Nach Vergebungsbitte des Papstes

Islamwissenschaftler: Nicht mit offizieller Vergebungsbitte für IS rechnen

Sollen führende Muslime für Gewaltverbrechen an Christen um Vergebung bitten? Der Islamwissenschaftler Felix Körner sieht das skeptisch.
IS-Kämpfer
Foto: Saifurahman Safi (XinHua) | Ein Mitglied der afghanischen Sicherheitskräfte steht an einem zerstörten Waffenlager des Islamischen Staates (IS) Wache.

Der Islamwissenschaftler Felix Körner bewertet die Forderung des chaldäischen Patriarchen Kardinal Louis Raphael I. Sako von Bagdad, muslimische Führer sollten für die Gewaltverbrechen an Christen um Vergebung bitten, zurückhaltend.

Im Irak seien in den letzten Jahren „ungeahnte Gräben aufgerissen“ zwischen muslimischen und christlichen Bevölkerungsteilen, erklärte der Theologe gegenüber der „Tagespost“. Wenn Kardinal Sakos Forderung Versöhnungsprozesse in Gang bringe, sei dies gut. Zugleich zeigte sich der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Jesuit skeptisch im Hinblick auf die Durchführbarkeit einer solchen Vergebungsbitte: „Welche ernstzunehmende islamische Führungsperson wird für Gewalttaten des ,Islamischen Staates' um Verzeihung bitten können? Islamische Gelehrte können solche Gewalttäter nicht als Akteure des Islam sehen.“

Unterschied zur Vergebungsbitte des Papstes gegenüber Indigenen

Anlässlich der Papstreise in Kanada hatte sich Kardinal Sako von Bagdad für eine ähnliche Vergebungsbitte von muslimischen Führern gegenüber der christlichen Minderheit im Nahen Osten ausgesprochen. Er hoffe, dass das Beispiel von Papst Franziskus auch muslimischen Behörden dazu dienen könne, all das Leid, das Christen zugefügt wurde, zu verstehen und um Vergebung zu bitten, hatte er der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR gesagt. Als Beispiel nannte er die Täter der islamistischen Terrormiliz IS, die „so viele Christen töteten und sie zwangen, zum Islam zu konvertieren“.

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Körner sieht hier den entscheidenden Unterschied zur Vergebungsbitte des Papstes gegenüber Indigenen in Kanada. In Kanada, so Körner, seien offiziell-katholische Einrichtungen und Personen an der Gewalt beteiligt gewesen. Deshalb könne der Papst auch Verantwortung übernehmen und dafür um Verzeihung bitten.

Wörtlich sagte der Jesuit: „Wenn man von muslimischen Repräsentanten erwartet, für den ,Islamischen Staat' um Vergebung zu bitten, ist das, als würde man den Papst auffordern, sich für Nicht-Katholiken zu entschuldigen. Denken Sie an den verlogenen, verheerenden Angriff unter George W. Bush – einem evangelikalen Christen. Er behauptete damals, im Auftrag Gottes zu handeln. Wir müssen uns als Katholiken davon distanzieren, müssen das verurteilen. Aber um Verzeihung bitten wird der Papst dafür nicht. So kann man jetzt auch nicht mit einer offiziell-islamischen Vergebungsbitte für den ,Islamischen Staat' rechnen.“ Dennoch sei es wichtig, weiterzuarbeiten, damit die Wunden heilen könnten.

Lesen Sie das ausführliche Interview in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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