Festtagsgeläut

Eine Tradition wird als Besonderheit an Hochfesten wiederbelebt

In Arnoldsweiler steigen drei junge Christen der Kirche aufs Dach und üben sich im "Beiern", dem gezielten Melodienspiel mit den vier vorhandenen Glocken.
Etienne Voßen demonstriert die Verbindung zwischen Klöppel und festgebundenem Seil
Foto: Drouve | Etienne Voßen demonstriert die Verbindung zwischen Klöppel und festgebundenem Seil.

Es steht sogar auf Wikipedia und im Duden und definiert sich dort als „mit dem Klöppel läuten“: Beiern. Im nordrhein-westfälischen Arnoldsweiler hatte das Beiern eine lange Tradition, bevor es vorläufig ausstarb und durch die Corona-Krise von drei jungen Christen aufs Neue entdeckt wurde. Seitdem wird an hohen Festtagen vom Glockenturm der neuromanischen Kirche Groß St. Arnold wieder gebeiert.

Die drei schreckt nichts ab. Weder die Spinnweben an der Wendeltreppe, die bei der sogenannten Geräte-Sakristei beginnt, noch die finalen Aufstiegspassagen auf zwei wackligen Leitern. Weder ein Vogelkadaver, der in einer Ecke liegt, noch der Wind, der in 30 Metern Höhe durch die Ritzen des Glockenturms der Kirche Groß St. Arnold pfeift. Dort oben stehen sie auf dem Holzbretterboden im Neonlicht und haben andere Töne im Sinn: Sie wollen beiern. Die drei, das sind Freunde seit Kindergarten- und Schulzeiten: Kilian Inden (26, heute Stadtplaner), Felix Hoffmann (24, Student der Humanmedizin in Düsseldorf) und Etienne Voßen (26, Polizist in Köln), der zum Ortstermin mit dieser Zeitung gerade vom Nachtdienst kommt. Sie stammen aus Arnoldsweiler (Kreis Düren), wo seit dem Mittelalter der heilige Arnold verehrt wird, der laut Überlieferung als Harfenspieler und Sänger am Hof Karls des Großen tätig war, sich für die Armen engagierte und um 843 verstarb. Er ist der Namensgeber des Ortes.

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Die Vorläufer des Glockenspiels

Initiator der Neubelebung der alten Tradition war Kilian Inden, der von Vater Karl-Heinz und Oma Margret wusste, dass in seinem Heimatort gebeiert wurde. Beiern, klärt er detaillierter auf, „ist das Anschlagen der Glocken in bestimmten Rhythmen und Melodien mit dem Klöppel“. Er weiß: „Das Beiern hat in Arnoldsweiler bereits eine jahrhundertelange Tradition und ist in ganz Nordwestdeutschland verbreitet und gilt als Vorläufer des Glockenspiels.“ Anlass geben Patronatsfeierlichkeiten und hohe Festtage wie zu Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Weihnachten. Die Idee kam im vergangenen Corona-Jahr, um die Arnoldusoktav im Sommer ein- und auszuläuten, besser gesagt: ein- und auszubeiern; die Oktav ist aufgezogen am Gedenktag des heiligen Arnold, dem 18. Juli. Zum Auftakt und am Ende, statt der coronabedingt abgesagten Prozession, erklang buchstäblich Freude: etwas Ausgefallenes für das Ausgefallene, wenn man so will. Für Inden hatte es keine große Überzeugungsarbeit gebraucht, um seine Kumpels dafür zu begeistern – die waren gleich Feuer und Flamme. „Bis dahin kannten wir Beiern selber nicht“, räumt Etienne Voßen freimütig ein. Kundig machten sie sich mit Videos auf Youtube. Zur „Bestandsaufnahme“, so Inden, gingen sie „einen Abend auf den Turm“, wo Arnoldsweilers letzter Beierer Matthias Esser einst funktionstüchtige Vorrichtungen hinterlassen hatte.

„So schwer kann das nicht sein“, befand Kilian Inden vor der Wiederaufnahme des Beierns, ein ungewöhnliches Wort, das sich aus einem altfranzösischen Verb für „Anschlagen“ ableiten soll. Wer beiert, sollte ein musikalisches Grundverständnis mitbringen. Das steckt in den dreien drin. Inden hat Keyboard und Orgel gelernt, Hoffmann Schlagzeug und Klavier, Voßen ebenfalls Keyboard.

„Wer auf einen Turm steigt, um geistliche Melodien zu spielen, die andere erfreuen,
beweist auf musikalische Weise Engagement für die Kirche und Nächstenliebe“

Die Arbeitsteilung im Turm ist klar: Zu dritt müssen sie vier Glocken spielen. „Eine luxuriöse Situation“, befindet Voßen, denn dem Vernehmen nach spielte Vorgänger Esser drei Glocken allein. Diesem ist eine in Eigenbau konzipierte Hebel-Seilvorrichtung zu verdanken, die für zwei Glocken zum Einsatz kommt. Für die beiden anderen Glocken dienen einfache Seile, die für den Anschlag mit dem Klöppel verbunden und am Gebälk befestigt sind. „Doch wo binden wir die Seile fest, wie lang müssen die sein?“, standen anfänglich als Fragen im Raum, erinnert sich Hoffmann ans letzte Jahr. „Im Baumarkt holten wir ein paar Meter Seil und probierten es dann aus“, blickt er weiter zurück auf das „Learning-by-doing“-Prinzip und eine bescheidene Investition von etwa 20 Euro. Die Seile „zentimetergenau“ auf die richtige Länge zu knoten, um die Klöppel festzubinden und letztlich in Gang zu setzen, sei „eine Tüftelei“ gewesen.

Vier Glocken lassen keine riesige Bandbreite an Klangfarben zu: nämlich genau vier Töne, bei denen es natürlich wichtig ist, dass jeder sie zum richtigen Zeitpunkt spielt. Das Trio hat mittlerweile ein Repertoire aus mehreren Melodien zusammengestellt, darunter „Gloria in excelsis Deo“, „Lobet den Herren“ und „Freu dich, du Himmelskönigin“. Jedes Stück dauert etwa zwei Minuten und wird gewöhnlich wiederholt. So kommen die „Beiermänner“ – ein Begriff, der nicht im Duden steht – auf eine halbe Stunde Spiel, inklusive kurzen Pausen. Jeder kennt seinen Einsatz. Ohne Noten. Alles ist Handarbeit mit feinsten Nuancen. „Wir haben den Anspruch, dass alles in sich schlüssig ist“, bekräftigt Hoffmann. Eine Demonstration zeigt, wie alles vibriert und durch Mark und Bein geht, sobald die drei loslegen. Hoffmann und Voßen haben vorsorglich Ohrstöpsel mitgebracht.

 

Ein voller Erfolg

Muss man gläubig sein, um zu beiern? „Wir haben mit der Kirche viel am Hut“, antwortet Hoffmann, das sei bei ihnen nicht zu trennen. Voßen betont, dass man zur Kirche gleichwohl „eine moderne Einstellung“ habe. Früher waren alle drei Messdiener und gingen gemeinsam auf Trier-Wallfahrt, da hätten sie „viele schöne Momente gehabt“, so Hoffmann.

Wer auf einen Turm steigt, um geistliche Melodien zu spielen, die andere erfreuen, beweist auf musikalische Weise Engagement für die Kirche und Nächstenliebe. Es ist sicher auch eine Art, etwas zurückzugeben, und könnte Vorbildcharakter haben. Inden ergänzt: „Die Leute meckern oft, was es alles nicht mehr gibt. Es muss aber nicht alles wegsterben.“ Erhalten hat sich der Brauch auch andernorts, darunter in Köln, Korschenbroich und Billerbeck im Münsterland. In Arnoldsweiler waren die bisherigen Auftritte volle Erfolge. „Das kam gut an bei den Älteren, die das noch kannten“, blickt Inden in die junge Vergangenheit des wieder belebten Spiels zurück. Obwohl sie es nicht an die große Glocke hängen – wird man als jüngerer Mensch von Gleichaltrigen nicht seltsam angesehen, wenn man beiert? „Es wird akzeptiert“, übt sich Hoffmann in Zurückhaltung.

Es soll keine alltägliche Routine werden

Falls die drei neue Stücke einstudieren, binden sie Handtücher an die Klöppel, damit es so minimal wie möglich nach außen in den Ort dringt. „Es soll ja eine Überraschung werden“, sagt Voßen. Bei den Festtagen will sich das „Beiern-Team“ vorläufig auf Ostern, die Arnoldusoktav und Weihnachten beschränken. „Sonst ist es irgendwann nichts Besonderes mehr“, so Kilian Inden.

Für die wiederbelebte Tradition ist Kilian Inden offen für neue Mitstreiter oder auch Mitstreiterinnen. „Je mehr, desto besser“, sagt er. Wer Interesse hat, kann sich bei ihm per E-Mail (kilian.inden@gmx.de) melden.

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