Köln

Das jüdische Viertel ist wie ein Geschichtsbuch

Das jüdische Viertel in Köln soll Welterbe werden. Die Stadt will „1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ feiern.
Plakat mit dem  jüdische Gelehrten Ascher ben Jechiel
Foto: Hoensbroech | Jüdisches Wissen mit Europa teilen: "Braucht man Internet, um ein Influencer zu sein?", fragt auf einem Plakat der jüdische Gelehrte Ascher ben Jechiel (13. Jahrh.) an der Baustelle am Kölner Rathausplatz.

Entdecken Sie die Stadt unter der Stadt“, lädt in großen Lettern ein Schriftzug auf dem ansprechend gestalteten Baustellenzaun die Passanten dazu ein, sich mit dem dahinterliegenden Areal im Herzen von Köln vertraut zu machen. „Braucht man Internet, um ein Influencer zu sein?“, fragt an einer anderen Stelle des Zauns der aus dem 13. Jahrhundert stammende jüdische Gelehrte Ascher ben Jechiel, der sein Wissen mit Europa teilt. „Unsere Zukunft baut auf die Vergangenheit“, heißt es einige Meter weiter über das kulturhistorisch wie städtebaulich ambitionierte Projekt, das für sich einen breiten historischen Kontext beansprucht: „Von wegen neu hier. Wir sind schon seit 2 000 Jahren da.“

Gemeint ist damit die „Stadt unter der Stadt“, also jener Bereich auf und unter dem Kölner Rathausplatz, in dem Menschen seit zwei Jahrtausenden miteinander gelebt, gehandelt, gearbeitet, aber auch gegeneinander gekämpft und sich ausgegrenzt haben. Neben den Architekturfunden und teils beeindruckend gut erhaltenen Relikten und Bauten aus römischer Zeit – insbesondere das Praetorium, der Sitz des römischen Statthalters der Provinz Germania Inferior (Niedergermanien) – sind es die Bauten und Funde des aus dem im Mittelalter hier beheimateten jüdischen Viertels, die das Quartier zu einem der bedeutendsten archäologischen Orte in Köln und im Rheinland machen.

Jüdisches Leben über und unter der Erde besichtigen

Das erkannte die Rheinmetropole schon in den 1950er Jahren. „Seit den damaligen Ausgrabungen wissen wir um die sensationellen Befunde des Praetoriums, des mittelalterlichen jüdischen Viertels und des christlichen Handwerkerviertels“, erklärt Christiane Twiehaus, Abteilungsleiterin für Jüdische Geschichte beim Landschaftsverband Rheinland (LVR). Dieser Zusammenschluss aus rheinischen Landkreisen, Städten und Gemeinden mit dem Zweck der kommunalen Selbstverwaltung und Übernahme öffentlicher Aufgaben möchte das „MiQua – LVR – Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“ betreiben.

Wie dieses Haus mit oberirdischem Neubau und unterirdisch rund 600 Meter langer begehbarer archäologischer Fundebene vor dem Rathaus dann zur sogenannten „Archäologischen Zone“ bis zum Jahr 2024 verbunden werden soll, zeigen Animationen auf dem Bauzaun. Neben dem hervorragend erhaltenen jüdischen Ritualbad (Mikwe), das bereits in den 1950er-Jahren ausgegraben worden ist, wurden nun bei den seit 2007 laufenden Ausgrabungen vor allem die Monumente der mittelalterlichen Synagoge freigelegt. Weitere herausragende Objekte sind die Überreste des Hochzeitshauses, eines Hospitals und anderer öffentlicher und privater Gebäude; zudem 500 Schiefertafeln mit hebräischen Zeichen, Münzen, Schmuck, Haushaltsgegenstände und Kleidung, außerdem liturgisches Gerät für die Synagoge.

Das Zusammenleben wird anschaulich

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Laut LVR ermöglichen diese Funde zu der seit dem elften Jahrhundert nachweisbaren jüdischen Religionsgemeinde, die Kahal Colonia, in der damals größten Stadt des Deutschen Reiches, „detaillierte Einblicke in die städtebauliche Anlage und die Inventare der Häuser sowie in die Alltagskultur jüdischen Lebens im innerstädtischen Quartier“. Das jüdisch-mittelalterliche Viertel sei „wie ein offenes Geschichtsbuch“ erleb- und nachvollziehbar. Hinzu komme, dass durch die archäologischen Funde einerseits, aber auch durch entsprechende schriftliche Quellen andererseits das alltägliche Zusammenleben der jüdischen und christlichen Gemeinschaft anschaulich dargestellt werden könne.

Aus Sicht der Stadt Köln als Bauherrin über das Grabungsareal und den Museumsbau sowie des LVR als Projektplaner und Betreiber ist dieses innerstädtische Gebiet so herausragend, dass nun gemeinsam der Antrag gestellt wurde, das jüdische Viertel in die Welterbeliste der UNESCO als Unterorganisation der Vereinten Nationen (UN) aufnehmen zu lassen. Beim Land Nordrhein-Westfalen liegt gegenwärtig der Antrag, das Viertel auf die entsprechende Vorschlagsliste setzen zu lassen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung nach einem längeren Qualifizierungsprozess werden aber noch einige Jahre ins Land gehen.

Weltkulturerbe in der Dommetropole

Sollte der Antrag positiv beschieden werden, lägen in den kommenden Jahren möglicherweise zwei weitere Welterbestätten nur wenige Minuten Fußweg von der Kölner Kathedrale entfernt, die ihrerseits seit 1996 zum Weltkulturerbe zählt. Übrigens befindet sich unter dem Gotteshaus schon seit vielen Jahren eine spektakuläre begehbare Ausgrabungszone. Im kommenden Jahr befindet die Kulturbehörde der UN darüber, ob das Praetorium in die Liste der aktuell 46 deutschen Welterbestätten von „außergewöhnlichem universellen Wert“ aufgenommen wird.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker betont, dass es mit dem Antrag für das jüdische Viertel nicht allein darum gehe, die Bedeutung und Wertschätzung der Juden für die Kölner Stadtgeschichte zu würdigen, sondern darüber hinaus „um die Notwendigkeit, jüdisches Leben in Köln präsent zu halten“. Damit schlägt das Stadtoberhaupt einen Bogen von der antiken Colonia Claudia Ara Agrippinensium in das heutige Köln und insbesondere in das kommende Jahr. Denn 2021 jährt sich die urkundlich nachweisbare erste Erwähnung einer jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen zum 1 700. Mal. Im Jahr 321 nach Christus gewährte der römische Kaiser Konstantin den Juden von Köln den Zugang zu öffentlichen Ämtern in der Stadtverwaltung. Dieses Datum wird als Beginn jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands erachtet.

Nicht nur in Köln, sondern bundesweit aktiv

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Nicht nur in Köln, sondern bundesweit soll unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Festjahr „1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gewürdigt werden. „In dieses Jubiläumsjahr werden wir uns mit einzelnen Veranstaltungen an verschiedenen Orten im Stadtgebiet einbringen“, unterstreicht Peter Otten, der leitende Museumsdirektor vom „MiQua – LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“.

Für die Vorbereitung und Durchführung dieses Festjahres war vor zwei Jahren in Köln ein eigener Verein gegründet worden, in dessen Beirat auch hochrangige Vertreter der christlichen Kirchen vertreten sind. Dieser ausdrücklich gesamtgesellschaftlich und im ganzen Bundesgebiet agierende Verein bereitet zahlreiche Aktivitäten für das kommende Jahr vor. Kürzlich hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags die Finanzausstattung für die Realisierung des Vereinszwecks um 5,7 auf 24,5 Millionen Euro erhöht.

Jüdische Religion und lebendiger jüdischer Kult sind wichtig

„Damit zeigt der Bund über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg, dass ihm die Unterstützung für die Darstellung und die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland sehr wichtig ist“, kommentiert Andrei Kovacs, der Geschäftsführer des Vereins, und ergänzt im Gespräch mit der „Tagepost“: „Und das eben nicht nur im Festjahr! Sondern auch darüber hinaus ist und soll jüdisches Leben als ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sicht- und erlebbar sein.“ Das Geld werde an die Projektpartner der vielen Veranstaltungen im kommenden Jahr weitergeleitet. Bislang liegen der Geschäftsstelle des Vereins bundesweit dafür rund 635 Förderanträge vor. Was Kovacs insbesondere freut: „Es gibt darüber hinaus zahlreiche Einzelpersonen sowie Institutionen, die sich ohne finanzielle Förderung in das Festjahr einbringen wollen.“ Auch zahlreiche Initiativen aus dem kirchlichen respektive katholischen Bereich wollen sich beteiligen.

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