Der fünfte Jahrestag der sogenannten „Ahrtal-Katastrophe“ bestimmt als Menetekel unserer Zeit die Erinnerungskultur eines ganzen Landes. Die Politik ringt auch heute noch um Einordnung, arbeitet die Ursachen auf, sucht nach Lösungen.
Doch das, was die Menschen am meisten bewegt, sind keine juristischen, wasserbaulichen und klimabedingten Sachfragen, sondern das Leid und die Verzweiflung der Opfer. Ähnliche Katastrophen, auch wenn sie sich weiter häufen, passen nicht in die Welt der beherrschten Herausforderungen. Letztlich unberechenbare Naturgewalten, die sich ihren Weg bahnen, stören immer neu das trügerische Bild eines Lebens, das wir eigentlich im Griff zu haben glauben – oder glaubten.
180 Menschen starben, Tausende wurden verletzt
Und nach jedem tragischen Ereignis baut sich trotz schrecklicher Erinnerungen die bequeme Zuversicht neu auf, dass alles so schon nicht wieder passieren wird. Sogar die Opfer sind irgendwie in ihrer Nachwirksamkeit neutralisiert. Dabei starben mehr als 180 Menschen – davon 136 in Rheinland-Pfalz, fast alle im Ahrtal, und 49 in Nordrhein-Westfalen. Hinzu kamen Tausende Verletzte. Die materiellen Verluste an Gebäuden und Infrastruktur machten das Flutereignis zur teuersten Naturkatastrophe der deutschen Geschichte: 30 Milliarden Euro betrug der von Versicherungsexperten kühl ermittelte Gesamtschaden.
Die massiven Zerstörungen entlang der Ahr – Urlauber nehmen sie kaum noch wahr. Und wir schließen uns gern an. Alles wieder gut? Es ist wichtig, die menschlichen Erschütterungen zurückzurufen, um das Ereignis noch einmal in der Erinnerung wirksam werden zu lassen, als Trauer, als Mahnung.
Die Publizistin Monika Metternich, die im Ahrtal lebt und zur Augenzeugin wurde, schreibt zum heutigen Tag unter anderem: „Nie aber werde ich den Geruch dieser Nacht vergessen, der mir wie eine Wand entgegenschlug, als ich nach schlafloser Nacht im Morgengrauen auf den Balkon trat. Es war die Hölle. Nie werde ich aber auch die unfassbare spontane Hilfe von tausenden von Helfern aus dem ganzen Land vergessen, die geradezu unvorstellbaren Sachspenden, die jeden Tag eintrafen und den völlig mittellos gewordenen Opfern der Flut das Nötigste bereitstellten. Der Sternekoch unseres Dorfes, der wochenlang Betroffene und Helfer gratis mit drei Mahlzeiten am Tag versorgte. Es gab viel Gutes zu sehen in dieser Zeit, was wirklich die Güte der Menschen offenbar werden ließ. Was nicht funktionierte, waren die amtlichen Stellen, die konfus und ohne Überblick agierten, wenn überhaupt. Viele Bürgermeister und Ortsvorsteher nahmen die Dinge auf eigene Verantwortung und beherzt in die Hand, als jede übergeordnete Stelle spektakulär versagte.“
Wie verzweifelte Eltern das Andenken an ihre Tochter bewahren
Unglück und menschliches Versagen, Rettung und die individuelle Größe von besonderen Personen in der Not: Die Ahrtal-Katastrophe hat ein breites Spektrum von Erfahrungen ausgebreitet, die einbezogen werden sollten in den Blick auf eine unsichere Zukunft. Als Vorbilder und Beispiele.
In Hamburg haben verzweifelte Eltern das Andenken an ihre Tochter, die als meisterliche Konditorin das Leben noch vor sich hatte und an der Ahr in den Fluten starb, in ein besonderes Projekt verwandelt. Das „Café Johanna“ erinnert als Hotspot mit feiner Patisserie an ein bewegendes Einzelschicksal, eine verstörende, beklemmende, süß-bittere Erfahrung. Gäste gehen vorbei an einer Bronzeskulptur der Tochter, die an das ausgelöschte Leben erinnert und den Blick auf die kleinen Kunstwerke in den Glasvitrinen überlagert, ob man will oder nicht. Ob wir wollen oder nicht: An Ereignissen wie der Ahrtal-Katastrophe gibt es wohl kein Vorbeikommen mehr, so sehr wir uns auch jetzt und in Zukunft darum bemühen.
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