Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Exklusivinterview zu den Vorwahlen

Johannes Völz: „Die Evangelikalen sind heute eisenharte Trumpisten“

Der Amerikanist Johannes Völz über den Vorwahlauftakt in Iowa, den Schulterschluss Trumps mit den Evangelikalen und die Bedeutung der Abtreibungsfrage für den Wahlkampf.
Trump dominiert das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur
Foto: IMAGO/Samantha Laurey / Argus Leader (www.imago-images.de) | Trump dominiert das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, in Iowa und im Rest des Landes.

Herr Völz, nächste Woche beginnen die Vorwahlen der Republikaner im Bundesstaat Iowa. Beginnt dann das Schaulaufen Trumps, oder ist noch Spannung im Rennen?

Es ist kaum davon auszugehen, dass Trump die Nominierung zu nehmen ist. In Iowa liegt in er in Umfragen bei 50 Prozent. Das ist mehr als Ron DeSantis und Nikki Haley, also seine engsten Verfolger, zusammen haben. DeSantis liegt derzeit bei gut 18 Prozent, Haley bei knapp 16. Die Verfolger stechen sich also gegenseitig aus. Der Kampf um Platz zwei ist derzeit das eigentlich spannende Rennen. Ob dieses Rennen aber überhaupt von Bedeutung ist, wissen wir nicht. Eventuell wird der oder die Zweite des Vorwahlkampfes zum Running Mate, also zum Kandidaten um die Vizepräsidentschaft – das ist aber kein Automatismus.

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Der Staat Iowa hat ja seine ganz eigene Dynamik, unter anderem da er stark von den Evangelikalen geprägt ist. Was bedeutet das für den Wahlkampf?

Das ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu beantworten. Trump liegt in den anderen beiden Staaten des frühen republikanischen Vorwahlkampfes – in South Carolina und New Hampshire – ebenfalls deutlich vorn. In South Carolina ist er noch stärker als in Iowa, dort liegt er bei über 53 Prozent. In New Hampshire ist er etwas schwächer, dort hat er in Umfragen ungefähr 43 Prozent. Ich ziehe daraus den Schluss, dass die Frage nach „den Evangelikalen“ heute gar nicht mehr sinnvoll ist. 

Weshalb? 

Nicht nur gibt es sehr unterschiedliche Gruppierungen unter den Evangelikalen. Viele von ihnen machen auch keinen Unterschied zwischen religiösen und politischen Überzeugungen. Sie fühlen sich von Trump bestens repräsentiert. Natürlich ist er keinesfalls bibelfest. Aber er gilt als starker Kämpfer, der in seiner ersten Amtszeit unter Beweis gestellt hat, dass er die Interessen der Evangelikalen vertritt. Es ist längst nicht mehr so, dass die Evangelikalen und die Trumpisten zwei unterschiedliche Gruppen wären, die nun gemeinsame Interessen entdecken. Die Evangelikalen gehören mittlerweile zu den eisenharten Trumpisten.

„Natürlich ist Trump keinesfalls bibelfest.
Aber er gilt als starker Kämpfer, der in seiner
ersten Amtszeit unter Beweis gestellt hat,
dass er die Interessen der Evangelikalen vertritt.“

Trump profitierte schon bei seinem Wahlsieg 2016 von der Unterstützung der Evangelikalen, zuletzt hatte sich das Verhältnis jedoch abgekühlt. Wie steht es derzeit um Trump und die Evangelikalen?

Ich glaube, es ist schlicht falsch, dass sich das Verhältnis abgekühlt hat. Richtig ist, dass es unter Evangelikalen – wie auch Katholiken – Kräfte gibt, die sagen: Die Beseitigung des faktischen nationalen Abtreibungsrechts durch den Supreme Court reicht uns nicht mehr – wir wollen nun ein nationales Abtreibungsverbot. Dagegen hat sich Trump recht deutlich positioniert. Aus gutem Grund: Er weiß, dass dies eine unpopuläre Position ist, die ihm in der Mitte der Gesellschaft Stimmen kosten würde. Ich würde daraus aber keineswegs schließen, dass sich das Verhältnis zwischen Evangelikalen und Trump abgekühlt hat, ganz im Gegenteil. Seit seinem Wahlsieg vor acht Jahren haben die Evangelikalen nicht nur ihren Frieden gemacht mit Trump. Sie haben sich immer stärker hinter ihn gestellt und verehren ihn nun. Beim Sturm auf das US-Kapitol vor drei Jahren sah man Flaggen, die Trump als Jesus zeigten. Das war nicht als Provokation gemeint. Es war ein Sinnbild dafür, wie Evangelikale ihr Verhältnis zu Trump betrachten.

Auch die zahlreichen juristischen Probleme Trumps ändern an diesem Blick nichts?

Es gibt bei den Evangelikalen durchaus unterschiedliche Stimmen. Russell Moore, der ehemalige Chef der Southern Baptist Convention, hat sich zum Beispiel klar gegen Trump positioniert. Das hat ihm allerdings seinen Job gekostet. Leute, die so denken wie er, halten einen Präsidentschaftskandidaten, der auf solch drastische Art und Weise gegen die Prinzipien der Verfassung verstoßen hat, für untragbar. 

Aber die Mehrheit der Evangelikalen denkt anders?

Ja, völlig anders. Sie sieht Trump als Verfolgten. Und die Mehrheit ist zudem der Meinung, in Amerika sei das gesamte Christentum verfolgt. Dieses Gefühl, vom Regime und der Mehrheitsgesellschaft schikaniert und bedroht zu werden, ist vermutlich sogar der größte Kitt zwischen den Evangelikalen und Trump. In beiden Fällen handelt es sich allerdings um ein reines Phantasma. Es ist vollkommen absurd zu behaupten, in Amerika würden Christen verfolgt. Und Trump schickt sich an, zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu werden, obwohl er ankündigt, zumindest einen Tag lang als Diktator herrschen zu wollen – um dann selbst seine Gegner verfolgen zu können.

„Dieses Gefühl, vom Regime und der Mehrheitsgesellschaft
schikaniert und bedroht zu werden, ist vermutlich
sogar der größte Kitt zwischen den Evangelikalen und Trump.“

Der Lebensschutz ist traditionell ein zentrales Anliegen der Evangelikalen. Was erwartet man sich nun von einem republikanischen Kandidaten, nachdem Roe v. Wade Geschichte ist?

Es gibt unter den Evangelikalen Radikale, die nun sagen: „Jetzt fangen wir erst richtig an. Ab jetzt muss es um ein nationales Abtreibungsverbot geben.“ Es gibt aber andere, die ihr Ziel erreicht sehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Ende von Roe v. Wade dazu führt, dass evangelikale Republikaner schwerer zu mobilisieren sind, während die Demokraten auf der anderen Seite einen Motivationsschub erhalten.

Welcher Kandidat erfüllt nach Trump am ehesten das Anforderungsprofil der Evangelikalen? Sie erwähnten Floridas Gouverneur Ron DeSantis  - kann er in Iowa ein erstes Ausrufezeichen setzen?

DeSantis hat in Iowa keine Chance, und auch ansonsten ist er – Stand jetzt – wohl gescheitert. Wenn jemand neben Trump noch eine kleine Chance hat, dann ist es Nikki Haley – eine im Vergleich zu DeSantis gemäßigte Kandidatin, die eher den früheren republikanischen Mainstream vertritt. Diese Form von Konservatismus ist heute, im Zeitalter des Trumpismus, allerdings zu einer Minderheitsposition geworden.

Amerikanist Johannes Völz
Foto: privat | Johannes Völz ist Amerikanist und lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Trump und sein anti-interventionistischer Kurs des America First sind weit entfernt vom alten Partei-Establishment und der neokonservativen Politik, etwa eines George W. Bush. Inwieweit haben die Evangelikalen auch dazu beigetragen, diese Entwicklung der Partei zu befördern?

Das ist eine interessante Frage. „America First“ war für die Agenda der Evangelikalen zuletzt eigentlich nicht zentral. Es ging eher um die klassischen Themen des Kulturkampfes, um Abtreibung, Waffen, Schulbücher und die nationale Erinnerungspolitik. Historisch betrachtet gibt es aber schon Parallelen zwischen „America First“ und rechtsgerichtetem Christentum – nicht nur bei Protestanten, sondern auch bei Katholiken. „America First“ ist ja kein Begriff von Trump, sondern ein Schlagwort aus dem Isolationismus aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Es gab damals das „America First Committee“ – eine Ansammlung von nationalistisch-isolationistischen Kräften, die teilweise offen mit Hitler sympathisierten und stark antisemitisch waren. Zu ihnen gehörten Evangelikale, aber auch der als „Radio Priest“ bekannt Father Charles Coughlin, ein Medienstar der damaligen Zeit. Er erreichte 40 Millionen Hörer pro Woche – die größte Radiohörerschaft der damaligen Zeit weltweit. 

In den letzten Jahren war der Sieger der Vorwahlen der Republikaner in Iowa oft nicht der spätere Kandidat der Partei. Wird das auch in diesem Jahr so sein?

In diesem Jahr liegt Trump deutlich vorn, in Iowa und im Rest des Landes. In den nationalen Umfragen kommt er unter Republikanern momentan sogar auf über 60 Prozent. Iowa liegt hier im Trend. Natürlich ist es theoretisch denkbar, dass Trump doch noch seine Gerichtsverfahren einen Strich durch die Rechnung machen werden. Aber ich halte das für äußerst unwahrscheinlich.

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