SciFi

„Schwanengesang“ auf Apple TV

Ein vortrefflich gespielter und inszenierter Science-Fiction-Film, der nach dem Menschsein fragt: „Schwanengesang“ auf Apple TV.
Filmszene aus „Schwanengesang“
Foto: Apple TV+ | Der sterbenskranke Cameron Turner (Mahershala Ali) trifft auf sein „Duplikat“, das sein eigenes Leben weiterführen soll, wenn er nicht mehr da ist.

In einem Science-Fiction-Subgenre spielt von jeher eine große Rolle die Frage, ob menschliche „Schöpfungen“ genauso menschlich oder gar noch menschlicher sein können als Menschen. Wobei sich in Klassikern solche menschlichen Schöpfungen oft gegen den Menschen wenden, ob es sich um den „Maschinenmenschen“ in „Metropolis“ (Fritz Lang, 1927), den Computer „HAL“ in „2001: Odyssee im Weltraum“ (Stanley Kubrick, 1968) oder die „Replikanten“ in „Blade Runner“ (Ridley Scott, 1982) handelt.

Häufig wird der Gedanke an menschliche Schöpfungen mit der Frage der Überwindung des Todes verknüpft: In neueren Filmen und Serien – beispielsweise „Self/Less – Der Fremde in mir“ (2015), „Ad Vitam“ (2018), „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ (2018–2020) – soll ein todkranker oder einfach ein alt gewordener Körper durch einen geklonten oder nachgemachten jüngeren ersetzt werden. Je nach Ausrichtung sprechen solche Filme und Serien die psychischen, zwischenmenschlichen oder auch philosophischen und moralischen Probleme an, die damit einhergehen können.

„Clearys Langspielfilm-Debüt „Schwanengesang“ stellt nicht nur den Zuschauer vor die Frage,
wie weit ein jeder gehen würde, um der Familie Leid zu ersparen„

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Zu dem Genre gehört ebenfalls der Spielfilm „Schwanengesang“ („Swan Song“) des Drehbuchautors und Regisseurs Benjamin Cleary, der auf der Plattform Apple TV+ gestreamt werden kann.

Bereits in der ersten Szene erfährt der Zuschauer, dass der Film in einer nahen Zukunft angesiedelt ist: Cameron Turner (Mahershala Ali) sitzt in einem nicht besonders futuristisch aussehenden Zug, als ein Roboter ihm Kaffee und einen Schokoriegel verkauft. Bald wird es aber deutlich, dass es sich um eine Rückblende handelt, als Cameron seine künftige Frau Poppy (Naomie Harris) kennenlernte.

Die Ist-Zeit von „Schwanengesang“ findet etwas später statt, als das Paar bereits den achtjährigen Sohn Cory hat und Poppy ein zweites Kind erwartet. Zum Familienglück kommt noch ein Beruf, in dem Cameron zwar nicht ganz aufgeht, mit dem er aber zufrieden ist: Er arbeitet als Grafikdesigner.

Gnadenlos: Das Leben schlägt zu

Das Leben könnte so weitergehen für Cameron und Poppy, aber ein Gehirntumor macht dem jungen Mann einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich erfährt Cameron, dass er nicht mehr lange zu leben hat, was er aber seiner Frau verschweigt.

In der nahen Zukunft von „Schwanengesang“ sind todbringende Krankheiten immer noch nicht heilbar, dafür gibt es seit neuestem eine Alternative: Dr. Jo Scott (Glenn Close) und Psychologe Dalton (Adam Beach) haben eine Methode entwickelt, um Klone zu erstellen, die mit allen Erinnerungen und Eigenschaften der „Vorlage“ ausgestattet werden. Ein besonderer Clou: Sogar das Duplikat „vergisst“ nach dem Austausch, dass es ein Klon ist.

Soll er das Vertrauen der Ehefrau missbrauchen?

 

Dadurch könnte Cameron seiner Familie den schmerzlichen Verlust ersparen. Sie brauchte nicht einmal von seiner Krankheit zu erfahren. Dies ist Cameron besonders wichtig, weil der Unfalltod ihres Zwillingsbruders André (Adam Beach) Poppy in eine tiefe, lang anhaltende Depression stürzte. Die Entscheidung fällt Cameron ziemlich schwer: Wenn sein „Duplikat“ übernimmt, würde er das Vertrauen seiner Frau missbrauchen. Abgesehen davon: Würde er selbst oder nur eine Kopie von ihm weiterleben?

Um eine Entscheidung zu treffen, zieht er sich in Dr. Scotts Einrichtung zurück, die versteckt mitten in einem idyllischen Wald liegt, wo er Kate (Awkwafina) begegnet: Die junge Frau hat die Wahl schon getroffen, quält sich aber mit allerlei Gedanken. Cameron lernt in der Stadt sogar Kates „Duplikat“ kennen.

Die Bildgestaltung des Kameramanns Masanobu Takayanagi kontrastiert die warmen Töne bei Familie Turner mit den kühlen Farben in Dr. Scotts Einrichtung. Der atmosphärische Soundtrack unterstreicht eine gewisse Melancholie, die über dem Film liegt.

Eine herausragende schauspielerische Leistung

Der Film lebt größtenteils von der schauspielerischen Leistung Mahershala Alis – der bereits zwei Oscars als Nebendarsteller gewonnen hat: in „Moonlight“ (2017) und „Green Book“ (2019) – in einer Art Doppelrolle, in der Ali meistens Besonnenheit an den Tag legt, aber auch aus der Haut fahren kann, etwa in Camerons Konfrontation mit seinem „Duplikat“. Die drei weiblichen Darsteller Naomie Harris, Glenn Close und Awkwafina runden hervorragend den Cast ab.

Clearys Langspielfilm-Debüt „Schwanengesang“ stellt nicht nur den Zuschauer vor die Frage, wie weit ein jeder gehen würde, um der Familie Leid zu ersparen. Beispielsweise eine solche Lebenslüge inszenieren? Über die im Zusammenhang mit den zwischenmenschlichen Beziehungen stehenden Fragen, etwa auch was für eine Rolle Technologie dabei spielen kann, lässt Clearys Film auch darüber nachdenken, was Individualität und menschliches Leben bedeutet. Aufschlussreich dabei: Im Gegensatz zu anderen Filmen aus dem Genre soll das Duplikat nicht Camerons Leben ersetzen, sondern einfach fortsetzen. Dass damit auch ethisch-moralische Fragestellungen verbunden sind, lässt „Schwanengesang“ durchscheinen, auch wenn Wissenschaftlerin Dr. Scott darüber zu stehen scheint.


„Schwanengesang“. USA 2021, Regie: Benjamin Cleary, 104 Minuten. Auf Apple TV+.

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