Kurz vor dem Konklave des Jahres 2025 im „Red Room“, dem roten Salon des Päpstlichen Nordamerikanischen Kollegs auf dem Gianicolo-Hügel in Rom: Die US-Kardinäle halten „ihr“ kleines Vorkonklave ab. Und bei gemeinsamen Mahlzeiten und langen Gesprächen kommt es schließlich zu einer „pax americana“, wie der Autor und Journalist Massimo Franco schreibt. Mit seinen 71 Jahren gehört Franco zu den bekanntesten und einflussreichsten Stimmen in der italienischen Medienlandschaft.
Er schreibt für den „Corriere della Sera“, ist aber in den Gesprächsrunden aller Fernsehsender als Experte zu sehen: in Sachen Geopolitik und Innenleben des Vatikans. Sein soeben erschienenes Buch „Papi, Dollari e Guerre“ (Päpste, Dollars und Kriege) über die lange Geschichte der Beziehungen zwischen den US-Administrationen und den Päpsten bis zu Leo XIV. zeichnet im einleitenden Kapitel genau nach, was in jenem fünfstöckigen Bau in den Tagen nach dem Tod von Franziskus geschah.
Während die europäischen Beobachter und Berichterstatter noch auf einen Europäer oder gar Italiener als Nachfolger des Argentiniers Bergoglio tippen, sehen die Kardinäle aus den Vereinigten Staaten die „amerikanische Stunde“ nahen. Voraussetzung ist, dass die Fraktion der US-Kardinäle, die als völlig gespalten und zerstritten gilt, zu einer neuen Einheit zusammenfindet. Und das Wunder geschieht.
Wie die „amerikanische Stunde“ schlug
Erstaunlich ist, dass ausgerechnet zwei Kardinäle an jenen Sitzungen im „Red Room“ nicht teilgenommen haben, die man dort erwartet hätte: Kardinal Robert Prevost, der bald Papst sein wird. Der Bischofspräfekt ist in seiner Wohnung im Palazzo des Glaubensdikasteriums ge-blieben und nimmt nicht an den Zusammenkünften im Nordamerikanischen Kolleg teil. Und Kardinal Raymond Burke, der seine Wohnung in der Via Rusticucci ebenfalls nicht mit einem Zimmer in dem massigen, weißen Bau auf dem Gianicolo tauschen will. Dafür, auch das weiß Franco zu berichten, kommen beide in Burkes Wohnung zu einer langen Mahlzeit zusammen – der als „moderat“ geltende Prevost und der erzkonservative Burke, einer der gewichtigsten Kritiker von Papst Franziskus.
Hätten sich die konservativen US-Kardinäle auf „ihren“ Kandidaten geeinigt, wäre das vielleicht Kardinal Timothy Dolan geworden, der Erzbischof von New York. Aber dem immerhin schon 75-Jährigen schadet zudem seine Nähe zu Donald Trump. Dolan ist bei den Gesprächen im „Red Room“ dabei, neben weiteren sieben Papstwählern: Blaise Cupich aus Chicago, Daniel Di Nardo, der Erzbischof im texanischen Houston war, sodann Wilton Gregory, emeritierter Erzbischof von Washington, und dessen Nachfolger Robert McElroy. Hinzu kommen Joseph Tobin aus Newark sowie zwei in Rom „stationierte“ Amerikaner, Kevin Farrell als Camerlengo der Kurie und James Harvey, Erzpriester der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Und zwei weitere Kardinäle kamen hinzu: der Kanadier Gérald Lacroix, Erzbischof von Quebec, und der Franzose Christoph Pierre, Apostolischer Nuntius in den Vereinigten Staaten.
Als diese Gruppe ins Konklave einzog, hatte sie einen gemeinsamen Kandidaten, der aufgrund seiner vielfältigen Eigenschaften – Mathematiker und Kirchenrechtler, Missionar und Ortsbischof, Welterfahrung als Generalprior der Augustiner und Kurienerfahrung als Präfekt des Bischofsdikasteriums – auch schnell anderen zu vermitteln war, als sich bald abzeichnete, dass es für Europäer wie den Ungarn Peter Erdö und vor allem für Italiener wie Pietro Parolin, Matteo Zuppi oder Pierbattista Pizzaballa nicht reichte. Dass fünf „Liberale“ und fünf „Traditionalisten“ am Ende doch zusammengefunden haben, erklärt Franco mit den langen und intensiven Gesprächen in der familiären Atmosphäre des Nordamerikanischen Kollegs, in der sich die Spannungen lösten und Gegensätze allmählich überwunden wurden.
Die neu gefundene Einheit unter den amerikanischen Kardinälen brachte einen Papst hervor, der von Anfang an, ab seinem ersten Auftritt auf der Loggia des Petersdoms genau vor einem Jahr, die neu zu findende Einheit der Kirche zum Programm erhob. In seiner ersten Botschaft „Urbi et orbi“ am Abend des 8. Mai dankte er den Papstwählern, „die mich zum Nachfolger Petri gewählt haben, damit wir zusammen als geeinte Kirche unterwegs sind, stets auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit, stets darauf bedacht, als Männer und Frauen zu arbeiten, die Jesus Christus treu sind, ohne Furcht, um das Evangelium zu verkünden, um Missionare zu sein“. Und sein christozentrischer Wappenspruch, „In illo uno unum“ (In dem Einen sind wir eins) spricht Bände. Die Einheit ist bei Papst Leo nicht kirchenpolitisch oder strategisch gedacht, sondern in seiner Spiritualität verwurzelt. Auch dazu weiß man seit dieser Woche mehr.
Pralle 350 Seiten mit O-Ton Robert Prevosts
Denn pünktlich zum ersten Jahrestag der Wahl von Leo XIV. haben der Augustinerorden und die vatikanische Verlagsanstalt im Verlag Solferino ein Buch herausgegeben, das Schriften, Ansprachen und Predigten von Robert Prevost in der Zeit von 2001 bis 2013 vereint, als er Generaloberer der Augustiner war. Das Buch ist deshalb interessant, weil es zum ersten Mal auf 350 Seiten geballt O-Ton des heutigen Papstes wiedergibt, was man etwa von den Ansprachen bei der Generalaudienz oder während seiner Reisen wie der nach Afrika nicht sagen kann. Da sind die Redenschreiber des Papstes am Werk. Aber das mit dem Titel „Liberi sotto la Grazia“ (Frei unter Gnade) erschienene Buch zeigt die ureigensten Gedanken des Ordensmanns auf – aus einer Periode seines Lebens, in der es einen Papst Franziskus noch nicht gab, den die „Ghostwriter“ Leos gerne in dessen päpstlichen Ansprachen zitieren.
Ein immer wiederkehrendes Thema des jungen Generaloberen betrifft die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft zwinge dazu, aus sich selbst herauszutreten. Sie sei also kein Ort der Zuflucht. In einem der Texte Prevosts ist zu lesen, dass die augustinische Identität „nicht auf Einheitlichkeit, sondern auf Einheit in der Vielfalt beruht“. Der Orden, den er leitete, war schon damals ein Mosaik aus Sprachen, Kulturen und Situationen, die sich nicht auf ein einziges Modell reduzieren lassen: Berufungen, die in Afrika und Asien wachsen, europäische Provinzen in der Krise, lateinamerikanische Gemeinschaften im Umbruch. Für Prevost ist diese Vielfalt kein Umstand, den es zu normalisieren gilt, sondern gerade die wirkliche Gestalt der Kirche in der Welt, heute mehr denn je. Einheitlichkeit führt nur zu Konformismus. Auf diesen Seiten finden wir also eine Bestätigung für eine der grundlegenden Prioritäten seines Pontifikats: Einheit in der Vielfalt.
Franziskus hatte dies als Harmonie der notwendigen Unterschiede formuliert. Prevost sieht in dieser harmonischen Einheit die Prophezeiung für polarisierte Zeiten: „Eine der größten Herausforderungen besteht darin, Wege zu finden, das Evangelium inmitten von Misstrauen, Spaltung, Hass und Gewalt zu verkünden“, schreibt er. Und deshalb ziehen sich durch die Seiten des Buchs kritische Töne gegenüber jeder Form der Verschlossenheit: das Kloster als Zufluchtsort, die Struktur als Garantie, die Identität als Besitz. Ein Tenor dieser Texte: in der Zeit zu stehen, ohne sich von ihr definieren zu lassen. Aber Prevost forderte seine Brüder auch dazu auf, „nach der Erfindung des Personalcomputers nicht weiterhin Schreibmaschinen herzustellen“.
Eine ausführliche Besprechung der Inhalte des Buchs folgt.
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