In einem wissenschaftlichen Werk über die Zeit der Missionierung Mexikos stieß ich auf eine groteske Charakterisierung der Lockerung des Fastengebots, die Papst Paul III. im Jahr 1537 den Indianern gewährte, weil diese das strenge Fasten schlecht vertrugen. Diese auch in anderen Zusammenhängen übliche Rücksichtnahme des kirchlichen Gesetzgebers auf spezielle Gegebenheiten wird vom Autor des Buches nicht als Ausdruck humanitärer Gesinnung, sondern als Diskriminierung gedeutet.
Solche Missdeutungen sind manchmal ein Indiz für ein Verschwörungsdenken, das hinter jeder Maßnahme ein egoistisches Streben nach Macht wittert. Gerade die katholische Kirche ist solchem Verdacht immer wieder ausgesetzt. Ihre Missionstätigkeit wird als Teil der Kolonisierung angesehen und verfällt derselben moralischen Verurteilung: So wie die Kolonisatoren auf das Gold aus gewesen seien, so die Missionare auf die Seelen. Jene wollten über das Land der Ureinwohner herrschen, diese über deren Seelen, indem sie ihnen vorschrieben, was sie zu glauben haben. Vor dem Hintergrund eines unterstellten Machtstrebens erscheint dann praktizierte Nächstenliebe als raffinierte Strategie, um das Vertrauen der Arglosen zu gewinnen, und die christliche Lehre über Liebe und ewiges Heil als bloße Fassade, die das dahinterliegende Machtinteresse verdecken soll. Sogar von Theologen wird dieses Verschwörungsdenken in die Kirche hineingetragen, wenn etwa von den alten weißen Männern in Rom die Rede ist, die durch ihre Morallehre bis in die Schlafzimmer der Gläubigen hineinregieren wollen.
Lebendiges Zeugnis widerlegt Vorwürfe
Wie kann man den Vorwurf „Ihr glaubt selbst nicht, was ihr lehrt!“ widerlegen? Für mich selbst bin ich selbst die Widerlegung, weil ich von mir weiß, dass ich glaube, was ich lehre. Und warum glaube ich? Weil ich Christen kennengelernt habe, die mich aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit von der Authentizität ihres Glaubens überzeugten. Die Fassadentheorie bricht zusammen, sobald der christliche Glaube in lebendigem Zeugnis erfahrbar wird. Eine solche Erfahrung machte ich z. B. durch die Freundschaft mit Eduard Kamenicky. Im Umgang mit diesem Priester war es mir manchmal, als wenn ein Hauch der jenseitigen Welt mich anweht und mir die Gewissheit schenkt: Die wunderbare Botschaft von Gottes Liebe und kirchlicher Gnadenvermittlung ist keine Fassade, sondern die eigentliche Wirklichkeit! Die Kirche bringt den Seelen das ewige Leben! Das ist die Wahrheit, die ich mir von keinem Verschwörungsdenker ausreden lasse – und auch nicht von den Missständen, die es tatsächlich in der Kirche gibt.
Die Begegnung mit dem Glauben in seiner konkreten Form gelebter Christusnachfolge macht fähig, das Selbstverständnis der Missionare ernst zu nehmen. Wenn diese sich unter größten Entbehrungen für das Seelenheil fremder Menschen verzehrten, brauche ich dahinter keine geheimen Interessen zu wittern. Man lese z. B. das Leben des hl. Petrus Claver, der sich in Kolumbien zum Sklaven der Sklaven machte. Verschwörungstheorien sind Versuche, solchen Phänomenen mit glaubensfremden Deutungsmustern beizukommen. Tatsächlich aber lebt der Heilige aus einer Wirklichkeit, die sich erst im Glauben erschließt.
Der Autor ist Theologe und Philosoph und gehört der Bruderschaft St. Petrus an.
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