Papstbesuch in Kanada

Neuevangelisierung statt Nostalgie

Papst Franziskus rief die Kirche Kanadas dazu auf, die Schuld der Vergangenheit aufzuarbeiten und in einer säkularisierten Gesellschaft den Blick auf das Wesentliche des Glaubens zu lenken.
Papst auf dem Rückweg nach Rom
Foto: Johannes Neudecker (dpa) | Papst Franziskus spricht vor Journalisten im Flugzeug auf der Rückreise aus Kanada. Das Hauptthema seines Kanada-Besuchs war die Entschuldigung bei der indigenen Bevölkerung für den Jahrzehnte langen Missbrauch in ...

Papst Franziskus ist von seiner 37. Auslandsreise zurückgekehrt, die ihn nach Kanada geführt hat, wo er die indigene Bevölkerung des Landes um Vergebung für erlittenes Unrecht gebeten hat. Von daher war dieser sechstägige Besuch, bei dem Franziskus fast alle Veranstaltungen im Rollstuhl absolviert hat, monothematisch. Es ging um die Vergangenheit von Indianer-Kindern in den sogenannte „Residential-Schools“, die auch von katholischen Orden und Institutionen geleitet worden waren, wo sie ihrer Kultur und ihren Familien entrissen, teilweise misshandelt und missbraucht worden waren.

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Noch am Freitag, bei seiner letzten Station bei den Inuits in Iqaluit am Nordpolarmeer sagte er nach einer privaten Begegnung mit Jugendlichen und älteren Menschen in seiner dann öffentlichen Ansprache: „Ich danke euch für den Mut, für das, was ihr gesagt habt, und das Mitteilen des großen Leides“. Die Berichte, die er gehört habe, hätten in ihm „die Empörung und die Beschämung wiedererweckt“, die ihn nun schon seit Monaten begleiteten: „Auch heute, auch hier, möchte ich euch sagen, dass ich sehr traurig bin und um Vergebung bitten möchte für das Böse, das von nicht wenigen Katholiken begangen wurde, die in diesen Schulen zu der Politik der kulturellen Assimilation und der Entrechtung beigetragen haben.“

Warnung vor der „cancel culture“

Zuvor hatte der Papst Indigene in Edmonton im Bundesstaat Alberta und in Québec getroffen. In Québec, der ältesten katholischen Diözese des Landes, traf der Papst aber auch die Vertreter der Politik und des öffentlichen Lebens, vor denen er mahnte, dass die Unterdrückungen der Vergangenheit in der Gegenwart weitergehen könnten. Dies sei der Fall bei den „ideologischen Kolonialisierungen“. Es seit eine Mentalität, die in der Annahme, „die dunklen Seiten der Geschichte“ überwunden zu haben, jener „cancel culture“ Platz mache, die die Vergangenheit nur nach bestimmten aktuellen Kategorien bewerte. „So wird eine kulturelle Mode implantiert“, sagte Franziskus, „die standardisiert, alles gleich macht, keine Unterschiede duldet und sich nur auf den gegenwärtigen Moment, auf die Bedürfnisse und Rechte des Einzelnen konzentriert und dabei oft die Pflichten gegenüber den Schwächsten und Zerbrechlichsten vernachlässigt: den Armen, den Migranten, den alten Menschen, den Kranken, den Ungeborenen … Sie sind es, die in den Wohlstandsgesellschaften vergessen werden; sie sind es, die in der allgemeinen Gleichgültigkeit weggeworfen werden wie trockene Blätter, die man verbrennt.“

Säkularisierung verlangt Neuevangelisierung

Vor Priestern, Ordensleute und Seminaristen sprach er am Donnerstag in Québec auch das Leben in einer säkularisierten Gesellschaft an, so wie es die Kirche in Kanada schon seit Jahrzehnten erlebt. Die Säkularisierung sei eine pastorale Herausforderung. Man müsse zunächst „die geringere soziale Bedeutung der Kirche oder den Verlust von materiellen Reichtümern und Privilegien“ akzeptieren. Aber nicht der Glaube gerate dann in eine Krise, sondern gewisse Formen, wie man ihn verkündigt hat. „Deshalb ist die Säkularisierung eine Herausforderung für unsere pastorale Vorstellungskraft“, sie sei ein Anlass „für eine Neuausrichtung des geistlichen Lebens in neuen Formen und neuen Weisen des Lebens. So regt uns ein Blick, der unterscheidet und uns die Schwierigkeiten sehen lässt, die Freude des Glaubens weiterzugeben, gleichzeitig dazu an, eine neue Leidenschaft für die Evangelisierung wiederzufinden, eine neue Sprache zu finden, pastorale Prioritäten zu ändern und zum Wesentlichen zu gehen“.

Der Papst warnte vor allem die Priester und Ordensleute, alle die zu einem geistlichen Leben berufen seien, vor einem „negativen Blick“. Kritik an der Säkularisierung dürfe „nicht Nostalgie“ sein, das Vermissen „einer sakralisierten Welt, einer Gesellschaft vergangener Tage, in der die Kirche und ihre Amtsträger mehr Macht und soziale Bedeutung hatten“. Das wäre eine verfehlte Sichtweise. Der Papst hat Kanada, ein säkularisiertes Land verlassen und als Ausgangspunkt für die Neuevangelisierung erst einmal die Aufarbeitung der Schuld gewählt, die die Kirche im Umgang mit den indigenen Bevölkerungen auf sich geladen hat.

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