Durch sein Leben hat er die Armut geadelt: Franz von Assisi. Die einzige Sonderausstellung des Franziskus-Jahres im deutschsprachigen Raum findet im Nordoratorium des Salzburger Domquartiers statt. Die Ausstellungskonzeption entwickelte Reinhard Gratz, der Direktor des Dommuseums, gemeinsam mit Vertretern des im westfälischen Münster ansässigen Vereins Franziskanische Forschung. Dank des Vereins präsentiert die Schau zahlreiche Leihgaben aus franziskanischen Klöstern. Ausgestellt sind rund 100 Kunstwerke, Handschriften, Druckwerke und Alltagsgegenstände. Sie beziehen sich auf das Leben, den Glauben und das Wirken des heiligen Franziskus und erzählen von seiner Wirkung bis in unsere Tage. Schließlich besteht die von ihm begründete Ordensfamilie bis heute. Sie wird gern als Baum mit drei Hauptästen und zahlreichen Verzweigungen beschrieben. Der erste Orden besteht aus Männern. Der zweite Orden, den Franz zusammen mit der heiligen Klara (1193–1253) ins Leben rief, aus Frauen. Der dritte Orden aus weiblichen und männlichen Laien. Wer dazu Fragen hat, kann sie in der Ausstellung dem Anwesenheitsdienst stellen. Ihm gehören Klarissen und Kapuzinerinnen, Franziskaner, Minoriten und Kapuziner sowie Frauen und Männer des dritten Ordens an.
Ein gottgefälliger Tausch
Zunächst arbeitete Franz im Handelshaus seines Vaters und ließ es sich gut gehen. Aber dieses Wohlleben stellte ihn nicht zufrieden. Sein Biograf, der franziskanische Heilige Bonaventura (1221–1274), berichtet, Franz habe zum Herrn gebetet, er möge ihm den Weg zum vollkommenen Leben weisen. Da sei ihm Christus als Gekreuzigter erschienen und habe ihm verkündet: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Da entschloss sich Franz, „alles wegzugeben und in einem gottgefälligen Tausch mit irdischem Reichtum den himmlischen zu erkaufen.“ Fortan lebte er in Armut und verkündete das Evangelium. Sein Leben ohne Eigentum betrachtete er als Schlüssel zum Himmelreich. Bald schlossen sich ihm Gefährten an und es dauerte nicht lange, bis sich der neue Bettelorden, der sich damals aus Demut vor Gott und den Mitmenschen „Mindere Brüder“ nannte, in ganz Europa ausbreitete.
Die Ausstellung präsentiert zum Auftakt das vom renommierten Barockmaler Johann Michael Rottmayr geschaffene Ölbild „Heiliger Franziskus in Kreuzvision“ (1695). Die ins Bild gesetzte Vision betont die innige geistige Beziehung, die Franziskus zu Christus hegte. Er kniet unter dem Kreuz, schaut zu Christus auf, berührt ihn – und weist wie dieser die Stigmata auf. Der Legende nach erschien ihm 1224 am Berg La Verna Christus in Gestalt eines sechsflügeligen, mit Händen und Füßen ans Kreuz genagelten Seraph. Fortan trug auch Franz die Stigmata. Dargestellt wird dieses Wunder in einer Mitte des 18. Jahrhunderts angefertigten plastischen Szene. Der kniende Franziskus hat hingebungsvoll das erhobene Haupt schief gelegt und die Arme ausgebreitet. Vor ihm schwebt eine Christusfigur am Kreuz. Sie überträgt ihm die Wundmale, was mittels als Strahlen fungierender Stangen veranschaulicht wird.
Leben in gewollter Armut
Die Giacomo Colombo zugeschriebene „Bekleidete Figur des Franziskus von Assisi“ (um 1700) ist eine eindrucksvolle, fast schon Mitleid erregende Erscheinung: ein ausgemergelter Asket mit demütig gesenktem Blick und Leidensmiene. Die farbig gefasste Holzfigur trägt eine zerschlissene, wie von Mottenfraß befallene Kutte. Aber die Löcher sind Absicht. Sie betonen, dass Franz gewollt in äußerster Armut lebte. Den für die Ordensmitglieder obligatorischen Gürtelstrick mit den drei Knoten, die für die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams stehen, hat er eng geschnallt. Ein anonymer Bildschnitzer stellt uns Franz hingegen gut genährt und in tadelloser Kutte vor. Das farbig gefasste Relief (um 1520) zeigt die „Übergabe der Regeln durch Franziskus an die drei Ordenszweige“. Papst Honorius III. bestätigte am 29. November 1223 die Ordensregeln, „Regula bullata“ genannt. Die Schau präsentiert sie in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert. An der „bullierten Regel“ orientieren sich die Franziskaner bis heute.
Eine Majolika des berühmten Renaissancekünstlers Andrea della Robbia zeigt uns „Franziskus vor dem Sultan“ (um 1500). Das bunte Keramikrelief illustriert die von Bonaventura überlieferte Feuerprobe, die Franz während des Kreuzzugs von Damiette 1219 Sultan Al-Kamil anbot. Vor seinem Thron lodert ein Feuer. Rechts steht Franz und weist zum Himmel. Um den Sultan und damit auch sein Volk zum christlichen Glauben zu bekehren, bot er an, mit einem muslimischen Priester ins Feuer hineinzugehen, „damit du wenigstens dadurch erkennen mögest, welchen Glauben du mit Recht annehmen musst, weil er größere Sicherheit und Heiligkeit besitzt“. Links ergreift der Priester die Flucht. Trotzdem blieb der Sultan bei seinem alten Glauben.
Der Sonnengesang schließt auch den Tod ein
Franziskus erweiterte die Nächstenliebe auf alle Wesen der Natur, denn damit ehrt man Gott, ihren Schöpfer. Berühmtestes Beispiel ist seine „Vogelpredigt“. Thomas von Celano, Mitbruder und Verfasser der ersten Lebensbeschreibung von Franziskus, hat sie uns überliefert: „Meine Brüder Vögel! Gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben und ihn stets lieben; (…) Ihr sät nicht und erntet nicht, und doch schützt und leitet er euch, ohne dass ihr euch um etwas zu kümmern braucht.“ Eine farbenprächtige Lithografie Franz von Zülows aus dem Jahr 1922 illustriert uns die Vogelpredigt. Franz steht auf einer kleinen Insel, gestikuliert und spricht. Am Ufer, auf dem Wasser und in der Luft lauschen die unterschiedlichsten Vögel seiner Predigt. Alle Geschöpfe und Erscheinungen der belebten wie unbelebten Natur sprach Franz als seine Brüder und Schwestern an, wie sein berühmter, durch eine Pergamenthandschrift (1342–1348) vertretene „Sonnengesang“ veranschaulicht. Da heißt es: „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne.“ Und schließlich: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod.“
Thomas von Celano hingegen überliefert uns den Tod als „Bruder“: „Fröhlich ging Franziskus dem Tod entgegen und lud ihn ein zu Gast: ‚Sei willkommen, mein Bruder Tod‘.“ Als der an Krankheiten leidende, fast erblindete Franz den Tod nahen fühlte, ließ er sich am 3. Oktober 1226 zur bei Assisi gelegenen Kapelle Portiuncula tragen. Bonaventura berichtet, dass sich Franziskus entblößt auf den Boden legen ließ, ein Kruzifix neben sich. Er hob sein frohes Antlitz gen Himmel und begann, den Allerhöchsten zu loben. Dann rief er alle Brüder der Niederlassung zu sich und ermahnte sie zur Liebe Gottes: „Er hinterließ und vermachte ihnen den Reichtum der Armut und das Erbe des Friedens.“ Ein anrührendes Gemälde Rottmayrs zeigt den „Sterbenden Franziskus“ (1689). Nur mit einem Lendenschurz bekleidet liegt er auf dem Boden, von betenden Brüdern und mitfühlenden Schwestern begleitet.
Der Autor publiziert zu Geschichte, Kunst und Kultur.
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