Löschkultur

Widerstand gegen Cancel Culture wächst

Rückeroberung der freien Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft: An Universitäten, aber auch in Zeitungen, stehen immer mehr Menschen gegen die Unsitte „Löschkultur“ auf. Ein Überblick.
Die Stonewall-Bewegung wollte die Diskriminierung und den „Hass“ gegen Homosexuelle bekämpfen.
Foto: Goethe-Institut | Die Stonewall-Bewegung wollte die Diskriminierung und den „Hass“ gegen Homosexuelle bekämpfen. Die daraus entstandene Organisation ist jedoch zu einer intoleranten ...

Spätestens seit sich im Juli 2020 „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling mit Anfeindungen aus der LGBTQI-Community konfrontiert sah, die ihr „Transfeindlichkeit“ vorwarf, wurde eine breite Öffentlichkeit mit dem Begriff „Cancel Culture“ („Löschkultur“) vertraut. Wer von den politisch korrekten Meinungen abweicht, soll mundtot gemacht werden.

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Weitere Beispiele: Die feministische Regisseurin Vaishnavi Sundar wurde mit ihrem Dokumentarfilm in New York unter dem Vorwand ausgeladen, Sundar habe „transphobe Ansichten“ geäußert (DT vom 25. März). Studenten versuchten, Paul Cullen seinen Lehrauftrag an der Universität Münster zu entziehen, weil er „antifeministische und antiemanzipatorische Standpunkte“ vertrete (DT vom 17. Februar). Ein kolumbianisches Nationalgericht ordnete aufgrund der Anzeige eines LGBTQI-Aktivisten an, ein YouTube-Video von Erika „Kika“ Nieto vom Netz zu nehmen (DT vom 15. Juli).

Inzwischen wächst indes der Widerstand gegen die Zensur in akademischen Kreisen und den Medien. Bereits Anfang Juli 2020 veröffentlichten 153, eher dem linksliberalen Spektrum zuzuordnende Intellektuelle, darunter Noam Chomsky und Margaret Atwood, einen Offenen Brief im „Harper's“-Magazin, in dem sie sich gegen die aggressiven Ausgrenzungstendenzen der „Löschkultur“ aussprachen.

„Weil aber über Phoenix Beschwerden laut wurden,
sie sei ‚transphob‘ und würde ‚Hassreden‘ halten,
wurde sie ausgeladen“

Bereits im Mai 2020 gründete Mark Lehain, ehemaliger Lehrer und konservativer Politiker aus dem englischen Newcastle die „Campaign for Common Sense (CCS)“. Denn die öffentliche Diskussion werde „von nicht repräsentativen Anliegen“ geprägt, die dank des Aktivismus einer lautstarken Minderheit ihren Weg in den Mainstream gefunden hätten.

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In Deutschland schlossen sich im Februar 2021 mehr als 70 Wissenschaftler zu einem „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ zusammen – Mitte Juli zählte es bereits 555 Mitglieder. In ihrem Gründungsmanifest heißt es: „Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll.“ In seiner bislang letzten Pressemitteilung vom 1. Juli tritt das Netzwerk dafür ein, „dass niemandem eine solche als geschlechter-inklusiv deklarierte Sprachform aufgenötigt werden darf“, eine Absage an den „Zwang zum Gendern“ an deutschen Hochschulen.

Im angelsächsischen Raum findet schon lange eine Zensur statt. Wissenschaftler und Redner mit politisch unkorrekten Ansichten werden von Plattformen wie sozialen Netzwerken und von der Universität ausgeschlossen („No-Platforming“). Dagegen kündigte der britische Bildungsminister Gavin Williamson Mitte Februar die Schaffung eines „free speech champion“ (Ombudsmann) an, der über Verstöße gegen die Redefreiheit ermitteln soll.

Reihenweise Ausladungen wegen „falscher Gesinnung“

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Hohe Wellen schlug Ende 2020 der Bericht des Rechtsanwalts Akua Reindorf über die mangelnde freie Rede an der Universität Essex in Colchester, nordöstlich von London. Die Universität hatte zu einem Seminar am 5. Dezember 2019 Professorin Jo Phoenix eingeladen. Weil aber über Phoenix Beschwerden laut wurden, sie sei „transphob“ und würde „Hassreden“ halten, wurde sie ausgeladen. Die Geschichte wiederholte sich wenige Wochen später, als am 30. Januar 2020 an derselben Universität eine Podiumsdiskussion anlässlich der „Holocaust-Gedenkwoche“ mit Professorin Rosa Freedman erfolgen sollte. Doch auch sie wurde „aufgrund ihrer Ansichten zur Geschlechtsidentität“ ausgeschlossen.

Akua Reindorf bezeichnet es als „besonders ungeheuerlich“, dass Freedmans vorgesehenes Thema beim Podiumsgespräch nichts mit Geschlechtsidentität zu tun habe. Der Sachverständige empfahl, die Universität solle sich bei beiden Wissenschaftlerinnen entschuldigen, weil sie deren Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt habe. Sie sollten außerdem zu späteren Veranstaltungen eingeladen werden.

Die Organisation Stonewall beeinflusst Universitäten

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Der „Reindorf-Report“ kritisierte darüber hinaus den Einfluss der Organisation „Stonewall“ auf die Universität. Deren Name leitet sich von den gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem „Schwulenlokal“ in der New Yorker Christopher Street ab, in dem 1969 die Polizei eine Razzia durchführte. Als Erinnerung an dieses Ereignis findet jedes Jahr der sogenannte „Christopher Street Day (CSD)“ statt. Eine weitere Folge ist die Gründung der gleichnamigen Organisation, die inzwischen Einrichtungen, etwa Universitäten, gute Praxis im Bereich der LGBT-Rechte bescheinigt.

Jo Phoenix hatte einen Offenen Brief in „The Guardian“ und „The Sunday Times“ mitunterzeichnet, in denen „Unbehagen über die unangemessen enge Beziehung zwischen der LGBT-Wohltätigkeitsorganisation Stonewall und britischen Universitäten“ zum Ausdruck kam. Denn „der Einfluss von Stonewall und anderen Organisationen hat zur Unterdrückung der akademischen Forschung und der Diskussion von Fragen der Geschlechtsidentität in der Wissenschaft geführt“.

Trans-Rechte als eine Alles-oder-Nichts-Frage

Akua Reindorf nennt außerdem eine missbräuchliche Auslegung des Gleichstellungsgesetzes („Equality Act 2010“), laut dem es ungesetzlich ist, „jemanden aufgrund seiner Geschlechtsidentität oder seines Trans-Status zu diskriminieren oder ungerecht zu behandeln“: Die Stonewall-Organisation hatte aufgrund einer von ihr herausgegebenen Richtlinie den Offenen Brief als Verletzung dieses Gesetzes aufgefasst. Reindorf: „Meiner Ansicht nach gibt die Richtlinie das Gesetz so wieder, wie Stonewall es gerne hätte, und nicht das Gesetz, wie es ist.“

Deshalb empfiehlt der Sachverständige, die Beziehung der Universität zu Stonewall „sorgfältig und gründlich abzuwägen“. Denn sie scheine „den Eindruck vermittelt zu haben, dass genderkritische Akademiker legitimerweise von der Institution ausgeschlossen werden dürfen“.

Die zwielichtige Rolle von Interessengruppen

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Stonewall geriet Anfang Juni erneut in die Schlagzeilen, als Simon Fanshaw, einer ihrer Mit-Gründer, in einem Gespräch mit dem britischen Online-Magazin „sp!ked“ („spiked“) ankündigte, auszusteigen. Er habe sich bemüht, „den Vorstand zu einem Dialog zu bewegen, um Gemeinsamkeiten in Fragen zu erreichen, in denen Selbstidentität und Trans-Rechte mit Frauenrechten kollidieren.“ Stonewall sei aber nicht darauf eingegangen. Fanshaw wirft der Organisation vor, „eine einzige Sichtweise von Lesben, Schwulen und Trans-Menschen oder der ,Community‘“ zuzulassen.

Ende Juni veröffentlichte „The Guardian“ einen Leitartikel, der mit den Worten begann: „Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein grundlegendes Menschenrecht und ein Eckpfeiler der Demokratie.“ Meinungen und Ideen sollten ohne Angst vor Repressalien, Zensur oder Sanktionen geäußert werden können. Es gebe jedoch immer mehr Beweise dafür, dass Frauen, die eine Reihe von feministischen, als „genderkritisch“ eingestuften Überzeugungen geäußert hätten, erhebliche berufliche Nachteile erlitten hätten.

Herablassende Überheblichkeit aus der „Szene“

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Nachdem die britische Zeitung mehrere Fälle – darunter auch die Ausladung von Jo Phoenix und Rosa Freedman sowie Aussagen von Stonewall – nannte, sprach sie von „überfälligen Korrekturen in der Öffentlichkeit“ aus den letzten Wochen. Dies bekräftige die Tatsache, dass genderkritische Überzeugungen legitime Perspektiven seien. Menschen dürften deshalb nicht belästigt, benachteiligt oder „zum Schweigen gebracht werden“.

Am 5. Juli legte Carrie Clark in „sp!ked“ nach. Sie wirft Stonewall vor, sich nicht „an der Debatte über Trans-Rechte und geschlechtsspezifische Rechte von Frauen zu beteiligen“ und stattdessen „die Öffentlichkeit mit herablassenden Mantras wie: ,Trans-Frauen sind Frauen. Finde dich damit ab‘ zu bombardieren.“ Deshalb schlussfolgert Clark: „Stonewall muss aufhören, Trans-Rechte als eine Alles-oder-Nichts-Frage darzustellen. Und sie sollte aufhören, so zu tun, als ob sie für alle Trans-Menschen sprechen würde.“

Langsam formiert sich insbesondere im englischsprachigen Raum Widerstand gegen intolerante Haltungen, die im Namen der Toleranz etwa gegenüber der LGBTQI- und der „Trans-Community“ abweichende Meinungen einfach „löschen“ wollen.

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