworen, mächtig, einflussreich und skrupellos ist, wie die Verschwörungstheoretiker ihr Publikum glauben machen wollen, warum gibt es dann eigentlich nicht längst eine Weltregierung, die die Dinge in die Hand nimmt und den Lauf der Geschichte endlich in die gewünschten Bahnen lenkt? Warum etwa wirbt WEF-Gründer Schwab seit 50 Jahren für den "Stakeholder"-Kapitalismus, anstatt ihn einfach anzuordnen? Oder auch: Warum eigentlich dürfen die Verschwörungstheoretiker, die ihn als Chef-Satanisten "outen", eigentlich noch frei rumlaufen und ungehindert ihre Theorien verbreiten und in sozialen Netzwerken miteinander um Reichweite konkurrieren? Gäbe es in den "schwarzen Messen" der Satanisten keine bessere Verwendung für sie? Fragen über Fragen, die alle der Beantwortung harren.

Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass im Zuge der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie Grundrechte vielerorts erstaunlich leichtfertig und oft unverhältnismäßig eingeschränkt oder gar vorübergehend ganz suspendiert wurden. Beklagen lässt sich auch, dass die Gerichte den Regierungen dabei oft erstaunlich viel Raum ließen, Maßnahmen zu ergreifen und durchzusetzen. Anderseits zeigen aber doch gerade das Chaos, das dabei vielerorts entstand, sowie die höchst unterschiedlichen Regelungen, die die Staaten dabei trafen und oftmals wieder zurücknahmen, dass es eben keinen "Masterplan" gab, nach dem die Regierungen vorgegangen wären. Offensichtlich hat die "globale Wirtschafts- und Finanzelite" ihre "Marionetten", die Politiker den Verschwörungstheoretikern zufolge sind, nicht wirklich im Griff. Sollten Schwab & Co. also tatsächlich nach der Weltherrschaft greifen, dann stümpern sie dabei jedenfalls so massiv herum, dass Furcht davor, wohl vor allem eines wäre: lächerlich.

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