Papst in Kanada

Was Mokassins erzählen

Kinderschuhe als Symbol: Papst Franziskus beklagt in Kanada das Leid der indigenen Schüler, die ihren Familien und ihrer Kultur für immer entrissen wurden.
Papst Franziskus in Kanada
Foto: IMAGO/Nathan Denette (www.imago-images.de) | Versöhnung auf katholisch: Papst Franziskus küsst einer ehemaligen Internatsschülerin die Hand.

Vor der ganzen Kirche, aber auch vor der Weltöffentlichkeit will Papst Franziskus zeigen, wie Versöhnung geht. Der Auftakt seiner knapp einwöchigen Kanada-Reise, die am Freitag in Québec und Iqaluit zu Ende geht, war den indigenen Völkern der First Nations, Métis und Inuit gewidmet. Und den Abschluss der Reise bilden wiederum Begegnungen mit einer Delegation von Ureinwohnern aus Québec und ehemaligen Schülern der früheren „Residential Schools“, die bei diesem Auslandsbesuch des Papstes im Mittelpunkt stehen.

Den Familien entrissen

In diesen Schulen, von denen viele von religiösen Orden und kirchlichen Trägern geleitet wurden, wurden vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre indigene Kinder nach den Standards der westlichen Pädagogik erzogen, ihren Familien entrissen und ihrer Kultur beraubt. Ganze Generationen erlebten das als Traumatisierung. Später wurden Massengräber von Kindern gefunden, die – mangels Pflege,  – bei Seuchen und Krankheiten gestorben waren. Augenzeugen berichten allerdings auch von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. In seinen Ansprachen ging der Papst jetzt ohne Umschweife darauf ein, dass kirchliches Personal in diesem System der staatlichen Umerziehung mitgewirkt hat.

Lesen Sie auch:

Es war schon kein triumphaler Empfang, den die etwa 2 000 Indigenen am Montag dem Papst in einem einfachen Rundbau aus Zeltdächern in Maskwacis bereiteten. Hier, südlich von Edmonton im Bundesstaat Alberta, hatte eine der größten „Residential School“ bestanden. Der Papst hatte einen Friedhof besucht, auf dem viele indigene Kinder bestattet liegen, teilweise auch anonym, und die Gräber gesegnet. Den Weg von dort zur Zeltarena im Freien legte er im Rollstuhl zurück, umgeben von wenigen Begleitern, zum Takt der rhythmischen Trommelschläge und Gesänge der Indigenen. Der Himmel an diesem Vormittag war grau.

Papst bittet um Vergebung

Nach der Begrüßung durch Häuptling Wilton Littlechild hielt Franziskus seine Ansprache – auf Spanisch, abschnittsweise auf Englisch vorgetragen und gleichzeitig per Internet-Stream in elf Indianersprachen übersetzt. Bis auf den Schlusssegen war kein liturgischer Akt vorgesehen. „Von hier aus, von diesem traurig stimmenden Ort“, begann Franziskus, „möchte ich mit dem beginnen, was ich innerlich beabsichtige: eine Bußwallfahrt. Ich komme in eure Heimat, um euch persönlich zu sagen, dass ich voller Kummer bin, und um Gott um Vergebung, Heilung und Versöhnung zu bitten, um euch meine Nähe zu zeigen, um mit euch und für euch zu beten.“

Franziskus sparte nicht mit Worten, um das Übel beim Namen zu nennen: „Ich bin schmerzlich betrübt. Ich bitte um Vergebung, insbesondere für die Art und Weise, in der viele Mitglieder der Kirche und der Ordensgemeinschaften, auch durch Gleichgültigkeit, an den Projekten der kulturellen Zerstörung und der erzwungenen Assimilierung durch die damaligen Regierungen mitgewirkt haben, die im System der Internatsschulen ihren Höhepunkt fanden.“ Auch dort, in den „Residential Schools“, habe es christliche Nächstenliebe gegeben und „nicht wenige vorbildliche Fälle der Einsatzbereitschaft für die Kinder“.

Aber insgesamt seien die Folgen der mit den Internaten verbundenen Politik „katastrophal“ gewesen: „Der christliche Glaube sagt uns, dass dies ein verheerender Fehler war, der mit dem Evangelium von Jesus Christus unvereinbar ist. Das Wissen darum betrübt, dass der feste Boden der Werte, der Sprache und der Kultur, der euren Bevölkerungen einen unverfälschten Sinn für die Identität verliehen hat, ausgehöhlt wurde und dass ihr weiterhin den Preis dafür zahlt. Angesichts dieses empörenden Übels kniet die Kirche vor Gott nieder und bittet um Vergebung für die Sünden ihrer Kinder.“

Mokassins für einen Weg der Heilung und Versöhnung

Nach seiner Ansprache gab Franziskus den Häuptlingen ein Paar Mokassins zurück, das er im April von einer Delegation kanadischer Indigener im Vatikan erhalten hatte: Sie seien „Zeichen für das Leid der indigenen Kinder, insbesondere derjenigen, die aus den Internatsschulen leider nicht mehr nach Hause zurückkehrten. Man hatte mich gebeten, die Mokassins bei meiner Ankunft in Kanada zurückzugeben“. Die Erinnerung an diese Kinder erfülle mit Trauer und rufe zum Handeln auf, damit jedes Kind mit Liebe, Würde und Respekt behandelt wird. „Aber diese Mokassins erzählen uns auch von einer Reise, einem Weg, den wir gemeinsam beschreiten wollen. Gemeinsam gehen, gemeinsam beten, gemeinsam arbeiten, damit die Leiden der Vergangenheit einer Zukunft der Gerechtigkeit, Heilung und Versöhnung Platz machen.“

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, der bei der Begegnung in Maskwacis dabei war, meinte nach der Ansprache des Papstes, nun sei Franziskus einer Aufforderung der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission von 2015 nachgekommen. Zur Aufarbeitung des historischen Unrechts in den „Residential Schools“ habe die Kommission 95 Handlungsschritte benannt. Nummer 58 forderte den Papst auf, „sich bei den Überlebenden, ihren Familien und Gemeinschaften für die Rolle der römisch-katholischen Kirche beim spirituellen, kulturellen, emotionalen, körperlichen und sexuellen Missbrauch in katholisch geführten Internatsschulen zu entschuldigen“, so der Premier. Dies sei nun geschehen.

Abenteuer Erziehung

Auch in der Herz-Jesu-Kirche in Edmonton, wo Franziskus am gleichen Tag mit Indigenen zusammenkam, sprach der Papst die Hoffnung aus, dass nun die Zeit der Heilung und Versöhnung gekommen sei: „Es verletzt mich, wenn ich daran denke, dass Katholiken zu einer Politik der Assimilation und Entrechtung beitragen haben, die ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelte, indem es Gemeinschaften und Menschen ihrer kulturellen und spirituellen Identität beraubte, ihre Wurzeln abschnitt und vorurteilsbehaftete und diskriminierende Haltungen nährte, und dass dies auch im Namen einer Erziehung geschah, von der man annahm, dass sie christlich sei.“

Erziehung müsse aber immer von der Achtung und Förderung der in den Personen bereits vorhandenen Talente ausgehen. „Sie ist nicht und kann nie etwas Vorgefertigtes sein, das man aufzwingt, denn die Erziehung  ist das Abenteuer, das Geheimnis des Lebens gemeinsam zu erkunden und zu entdecken. Gott sei Dank werden in Pfarreien wie dieser durch die Begegnung Tag für Tag die Grundlagen für Heilung und Versöhnung geschaffen.“

Gestern kam Papst Franziskus in Québec mit den Vertretern der Politik und des öffentlichen Lebens zusammen. Und am morgigen Freitag steht noch eine private Begegnung auf dem Programm, die inzwischen bei keiner Reise des Papstes mehr fehlt: ein freimütiges Gespräch mit den Jesuiten seines Gastlands Kanada.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Guido Horst Evangelium Jesus Christus Justin Trudeau Papst Franziskus Pfarreien Päpste Römisch-katholische Kirche Versöhnung

Weitere Artikel

Die Kirche als „Spenderin der Gnade“ aufzufassen, ist etwas aus der Mode gekommen. Das muss nicht so bleiben.
22.10.2022, 19 Uhr
Stefan Hartmann
Den theologischen Vordenkern des Synodalen Wegs hält Papst Franziskus den Glaubenssinn des treuen und heiligen Volk Gottes entgegen.
10.11.2022, 09 Uhr
Guido Horst

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt