Kommentar um "5 vor 12"

Pass auf Kunst, ich bin empfindlich!

In diesem Sommer drehen sich die Debatten um Lieder, um literarische Gattungen, die Gruppen diskriminieren (sollen) – nur um kreative Freiheit sorgen sich zu wenige.
Sommerhit 2022 : «Layla»
Foto: Christoph Soeder (dpa) | Im Suff über 'nen Puff grölen: Das beschreibt das Pop-Phänomen «Layla». Das ist zwar kein Ausweis von Kultur, aber das Lied zu canceln eben auch nicht.

Wieder einmal dreht sich das Karussell. Bewegt wird es von den immer gleichen Hütern der Empfindlichkeit, die allzeit darum bemüht sind, Diskriminierungen aufzuzeigen und Verbote zu fordern. Die neuste Chose: ein – zugegeben – durch und durch geschmackloser Song namens „Layla“. Ihn als Ballermann-Hit zu bezeichnen, könnte in der Tat schon untertrieben sein, erzählt er doch von übelster Frauenverachtung. „Ich hab‘ nen Puff und meine Puffmama heißt Layla“, so lautet eine von zahlreichen stumpfsinnigen Zeilen. Und wer von der Dame zu Beginn noch kein Bild vor Augen hat, erhält in Wiederholungen einen veritablen Eindruck. Denn jeder weiß, dass sie einfach „schöner, jünger, geiler“ ist. So funktioniert Musikporno der untersten Schublade, zu dessen Konsum die meisten reichlich Bier und Abschussstoff intus haben müssen.

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Büchse der Pandora

Aber genügen die gewiss misogynen Beschreibungen schon für den Index? Wird das Oktoberfest tatsächlich das umstrittene Lied aus dem Programm nehmen müssen, weil der Druck zu groß werden könnte? Was wären die Konsequenzen daraus? Eine Untersagung käme der Öffnung der Büchse der Pandora gleich. Dann müssen nämlich auch andere Werke der Kulturgeschichte schnellstens aus dem Kanon gestrichen werden. Man denke nur an Marquis de Sades Chronik grausamster Praktiken „Die 120 Tage von Sodom“ (1785), an Theaterstücke wie Lessings „Emilia Galotti“ (1772) oder Hebbels „Maria Magdalena“ (1844), in denen Frauen zu Opfern von Männern werden, oder – viel später – das kinematografische Œuvre eines Lars von Trier.

Wobei: In vielen seiner Filme stellen Frauen zwar Opfer dar. Vergessen wird bei den üblichen Schelten aber, dass diese sich allzu oft mit massiver Gewalt an Männern rächen. Am Ende von „Dogville“ (2003) befördert etwa Nicole Kidmann alle Männer der Handlung ins Jenseits, in „Antichrist“ (2009) bekommt ein Mann von seiner Frau einen Mühlstein ins Bein gehauen und zudem noch seine Genitalien zertrümmert. Na, Prost! Aber das nur so am Rande.

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Hart erkämpft

Dabei beziehen sich die Klagen der Gesinnungswahrer längst nicht nur auf offensichtliche Repressionen. Auf „Zeit Online“ redete just die Schriftstellerin Lilian Peter eine besondere Gattung der Hochkultur in Grund und Boden. Der Roman sei generell ein patriarchales Medium. Ausgehend von der Beobachtung, dass am Leipziger Literaturinstitut „Erzähltechniken jenseits dessen, was europäisch-christlich-männlich-weiß geprägten Schreibtraditionen entsprang, […] ebenso unbekannt wie jegliche feministisch-literarisch-philosophische Theorie“ seien, wird rasch eine frauenfeindliche Schreibtradition verkündet. Aha! 

Dumm nur, dass hier zum einen Gattung und narrative Struktur verwechselt werden und unzähligen Gegenbeispiele diese These widerlegen. Aber wer liest schon Prosa von Annette von Droste-Hülshoff, Hermynia zur Mühlen oder eine Elfriede Jelinek? 
Mal ehrlich: Kunstfreiheit haben wir uns nach Jahrhunderten der Monarchie und Diktaturen hart erkämpft.

Während Klimawandel und Ressourcenknappheit zu einem Mehr an Regulierung führen werden, sollten wir die kreativen Ausdrucksformen als letzte Bastion für entgrenztes Denken unbedingt schützen!


Dieser Text erscheint in der Ausgabe der DT vom 11. August im Feuilleton. Er bildet den Auftakt der neuen Kolumne „Hayers Horizonte“, in denen der profilierte Kulturjournalist Dr. habil. Björn Hayer (u.a. SPIEGEL online, Die ZEIT) kritisch und mit metaphysischer Sensibilität auf aktuelle Trends und Entwicklungen im kulturellen Leben schaut.

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