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„The Fall Guy“: Ryan Gosling huldigt den Stuntmen dieser Welt

Das Remake der beliebten 80er-Serie „Ein Colt für alle Fälle“ möchte vor allem einfach nur unterhalten.
Ryan Gosling im Film "The Fall Guy"
Foto: IMAGO/Supplied by LMK (www.imago-images.de) | Ryan Gosling spielt im Film "The Fall Guy" den Hauptprotagonisten Colt Seavers , ein Stuntman, der sich auch mit kniffligen Kriminalfällen beschäftigt.

Es gibt künstlerisch wertvolle Filme, die förmlich nach einem Oscar schreien – und es gibt Popcorn-Filme wie „The Fall Guy“, die auf charmante, aber deutliche Art und Weise sowohl Hollywood als auch dem Massenpublikum zurufen, dass sie zwar nicht oscartauglich sind, aber es höchste Zeit ist, auch die halsbrecherische Arbeit der Stuntmen bei zukünftigen Oscarverleihungen endlich zu würdigen und ihre künstlerische Bedeutung fürs Kino anzuerkennen. 

Ryan Gosling tritt die Nachfolge von Lee Majors an

Regisseur David Leitch, der früher selbst als Stuntman und Stuntkoordinator gearbeitet hat, seit dem ersten „John Wick“-Film 2014 auch als Action-Regisseur tätig ist und mit seinen Filmen „Atomic Blonde“, „Deadpool 2“, „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ und zuletzt „Bullet Train“ starke Eindrücke im Action-Genre hinterlassen hat, veröffentlicht nun mit seinem neuesten Blockbuster „The Fall Guy“ (englisches Sprichwort für „Sündenbock“) eine große Liebeserklärung an das Filmemachen und die schweißtreibende Arbeit der Stuntleute. Und in der Tat: Wer hätte diese Hommage an die Männer und Frauen, die für die Stars eines Films die Knochen hinhalten und als „Sündenböcke“ und „unbekannte Helden“ die Drecksarbeit erledigen, besser drehen können, als aufgrund seiner Filmografie David Leitch? 

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Dabei stützt sich der Film lose auf die beliebte 1980er-Jahre-TV-Serie „Ein Colt für alle Fälle“. Sein Film hat jedoch bis auf den Originaltitel, den Namen des Hauptprotagonisten Colt Seavers (in der Serie gespielt von Lee Majors und im Film von „Barbie“-Superstar Ryan Gosling), seinem Stuntman-Beruf, dem Aufklären von kniffligen Kriminalfällen und dem Namen der weiblichen Hauptprotagonisten Jody (in der Serie gespielt von Heather Thomas und im Film von Emily Blunt) nicht viel mit der ursprünglichen DNA der Kult-Serie, die von 1981 bis 1986 im TV lief, zu tun. Er stellt eher eine lose Filmadaption dar und könnte durchaus eine Origin-Story der Figur des Colt Seavers sein. Im Serienoriginal war Colt nämlich ein Kopfgeldjäger, der Angeklagte ausfindig machen musste, die nicht zu ihrem Prozess erschienen sind. In der Kinoversion beobachten wir ihn bei seinem ersten Einsatz als Ermittler. 

20 Jahre in der Mache

Seit über 20 Jahren hat Hollywood schon versucht, die einstige Hit-Serie auf die große Leinwand zu bringen. Zahlreiche Regisseure, Drehbuchentwürfe und Darsteller kamen und gingen, bis schließlich nach Jahren des Stillstands das Stuntman-Actiongenre im Jahr 2019 durch den Quentin-Tarantino-Film „Once Upon a Time in Hollywood“ neue Aufmerksamkeit bekam und durch Tom Cruise und seine „Mission Impossible“ Filme, sowie die „John Wick“ Reihe neuen Auftrieb erhielt. David Leitch erarbeitete daraufhin einen neuen Ansatz, der aus dem Filmstoff eine Mischung aus Action, Komödie und Romanze machen sollte. 

Das Projekt nahm Fahrt auf als Hauptdarsteller Ryan Gosling, der zuvor bereits in den Filmen „Drive“ und „The Place Beyond the Pines“ einen Stuntman verkörperte, mit ins Boot geholt wurde. Er schien für den neuen Ansatz wie geschaffen zu sein, da er durch romantische Werke wie „Wie ein einziger Tag“, Comedy-Streifen wie „The Nice Guys“ und Action-Filme wie „The Gray Man“ längst bewiesen hat, dass er in verschiedenen Film-Genres zu Hause sein kann und als Darsteller sehr wandlungsfähig ist und alles verkörpern kann, sogar alles auf einmal, wie in „The Fall Guy“ zu sehen ist. 

Echte Stunts ohne viel Getrickse

Zusätzliche Rollen gingen an Emily Blunt („Oppenheimer“), den möglicherweise neuen James-Bond-Darsteller Aaron Taylor-Johnson als arroganten Filmstar Tom Ryder und Ted-Lasso-Star Hannah Waddingham als Filmproduzentin Gail. Seitens der Produktion wurde großer Wert auf die realistische Darstellung der Stuntarbeit gelegt, weshalb man auf CGI und Green Screens größtenteils verzichtete und vor echten Kulissen in Sydney und anderen Locations in Australien drehte, was man auch im Abspann auf beeindruckende Art und Weise sehen kann. So brach auch Stuntman Logan Holladay für die Dreharbeiten mit 8,5 „Cannon Rolls“ den Weltrekord für die meisten Überschläge mit einem Auto am Stück.

Doch worum geht es in dem Film eigentlich? Als der gefeierte Stuntman Colt Seavers durch einen lebensgefährlichen Sturz während eines Filmdrehs fast zu Tode kommt, beschließt er, sich ganz aus der Filmbranche zurückzuziehen. Einige Monate später fristet er sein Dasein als einfacher Einparker für Restaurantgäste. Doch dann erhält die Kamerafrau Jody Moreno, mit der er einst eine Liebesaffäre hatte, der er immer noch nachtrauert, plötzlich die Chance, bei einem extravaganten Sci-Fi-Western erstmalig Regie zu führen. Als der Hauptdarsteller Tom Ryder auf mysteriöse Weise verschwindet, bittet ihn die verantwortliche Filmproduzentin, den Filmstar, den dieser in zahlreichen Action-Filmen gedoubelt hat, aufzuspüren. So soll er der Produktion am Set des Sci-Fi-Knallers „The Metalstorm“ nicht nur zusätzliche Kosten ersparen, sondern auch seiner Ex helfen, ihren Film fertigzustellen. Und da er als Stuntman eben nicht so wichtig wie der teure und berühmte Darsteller ist, scheint er perfekt für den Job geeignet zu sein. Zudem geht Colt nicht nur fürs Geld durchs Feuer, sondern im buchstäblichen Sinne auch für die Liebe.

Zahlreiche Stars und Gastauftritte

Der Film ist großes Popcorn-Kino mit viel Herz und hohem Unterhaltungswert. Er hat erstaunlich viele realistische Set-Situationen zu bieten und ist ein kurzweiliges, energiegeladenes und überwiegend handgemachtes Action-Spektakel, das mit einer Vielzahl verrückter Stunts und aufwändig choreografierter Szenen, zahlreichen praktischen Effekten sowie zwei charismatischen und gutaufgelegten Hauptdarstellern punkten kann. Man merkt allen Beteiligten den Spaß am Dreh an. Aber nicht jeder im Minutentakt abgefeuerte Hollywood-Insidergag sitzt und so manche Filmreferenz wirkt schnell repetitiv und ermüdend, wie auch der Song „I was made for loving you“ der Hardrocker von Kiss, der in verschiedenen Versionen immer wieder im Film auftaucht. 

Es gibt eine Unmenge von Filmzitaten und Filmverweisen, ob „Rocky“, „Dune“, „Mad Max“, „Miami Vice“ oder andere Franchises. Kaum ein Klassiker wird nicht durch den satirischen Kakao gezogen. Vor allem bedient sich der Film aber sehr stark an den alten Burt-Reynolds-Klassikern wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ oder „Auf dem Highway ist die Hölle los“, die in der Ära der „Ein Colt für alle Fälle“ TV-Serie liefen. Da wäre weniger mehr gewesen - und das gleiche kann man wohl auch von der Länge des Films behaupten: Denn die dünne und vorhersehbare Handlung des Films hätte früher gut in eine 45 Minuten Folge der Serie gepasst und wird hier aber auf 125 Minuten gestreckt, indem man Nebenplots und Cameo-Auftritte einbaut und zahlreiche Dialoge unnötig in die Länge zieht. Die wilde Mischung aus Action, Komödie, Romanze und Filmsatire übernimmt sich manchmal und will zu viel auf einmal sein. 

Wann kommt der Stunt-Oscar?

Jedoch gelingt es David Leitch, seiner jahrzehntelangen Stunt-Passion, mit „The Fall Guy“, als eine Art Liebesbrief an die Stuntkünste, endgültig jene große Kinobühne zu bieten, die sie verdient. Zudem ist der Film ein starkes Plädoyer dafür, dieser unterschätzten Kunst endlich auch ihre verdiente Oscar-Kategorie zuzugestehen. 

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Norbert Fink

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