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Michael Verhoeven setzte der Weißen Rose ein filmisches Denkmal

Der deutsche Filmemacher gab Sophie Scholl ein filmisches Gesicht. Mit seinem Vietnam-Film „o.k“ sorgte er für einen Skandal.
Regisseur Michael Verhoeven ist tot.
Foto: dpa | Regisseur Michael Verhoeven ist tot.

Der deutsche Filmemacher Michael Verhoeven ist tot. Wie Ehefrau Senta Berger und Sohn Simon am Freitagnachmittag mitteilten, starb der 85-Jährige nach kurzer Krankheit bereits am Montag. „Eine Welt ist verloren gegangen. Es ist unvorstellbar schmerzhaft“, sagte sein Sohn Simon Verhoeven, ebenfalls Filmregisseur,

Verhoevens Name ist untrennbar mit der filmischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und insbesondere mit der Weißen Rose verbunden. Sein Spielfilm „Die Weiße Rose“ (1982), das den Durchbruch für Schauspielerin Lena Stolze bedeutete, gab Sophie Scholl ein filmisches Gesicht. Zusammen mit der 1980 veröffentlichten Biografie von Hermann Vinke „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ entfachte Verhoevens Film das Interesse an der Weißen Rose neu, sorgte für eine größere Bekanntheit einer Widerstandsgruppe, die im Gegensatz beispielsweise zu den „Männern (und Frauen) des 20. Juli“ schon immer im Nachkriegsdeutschland positiv konnotiert war.

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Im Gegensatz zum späteren Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2004) von Fred Breinersdorfer (Drehbuch) und Marc Rothemund (Regie) konnte Verhoeven nicht auf die Originalprotokolle der Vernehmungen Sophie Scholls durch den Gestapo-Ermittler Robert Mohr zurückgreifen, die erst die Öffnung der Stasi-Archive zugänglich machte. „Die Weiße Rose“ – der 1982 der erfolgreichste deutsche Kinofilm überhaupt war – erzählt zwar von den Aktionen der ganzen Gruppe. Der dokumentarische Spielfilm stellt jedoch Hans und vor allem Sophie in den Mittelpunkt. Nicht umsonst beginnt Verhoevens Film mit Sophies Ankunft in München am 4. Mai 1942 und endet mit der am 22. Februar 1943 unter dem Vorsitz des „Volksgerichtshofs“-Präsidenten Roland Freisler durchgeführten Hauptverhandlung sowie mit ihrer Hinrichtung am selben Tag. Im Nachspann des Filmes wurde bemängelt, dass die Todesurteile des „Volksgerichtshofs“ gegen die Widerstandsgruppe von der deutschen Justiz immer noch als rechtsgültig betrachtet würden. Diese Kritik trug dazu bei, dass im Jahr 1998 die Urteile aufgehoben wurden.

Entlarvte Vertuschung der Vergangenheit

Auch in seiner Politsatire „Das schreckliche Mädchen“ (1990) setzte sich Verhoeven mit dem Nationalsozialismus auseinander. Der Film handelte von einer erneut von Lena Stolze dargestellten Schülerin namens Sonja in einer bayerischen Kleinstadt, die am einen Aufsatzwettbewerb über „Meine Stadt im Dritten Reich“ teilnehmen möchte. Die Vertuschung der nationalsozialistischen Verbrechen verdeutlicht eine unzureichende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der Film wurde für den Oscar nominiert und erhielt den British Academy Award. Sein letzter Kino-Spielfilm „Mutters Courage“ (1994), der mit dem Deutschen Filmpreis in Silber sowie mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Produktion und die beste Kameraführung ausgezeichnet wurde, handelte als schwarze Komödie von der Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus.

Michael Verhoeven wurde 1938 in Berlin als Sohn der Theaterschauspielerin Doris und des Schauspielers sowie Theater- und Filmregisseurs Paul Verhoeven geboren. Sein Debüt als Schauspieler gab er im Alter von 13 Jahren im Theaterstück „Pünktchen und Anton“ nach einem Roman von Erich Kästner. Seine erste Filmrolle erhielt Michael Verhoeven in „Das fliegende Klassenzimmer“ (1953), ebenfalls einer Kästner-Adaption. Unter der Regie seines Vaters spielte er in „Der Pauker“ (1958) und „Der Jugendrichter“ (1960).

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Nach seinem Abitur 1957 entschied sich Verhoeven zunächst für ein Medizinstudium in München, Berlin und Homburg. Er promovierte 1969 mit einer Arbeit über die „Psychiatrische Maskierung von Gehirntumoren“. Während seines Studiums blieb er jedoch als Schauspieler aktiv und begann als unabhängiger Filmemacher zu arbeiten. Bei den Dreharbeiten zu „Jack und Jenny“ (1963) lernte er Senta Berger kennen, die er 1966 heiratete. Gemeinsam gründeten sie die Sentana Filmproduktion. 

Ein Skandal in Berlin

Nachdem Verhoeven 1967 sein Debüt als Filmregisseurs mit „Paarungen“ gegeben hatte, sorgte er im Jahr 1970 für einen Skandal bei der Berlinale mit seinem Vietnam-Film „o.k.“, der in Form eines Passionsspiels die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Vietnamesin durch amerikanische Soldaten zeigt. Dies spaltete die Jury und führte zum Abbruch des Wettbewerbs. 

Verhoeven drehte auch Unterhaltungsformate wie die ZDF-Serie „Die schnelle Gerdi“ (1989) mit seiner Ehefrau Senta als Münchner Taxifahrerin. 2016 war er Co-Produzent der erfolgreichen Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“, bei der sein Sohn Simon Regie führte. Sein jüngerer Sohn Luca ist ebenfalls in der Filmbranche tätig.

Michael Verhoeven war Mitbegründer der Deutschen Filmakademie 2003 und erhielt zahlreiche Filmpreise und politische Auszeichnungen, darunter die vom Zentralrat der Juden verliehene Josef-Neuberger-Medaille (1997), das Bundesverdienstkreuz (1999) und den Bayerische Verdienstorden (2002). Im Januar 2022 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Helmut-Käutner-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgezeichnet.

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