„Meine Lehre verlasset nicht“

Wie die Thorarolle 1938 aus der brennenden Kölner Synagoge gerettet wurde. Von Constantin Graf Hoensbroech
Gut gesicherte Thorarollen hinter dem Scherengitter.
Foto: hoe | Trauriger Anblick: Gut gesicherte Thorarollen hinter dem Scherengitter.

Eine besondere „Zeitzeugin“ der Reichspogromnacht beherbergt die Synagogen-Gemeinde Köln: die Thorarolle aus der alten Synagoge. In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurden im damaligen Deutschen Reich über 1400 jüdische Gotteshäuser, Gebetsräume und Versammlungsstätten in Brand gesteckt. Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört und geschändet. Der katholische Geistliche Prälat Gustav Meinertz (1873–1959) rettete damals die Schriftrolle aus dem lichterloh brennenden jüdischen Gotteshaus an der Glockengasse in der Innenstadt im Schatten des Domes. Diese Synagoge galt als eine der schönsten in Deutschland und war 1861 vom Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner im maurischen Stil erbaut worden.

Laut verschiedener Quellen soll sich der aus Berlin stammende und Ende des 19. Jahrhunderts im Kölner Dom zum Priester geweihte Gottesmann plötzlich aus der teils neugierigen, teils johlenden Menschenmenge gelöst und in das brennende Gebäude gestürzt haben. Wenig später kam er mit der erheblich beschädigten Thorarolle wieder heraus. „Hier wird nicht nur die Bibel der Juden zerstört, sondern auch die Bibel der Christen. Es ist die Gleiche, nämlich das Alte Testament“, soll Meinertz später über seine Rettungstat gesagt haben. Meinertz wusste, wovon er sprach, denn seine Überzeugung vom christlich-jüdischen Verständnis entsprach seinem priesterlichen Selbstverständnis und drückte sich auch in seinem beruflichen Lebensweg aus: Von 1935 bis wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1959 war er Generalsekretär des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, zuletzt war er Großkreuzritter im Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, und außerdem verfasste er mehrere Bücher über Palästina.

Bis Kriegsende versteckte der Päpstliche Hausprälat die von ihm gerettete Thorarolle in seiner Wohnung, dann gab er sie den wenigen überlebenden Juden Kölns wieder zurück, die später die jüdische Nachkriegsgemeinde wiederbegründeten. „Die Tat des Prälaten Meinertz ist ein Musterbeispiel für Zivilcourage“, würdigt Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Mitglied des Vorstands der Kölner Synagogen-Gemeinde. Auch er weiß, wovon er spricht. Denn Beispiele für Zivilcourage tun offenkundig immer mehr not. Wer hätte gedacht, dass 80 Jahre nach dem in jener Nacht von den Nationalsozialisten geführten ersten großen Schlag gegen Menschen jüdischer Herkunft und Glaubens sowie den in den Jahren darauf erfolgten Verbrechen nun der Antisemitismus in Deutschland wieder aktuell, mehr noch: immer unverhohlener offenkundig wird?

Jahrzehnte wurde die Thora als Ausstellungsstück in der Synagoge an der Roonstraße, bis heute Zentrum der jüdischen Gemeinde Kölns, gezeigt. Denn wegen ihrer Beschädigungen durch Feuer und Rauch durfte sie im Gottesdienst nicht mehr verwendet werden. Im Rahmen des historischen Besuchs von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 wurde an die Katholische Kirche die Bitte herangetragen, bei der Wiederherstellung der Thora zu unterstützen. Der damalige Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ergriff dabei die Initiative und stellte mit 12 000 Euro einen bedeutenden finanziellen Betrag aus eigenen sowie Mitteln des Erzbistums Köln bereit, um die Restaurierungskosten in Jerusalem zu decken. „Diese Geste der Katholischen Kirche ist von hoher Symbolkraft“, betont Abraham Lehrer, „und sie unterstreicht das gute Verhältnis zwischen der jüdischen und der katholischen Gemeinde hier in Köln.“ Allerdings sähe es die Synagogen-Gemeinde sicherlich gern, dass die unter Kardinal Meisner so vorangebrachten jüdisch-katholischen Begegnungen auch unter dessen Nachfolger intensiviert würden.

Möglicherweise bietet ja das sich rundende Gedenken an den Auftakt in die systematischen Judenverfolgungen nun Gelegenheit für neue Impulse und Gespräche. Einen besonderen Akzent hat hier bereits das Kölner Domkapitel gesetzt. Auf Anregung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war bereits vor drei Jahren der Arbeitskreis „Der Dom und die Juden“ gegründet worden. Ausdrücklich unterstützt das Kölner Domkapitel die wissenschaftlich begleitete Auseinandersetzung mit mittelalterlichen antijüdischen Darstellungen im Kölner Wahrzeichen. Die bekannteste ist das holzgeschnitzte Bild der „Judensau“ im Chorgestühl. Bewusst zum 80. Jahrestag wurde nun das Kölner Domblatt aus dem Jahr 2008 mit dem Schwerpunktthema „Der Kölner Dom und die Juden“ neu aufgelegt. Weihbischof und Domkapitular Rolf Steinheuser nennt es eine „schwere Hypothek für das Kapitel, dass es im und am Dom antijüdische Manifestationen gibt“. Dem wolle sich das Kapitel stellen und seine Stimme gegen antisemitische Tendenzen deutlich einbringen. Er verweist dabei auch auf das Konzilsdokument „Nostra aetate“ aus dem Jahr 1965, in dem die Katholische Kirche ihr Verhältnis zu anderen Religionen sowie insbesondere ihre bisherige Haltung zum Judentum neu bewertete.

Zurück zur Thora, die im Jahr 2007 in einer feierlichen Zeremonie wieder in das Gotteshaus der nachweislich ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen (seit 321 n. Chr.) eingebracht werden konnte. Neben den beiden seinerzeit amtierenden Oberrabbinern Israels nahmen auch der damalige nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sowie natürlich auch Kardinal Joachim Meisner sowie weitere Vertreter des Erzbistums Köln und der Katholischen Kirche in Deutschland teil, als in die restaurierte Thorarolle die letzten Worten eingeschrieben wurden: „vor den Augen des Volkes Israel. Zum Gesang des Kantors mit den Worten „Ein köstliches Gut habe ich euch gegeben, meine Lehre verlasset nicht. Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten“, wurde die auf zwei Stäbe gewickelte Pergamentrolle in den Aron Hakodesch, den heiligen Schrein, eingehoben.

Die Erinnerungsfeier findet bereits am 8. November statt

Seitdem wird die Schriftrolle mit den rund 300 000 Wörtern des Pentateuch – die fünf Bücher Mose – im heiligen Schrein im Gebetsraum der Synagoge aufbewahrt. Hinter dem samtenen blauen Vorhang, auf dem die Löwen Jehuda die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, bekrönt mit der Krone für das Königtum Israel, halten, befindet sich ein Scherengitter. Dahinter befinden sich die verschiedenen Thorarollen, auch die restaurierte, um diese regelmäßig bei Gottesdiensten für die jüdische Liturgie hervorzuholen.

In Köln findet die traditionelle Erinnerungsfeier zum 9. November 1938 aufgrund der zentralen Gedenkfeier am eigentlichen Jahrestag in Berlin in diesem Jahr bereits am 8. November statt. Es ist davon auszugehen, dass dabei auch an die Rettungstat und die Zivilcourage des Priesters Gustav Meinertz erinnert wird. Neben dieser Geschichte ist mit der Kölner Thora zudem eine weitere Besonderheit verbunden: Sie wurde als eine von sehr wenigen überhaupt in Deutschland geschrieben, im Jahr 1902 – sie ist also wahrhaft eine Zeugin des 20. Jahrhunderts!

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