Feuilleton

Arnold Stadler: Literatur als Seelsorge

Der christliche Glaube ist dem Schriftsteller Arnold Stadler nicht gleichgültig. Wie auch. Immerhin hat der 61-Jährige Theologie studiert. Doch auch in den Büchern des Schriftstellers dreht sich viel um Gott – besonders im Roman „Salvatore“. Von Ilka Scheidgen
Arnold Stadler, Schriftsteller
Foto: dpa | Seine Romane handeln von Anti-Helden und dem „letzten Tabu“, das aus Sicht des Schriftstellers Arnold Stadler Gott ist.

Arnold Stadler, am 9. April 1954 in Meßkirch geboren, ist ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen Literatur und Theologie. Er studierte katholische Theologie in München und Rom, anschließend Germanistik in Freiburg und Köln. 1986 promovierte er an der Universität Köln über das Thema „Das Buch der Psalmen und die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts“. Seine Stilmittel sind die Groteske und Satire, mit denen er hinreißend komisch und dennoch hintersinnig ernst die Brüchigkeit des Lebens beschreibt.

Debüt als Schriftsteller

Mit dem Gedichtband „Kein Herz und keine Seele. Man muss es singen können“ debütierte Stadler 1986 als Autor. 1989 folgte der erste Roman „Ich war einmal“, der bereits die typischen Stadlerschen Stilmerkmale aufweist. Neben Romanen, Erzählungen, Gedichten und Essays übertrug Arnold Stadler Psalmen neu ins Deutsche, wobei ihm besonders wichtig war, den poetischen Charakter der Psalmen herauszuarbeiten. Arnold Stadler erhielt viele bedeutende Preise, 1999 den Georg-Büchner-Preis. Obwohl er aus dem Ort mit dem schönen Namen Rast stammt und dort auch hin und wieder Rast macht, ist er wohl doch eher ein Rastloser, den es zwischen den Orten umhertreibt. Und das Wort Heimat hat angesichts der Globalisierung, wie er in seiner Dankrede zum Büchner-Preis ausführte, seinen Sinn verloren „auf einer Kugel, wo der Mensch, also auch ich, allem gleich nahe und fern ist.“

„Eigentlich wollte ich Priester werden und die Menschen bekehren oder retten. Dann bin ich stattdessen Schriftsteller geworden. Und das ist ja auch eine Art Seelsorge.“

Diese ungewöhnliche Biografie – erst Theologe, dann Schriftsteller – erstaunt. Und erst recht, dass dieser Schriftsteller sein Tun als Seelsorge versteht. Wohlgemerkt – ein Romanschriftsteller, nicht einer von christlichen Traktaten. „Schreiben ist eine einsame Tätigkeit, denn zunächst schreibe ich ja für mich selbst. Und das ist wie eine Gewissenserforschung. Und es hat tatsächlich etwas mit meinem Glauben zu tun. Wenn ich glaube, so möchte ich doch, dass die anderen auch glauben. Ich möchte ihnen von meinem Glauben mitteilen“, sagt er ohne jedes Pathos. Eine solche Haltung ist heute in einer Welt der Egalismen selten anzutreffen, in der alles gleich bedeutend oder gleich unbedeutend ist und in der es leichter ist, über alles zu reden, nur nicht über das letzte Tabu „Gott“. Aber Arnold Stadler tut es, auch in seinen Romanen.

Arnold Stadler befindet sich im Dilemma

Arnold Stadler befindet sich in dem Dilemma, dass er immer noch, wie als Bub, die Welt retten will und gleichzeitig von der Erfolglosigkeit eines solchen Wunsches überzeugt ist. Aber alles hat ganz wesentlich mit dem Wort zu tun. Beim Schreiben geht es ja immer wieder um das Wort. Insofern bewege er sich mit der Schriftstellerei parallel zur Seelsorge, sagt er, es sei gar kein ganz anderer Weg, für den er sich entschieden habe.

Das ist das Seltsame bei Arnold Stadler, dass es ja auch in seinen Romanen durchaus um Glaubensverlust, Werteverfall, Sinnkrise und Entwurzelung geht, aber am luftigen Faden aufgefädelt, so dass er uns amüsiert und unterhält mit seinen zum Teil hanebüchenen Stories. Natürlich, so sagt er, entstehe jeder literarische Text aus eigenen Erfahrungen und aus einem eigenen Schreibraum heraus. Und so mag es manchem erscheinen, dass Stadlers Kosmos eng abgesteckt sei, selbst dort, wo er seine Anti-Helden, die ewig vergeblichen Glückssucher, nach Rom, Patagonien, Afrika und Köln schickt. In Wirklichkeit ist es so, dass er von unser aller Unglück, unserer Unbehaustheit, Fremdheit und Einsamkeit spricht. Er tut dies auf dem schmalen Grat zwischen Tragödie und Komödie.

Zu Sprache gewordene Sehnsucht hat Arnold Stadler schon als Kind in seiner „Introibo-Zeit“ als Ministrant in der Dorfkirche in Rast erfahren. Und wenn bei einer Beerdigung der Psalm „Aus der Tiefe, o Herr, ruf ich zu dir: höre, o Herr, meine Stimme“ gebetet wurde, erfuhr er aus diesem Text, dass es einen Gott gab, der ansprechbar war, wenn auch aus der Tiefe. Damals, als Bub, hat er noch gedacht, die Psalmen und andere Lieder, die das Kirchenjahr konturierten, gehörten ihm. Und weil diese Lieder so voll Leben sind, verstörend und ungefügt, atemlos und voller Schmerz – von Menschen verfasst, die sich auf Gott einlassen: begeistert oder deprimiert, hilflos oder dankbar –, hält die Faszination dieser mehr als dreitausend Jahre alten Gebete und Gesänge ungebrochen an und hat auch Arnold Stadler nicht losgelassen.

„Ich bin auf dem Weg. Ich bin viator – Wanderer. Das ist das erste und auch immer noch schönste Bild fürs Leben. Ein christliches Bild übrigens – das Leben als Pilgerreise.“

Hoffnung, Sehnsucht, Vergänglichkeit – das sind Schlüsselwörter in Stadlers Romanen. Auch vom Hoffnungsschmerz spricht er. Die Stadler-Gestalten sind alle Glückssucher und können es nicht finden, das Glück. Denn das, schrieb Stadler schon in „Ich war einmal“, ist immer anderswo. An ihnen exemplifiziert er mit hinreißender Komik die tragische Vergeblichkeit allen Glücksbegehrens. Und wie er es tut, das ist der typische „Stadler-Ton“.

Sein außergewöhnliches Buch „Salvatore“ 

In seinem außergewöhnlichen, von den Medien leider nur verhalten aufgenommenen Buch „Salvatore“ (2008) gibt Stadler sich ungeschützt preis in seinem Erlösungsverlangen, in der Absolutheit eines Angewiesenseins auf Erlösung. Denn es ist ein einziges Plädoyer für den Glauben an Gott, an den Erlöser = Salvatore Jesus Christus, und die Wahrheit der Evangelien und ihrer Verheißungen an uns Menschen. Zu Recht trägt das Werk keine Genrebezeichnung, da es sich aus sehr unterschiedlichen Teilen zusammensetzt, die aber ein imponierendes Ganzes bilden.

Stadler allerdings unterteilt sein Buch in nur zwei Teile. Im ersten „Salvatore“ bezeichneten Teil erzählt er die Geschichte des italienischstämmigen, in Deutschland lebenden Salvatore. Wie viele Stadler-Gestalten ist er vom Schicksal nicht unbedingt verwöhnt oder anders ausgedrückt: Salvatore ist ein Gescheiterter, einer, der sich in diversen Berufen versucht hat, unter anderem als Grabredner und schließlich Unternehmensberater. Und er ist ein Suchender, einer, den seit seinem abgebrochenen Theologiestudium die Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“ umtreibt, die er aber über der Geschäftigkeit, sich durch Vortragsreisen über Wasser zu halten und wenn möglich seine Schulden abzubezahlen, aus den Augen verliert, bis er eines Tages an einem Himmelfahrtstag, der ihm zwischen zwei Vortragstagen ein wenig Muße beschert und Zeit zum Nachdenken über sein mehr oder weniger verpfuschtes Leben ermöglicht, in einem namenlosen Ort an der Elbe nach dem Besuch der heiligen Messe am Nachmittag desselben Tages sich eher aus Langeweile im Pfarrheim den Film „Das 1. Evangelium nach Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini ansieht. Hier nun bekommt dieser erste Buchteil eine Wende, die Stadler mit einem knappen Satz umreißt: „Als er herauskam, war er ein anderer.“

Salvatore nämlich ist bis ins Mark ergriffen durch den Film, und all seine verschütteten Sehnsüchte, sein Glauben an den Gott seiner Kindheit, als er „seinem“ Pfarrer die Messe ministrierte, und den Jesus aus den Evangelien, als man ihm noch nicht das, was dort erzählt wird, alles hinwegerklärt hatte, bricht sich wie eine Sturmflut in seinem Innern Bahn. Plötzlich wusste er, dass ab jetzt die Richtung in seinem Leben wieder stimmen würde, dass er noch einmal von vorne beginnen wollte.

Dieser Film, in dem seine eigene Verwandtschaft aus dem herb-kargen Landstrich des süditalienischen Matera einen Großteil der Rollen, die Pasolini fast ausnahmslos mit Statisten besetzt hatte, gespielt hatte und von der er wusste, dass die meisten von ihnen in ihrem Leben (auch nach dem Film) gescheitert waren, wird für Salvatore dennoch zu einem Kairos-Erlebnis. Denn er wusste es ja längst, dass Jesus zu den Schwachen, den Kranken, den Geächteten gekommen war und nicht zu den Glücklichen, Starken und Reichen.

Der Film von Pasolini, die wortgetreue Übertragung der Worte des Matthäusevangeliums in Bildsequenzen, endet nämlich mit den Worten Jesu:

„Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“

Und mit dieser Verheißung, „mit diesem Versprechen verließ Salvatore das Kino nach einem Film auf dem Nachhauseweg, als wäre dieser nun endlich der richtige. Salvatore war nun erfüllt von einem Dazugehörigkeitsverlangen.“ Womit der erste Teil in den ebenso benannten zweiten Teil mündet. Was am Anfang der Erzählung bei Salvatore nur vage vorhanden ist und in wunderbar Stadlerscher Manier so beschrieben wird: „Er wartete auf alles, als wäre es auf nichts. Als wäre es nicht nichts, sondern etwas. Und dieses Etwas wäre nicht nichts, sondern alles. Worauf er wartete“, jetzt hat es einen Namen: Dazugehörigkeitsverlangen. Nämlich zu denen, denen Jesus seinen Beistand versprochen hat bis ans Ende der Welt. „Den schönsten Satz, den Menschen hören können, solange sie leben“, so Stadler.

Pasolinis Film lässt Arnold Stadler (noch im ersten Teil) seinen Protagonisten in 33 Kapiteln nacherzählen, aufschreiben, „was er gesehen hatte. Mehr nicht“, woraus aber doch mehr wird, nämlich Erinnerungen und Reflexionen über die Botschaft des Matthäusevangeliums: „Menschen wie du und ich waren es, die er suchte und liebte, solche wie dich und mich.“

Teil zwei des Buches besteht wiederum aus zwei Teilen, einem Essay über den Dichter und Filmer Pier Paolo Pasolini und einen über den Maler Michelangelo Caravaggio und sein Bild „Die Berufung des Matthäus“. Was das Buch eint, was die verschiedenen Teile zusammenhält, ist die Ergriffenheit des Autors (und Theologen) Arnold Stadler vom Wahrheitsgehalt des Evangeliums, die er auch Pasolini bescheinigt, der seinen Film „Das 1. Evangelium nach Matthäus“ aus Liebe zu diesem Jesus und seiner Botschaft gemacht hat, um „sie, die Menschen, wie sie sind, einzunehmen mittels der Bilder (…) für die Botschaft Jesu, der mitten in diese Welt gekommen ist und zuerst zu den Armen und zu allen, die ohne Lebensversicherung und Shareholdervalue leben müssen und leben“. Stadler plädiert mit Verve für die Annahme des Evangeliums in seiner Schönheit und Wahrheit, „eines Textes, eines Ganzen, das keinen Raum ließ, denselben wie ein Auto in einer Werkstatt auseinanderzunehmen“.

Die Frage aus Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du an ihn gedacht hast? Dieses Menschenkind, dass du es machen lässt?“ (übrigens der Wortlaut aus den von Stadler neu übersetzten Psalmen) findet Stadler beantwortet in dem Heilsplan, den Jesus ausführt und erfüllt durch seine Passion, seinen Tod und seine Auferstehung, mit denen er den Menschen heilen und befreien will, indem er ihn in seine Nachfolge beruft: „Folge mir nach! Du bist gemeint! Es geht um dich!“ Das verdeutlicht Stadler auch in seinem glänzenden kunsthistorischen Essay über das Bild „Die Berufung des Matthäus“ des Malers Caravaggio, aus dem das Porträt des „Salvatore“ als Coverbild entnommen ist. Stadler nämlich geht es in dem Buch einzig und allein um die Erlösergestalt Jesu und mittelbar über sie um uns, um den Menschen in seiner Angewiesenheit auf den Erlöser. Pasolini, Caravaggio, der Deutsch-Italiener namens Salvatore und sogar der Jünger und Evangelist Matthäus (und natürlich nimmt Stadler sich selbst nicht aus) sind zuallererst fehlbare und sündige Menschen. Denen aber gilt Jesu Ruf zur Nachfolge ganz besonders: „Denn ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ (Mt 9, 13)

In seinem Buch „Salvatore“ breitet Arnold Stadler ein emphatisches Bild aus eines auf Gnade angewiesenen, des Salvatore bedürftigen, zur Nachfolge berufenen Menschen, eine „Partitur der Hoffnung“, dass es nicht aus ist mit ihm, weil er nicht aufgegeben ist. Wie auf dem Bild des Caravaggio streckt sich ihm eine Hand entgegen, die sagt: „Du! Sagt: Komm!“ Denn – Stadler kommt immer wieder auf diesen Schlusssatz des Matthäusevangeliums zurück: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende Welt.“

Lesetipp:

Arnold Stadler: SalvatoreFISCHER Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN: 978-3-596-17573-4

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