Kabul

Sie sind keine Brüder

Taliban und „Islamischer Staat“ folgen islamistischen Ideologien. Trotzdem sind beide Gruppen miteinander verfeindet.
Konflikt in Afghanistan
Foto: Khwaja Tawfiq Sediqi (AP) | Ende August führte der IS mit einem Anschlag in Kabul deutlich vor Augen, dass er auch in Afghanistan aktiv ist.

Der Anschlag, der am 26. August diesen Jahres am Flughafen Kabul circa 200 Menschenleben, darunter 13 US-Soldaten, forderte, war ein deutliches Signal des IS. Er machte drastisch den Antagonismus deutlich, welcher in Afghanistan besteht zwischen den Taliban, die zehn Tage zuvor die Herrschaft übernommen hatten, und dem IS-Khorasan, der brutal seine Präsenz und Macht im Land bewiesen hatte. Sehr klar wurde, dass die USA den schweren Anschlag, obwohl sie ihn kommen sahen, nicht verhindern konnten – andererseits die Taliban keineswegs die völlige Kontrolle auch nur in der Hauptstadt haben, sondern weiterhin angreifbar und äußerst verletzlich sind, eben vor allem durch ihre Hauptgegner, IS-K.

Sowohl der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) als auch die Taliban streben eine streng islamische Gesellschaftsordnung in scharfer Abgrenzung zu den säkularen, demokratischen und rechtsstaatlichen Systemen des Westens als Ideal an, doch bestehen starke Gegensätze zwischen beiden Gruppen.

Geistige Wurzeln in Indien

Die Taliban haben ihre geistigen Wurzeln in der 1866 entstandenen islamischen Erneuerungsbewegung der nordindischen Stadt Deoband, die auf das arabische Wahhabitentum zurückgeht und stark antikolonialistische Tendenzen entwickelte. Während in der Bewegung von Deoband auch Bereitschaft zum Dialog mit Hindus und Christen zu erkennen war, wandten sich die Taliban  –  „Schüler“, „Studenten“ des Islam – eher einer weniger toleranten Islam-Interpretation zu.

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1994 wurde die Bewegung in Kandahar gegründet. 1996 schon konnten die Taliban das Emirat Afghanistan ausrufen und überall im Land einen archaisch anmutenden unduldsamen Islam durchsetzen, bis sie 2001 von einer US-geführten Koalition gestürzt wurden. Verwurzelt waren und sind die Taliban in den paschtunischen Stämmen, die das Staatsvolk Afghanistans par excellence bilden. Daher rührt ihr authentisch-afghanischer Charakter, der sie für paschtunische Afghanen akzeptabel macht und durch den sie sich von anderen radikal-islamischen Bewegungen absetzen, bei denen ethnische Kriterien eine eher untergeordnete Rolle spielen und ein übergreifender Kalifatsgedanke maßgeblich ist. Der Bezugsrahmen der Taliban ist aber ganz klar Afghanistan beziehungsweise  das Volk der Paschtunen.

Die enge Verflechtung der Taliban mit dem paschtunischen Milieu, dem sie entstammen, stärkte ihre Position auch insofern, als Paschtunen beiderseits der 2 570 Kilometer langen afghanisch-pakistanischen Grenze leben. Pakistan war immer ein Rückzugsgebiet, Reservoir und eine Ressourcenquelle für die Taliban, denn in Pakistan leben weit mehr Paschtunen als in Afghanistan. Die Taliban bewegten sich dort wie Fische im Wasser. Dazu kam, dass in Politik, Verwaltung und Sicherheitsapparat Pakistans zahlreiche Sympathien für die Taliban bestanden und dass man in Pakistan unbedingt einen gewissen Einfluss auf das Nachbarland und die dortige Entwicklung behalten wollte, um gefährliche Entwicklungen zu kontrollieren. Dies war am ehesten möglich durch eine begrenzte Zusammenarbeit mit den Taliban – zumal eine spezifisch pakistanische Taliban-Gruppe – die Tehrik-e-Taliban – Pakistan ins Visier genommen und hier schon zahlreiche brutale Anschläge verübt hat.

Ganz Afghanistan von Taliban durchsetzt

Auch von 2001 bis 2021 waren die Taliban immer präsent, sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan waren sie ständig aktiv, profitierten von ihrer Verflechtung mit den Stämmen und führten immer wieder Schläge gegen die Regierung und ihre Alliierten, aber auch gegen zivile Ziele aus. Selbst während die USA und ihre Alliierten im Land waren, war ganz Afghanistan von Taliban durchsetzt, die  Hauptgegner der afghanischen Regierung und ihrer westlichen Verbündeten waren und die der pakistansche Staatschef Musharraf mit unterschiedlicher Intensität bekämpfte.

Dabei waren und sind die Taliban keineswegs homogen – im Gegensatz zur verhandlungsbereiten „Doha-Gruppe“ , welche sich der Notwendigkeit von Mindestkontakten  zu anderen Staaten bewusst ist, agiert die Haqqani-Sippe  besonders militant und radikal. Inzwischen ist sie als „Haqqani-Netzwerk“ in die Taliban-Strukturen weitgehend integriert und in der neuen afghanischen Regierung vertreten, hatte aber bereits offene Konflikte mit der Taliban-Führung. Die Haqqanis kooperieren auch zeitweise mit dem IS .

Auch die allerersten Anfänge des IS weisen nach Afghanistan. Dessen Gründer, der radikalisierte jordanische Kleinkriminelle Abu Musab al-Zarkawi (1966-2006), hielt sich mit einem kleinen arabischen Grüppchen schon seit Ende der 1980er-Jahre in Pakistan und Afghanistan auf (dort gab es schon zahlreiche arabische Kämpfer) und unterhielt auch Kontakte zu Gesinnungsgenossen in Deutschland . Erst nach der US-Intervention 2001 in Afghanistan wandte er sich dem irakischen Schauplatz zu. Unter dem Eindruck des dort entstehenden Machtvakuums und dem später einsetzenden Chaos in Syrien nahm dort das Konzept eines „Islamischen Staates im Irak und der Levante“, das bald zu einem „Kalifat“ wurde, konkrete Gestalt an. Ganz deutlich knüpfte man damit an die frühislamische Geschichte an , als nach dem Tod des Propheten im 7. Jahrhundert das Kalifat entstand, das die gesamte Umma, also die Gemeinschaft der Gläubigen des Islam, in einem Staat zusammenfasste, der expandierte und sich bald von Südfrankreich bis nach Zentralasien erstreckte. Hierin sah der IS sein Vorbild – wie ganz allgemein Salafisten sich an der Frühzeit des Islam orientieren und die damaligen Verhältnisse wieder herstellen wollen. Erzielte der IS seine wichtigsten Erfolge im syrisch-irakischen Raum, wo er tatsächlich einen Staat nach radikalislamischem Muster errichtete, breitete er sich auch in andere Teile der islamischen Welt aus, die ja Teile des „Kalifats“ werden sollten.

Muslimische Gegner werden als vom Islam abgefallen verunglimpft

Seit 2014 hatte der IS auch in Afghanistan Fuß gefasst, wobei Schwerpunkt seiner Aktivität die Provinz Nagarhar an der pakistanischen Grenze mit der Hauptstadt Dschalalabad wurde. Dort gelang es dem IS, die pakistanischen Tehrik-e-Taliban einzubinden und den Konflikt mit den als abtrünnig empfundenen eigentlichen Taliban aufzunehmen. Es ist eine beliebte Methode islamistischer Extremisten, so auch des IS, ihre muslimischen Gegner als vom Islam abgefallen zu verunglimpfen, da so Terror gegen diese vermeintlichen Apostaten legitim erscheint. 2015 wurde die Gründung der IS-Provinz Khorasan erklärt – bewusst wurde der Name einer historischen Region aus dem islamischen Mittelalter gewählt, die Ostiran und ganz Afghanistan umfasste und weit nach Zentralasien hineinreichte. Nach UN-Angaben sollen etwa 10 000 ausländische Kämpfer des IS nach Afghanistan gebracht worden sein – während der chaotischen Periode vor der offiziellen Machtübernahme der Taliban könnte diese Zahl weiter angestiegen sein. In diesem Jahr gab es auch bereits grausame IS-Terrorakte: So im Mai einen Anschlag auf eine schiitische Mädchenschule in Kabul mit 85 Toten.

Die Zukunft des Landes dürfte durch den  Konflikt zwischen afghanisch-paschtunischen Taliban und des von der panislamischen Kalifatsidee geprägten IS-Khorasan bestimmt werden. Nicht-paschtunische Afghanen wie die Tadschiken könnten Sympathien für den IS entwickeln. Afghanistan allein wird sich aus der Spirale der Gewalt nicht befreien können. Der Sommer hat gezeigt, dass auch westliche Langzeitinterventionen nicht erfolgreich waren. Verhindert werden sollte, dass die Nachbarstaaten mit in den Strudel archaisch-islamischer Gewalt gerissen werden.

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