Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Papst in Ungarn

Franziskanische Friedensmission

In Ungarn versucht der Papst neuerlich einen Brückenschlag nach Moskau, mahnt zum Frieden und konkretisiert seinen Traum von Europa.
Ungarn Besuch von Papst Franziskus
Foto: Andrew Medichini (AP) | Papst Franziskus kommt im Papamobil zu einer Heilige Messe auf Kossuth-Lajos-Platz.

Der Himmel schien strahlend blau, als der Heilige Vater aus seinem weißen Toyota vor dem Sandor-Palast auf dem Schlossberg im Stadtteil Buda ausstieg. Genau 150 Jahre sind es her, dass die zuvor selbständigen Städte Buda, Óbuda und Pest zum prächtigen Budapest vereinigt wurden, „Perle der Donau“ und Hauptstadt des ungarischen Teils der Habsburger Doppelmonarchie. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Matthiaskirche. Hier wurde der letzte Herrscher von Österreich-Ungarn, der selige Kaiser Karl, mit der altehrwürdigen Stephanskrone zum König von Ungarn gekrönt. Die Uniformen der Husaren glänzen auch heute in der Sonne, als sie zu Ehren des Nachfolgers Petri vor dem Sitz des ungarischen Staatsoberhauptes salutieren.

Der Heilige Vater geht mühsam, aber aufrecht. Das Bild eines Mannes, der die Last der Welt auf den Schultern trägt. Ja, sein Besuch in Ungarn dient auch dem Zweck, den Frieden zwischen Russland und der Ukraine in greifbare Nähe zu rücken. Während der kommenden drei Tage wird Franziskus nicht aufhören, eindringlich um Frieden und Offenheit zu bitten – zwischen den Nationen, in der Gesellschaft, in der Kirche, in den Herzen der Menschen.

Ungarns Staatspräsidentin heitert den Papst auf

Das Gesicht des Papstes heiterte sich sichtbar auf, als er von Ungarns junger Staatspräsidentin Katalin Novák begrüßt wurde. Die erste weibliche Präsidentin des Landes ist reformierte Christin und macht keinen Hehl aus ihrer Bewunderung für Franziskus. Im Einsatz ihres Landes für die Verteidigung von Ehe und Familie, der Würde des menschlichen Lebens und der verfolgten Christen weiß sie sich vom Heiligen Vater unterstützt. „Wir sind Verbündete!“, lächelte sie bei ihrer Begrüßungsrede dem Heiligen Vater zu. Für die Gesellschaftspolitik Ungarns hatte Franziskus dann bei seiner Ansprache an die versammelten Vertreter der Regierung und der Zivilgesellschaft auch viel Lob übrig. Er warnte erneut vor einer „ideologischen Kolonisierung“ Europas durch die Gender-Kultur und die Vorkämpfer eines „sinnwidrigen Rechts auf Abtreibung“.

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Die Regierungsvertreter des Landes, gegen das die EU-Kommission wegen eines Gesetzes zum Verbot von LGBT-Propaganda in Schulprogrammen Anklage erhoben hat, durften sich von Franziskus‘ Vision der Europäischen Union bestätigt sehen: Der Papst wünscht Europa als „ein Ganzes, das die Teile nicht plattdrückt, und Teile, die sich gut in das Ganze integriert fühlen, dabei aber ihre Identität bewahren“. Es sei, so mahnte Franziskus, „wesentlich, die europäische Seele wiederzuentdecken: die Begeisterung und den Traum der Gründerväter“. Das Europa, vom dem der Papst aus Argentinien träumt, ist „keine Geisel der Parteien“ und wird nicht „zum Opfer autoreferentieller Populismen“, aber es wird auch nicht „zu einer Art abstrakter Überstaatlichkeit, die das Leben der Völker vergisst“. Es ist vielmehr „ein Europa, in dem die verschiedenen Nationen eine Familie sind, in der das Wachstum und die Einzigartigkeit eines jeden bewahrtwerden“. Könnten sich Budapest und Brüssel in ihrem schwierig gewordenen Dialog vielleicht vom Nachfolger Petri inspirieren lassen?

Ungarns erster König Stephan der Heilige habe seinem Sohn geraten, „Fremde wohlwollend aufnehmen und in Ehren zu halten“, zitierte der Heilige Vater. Neben Kritik an der ungarischen Haltung in der globalen Flüchtlingskrise schwang in diesen Worten auch eine Würdigung der großen Anstrengungen der Nation seit Kriegsbeginn mit: 1,5 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine fanden bisher in dem Land Zuflucht, das selbst knapp zehn Millionen Einwohner zählt.

Diskrete Unterredungen

Die Sehnsucht nach Frieden zog sich als roter Faden durch die Wortmeldungen des Heiligen Vaters. Mit deutlichen Worten geißelte er die internationale Politik, die eher die Gemüter zu erhitzen als Probleme zu lösen scheine und sich in eine Art „kriegerischen Infantilismus“ zurückentwickelt habe. „Wo sind die kreativen Anstrengungen für den Frieden?“, fragte er mit Blick auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Kurz vor dem Papstbesuch hatte der Botschafter Ungarns am Heiligen Stuhl, Eduard von Habsburg, daran erinnert, dass Ungarn und der Vatikan die zwei Stimmen in Europa seien, „die sich mit Nachdruck für den Frieden, für einen sofortigen Waffenstillstand und für Friedensverhandlungen einsetzen“. In der Vergangenheit hatte Viktor Orbán Sanktionen gegen Russland kritisiert und sich immer wieder gegen Waffenlieferungen des Westens an die Ukraine ausgesprochen. Ungarn hängt nach wie vor stark von russischen Energielieferungen ab. Gleichzeitig wurde in der Vorwoche bekannt, dass Ungarn seit Monaten diskret den eigenen Luftraum und Flugplätze für die Lieferung von Rüstungsgütern an die Ukraine zur Verfügung stellt.

Die diskreten Unterredungen mit Regierungschef Viktor Orbán und Staatspräsidentin Katalin Novák dürfte der Heilige Vater genutzt haben, um Unterstützung für seine Friedensbemühungen einzuwerben. „Bei seinem Besuch in Ungarn hat Papst Franziskus mich gebeten, Botschafter des Friedens zu sein und alles zu tun, was ich kann, um so schnell wie möglich einen gerechten Frieden zu erreichen“, twitterte Novák. Am Rande seines Besuchs traf Papst Franziskus in der Budapester Nuntiatur auch Metropolit Hilarion Alfejew zu einer 20minütigen Unterredung. Hilarion war von 2009 bis zum Frühsommer 2022 Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, gilt als einer der Regisseure der Begegnung von Franziskus mit Patriarch Kyrill 2016 in Havanna und ging im Vatikan regelmäßig ein und aus.

Er sei ein „intelligenter Mensch, mit dem man reden kann“, bescheinigte Franziskus dem hochrangigen Repräsentanten der russischen Orthodoxie während der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückweg nach Rom. Dort ließ der Papst auch durchblicken, dass es bei seinen vertraulichen Gesprächen mit Metropolit Hilarion und Ministerpräsident Orbán um Friedensverhandlungen gegangen ist. Eine diesbezügliche „Mission“ sei im Gange, die jedoch noch nicht öffentlich sei. „Ich bin bereit, alles zu tun, was getan werden muss“, so der Heilige Vater.

Tabernakel statt Computer

Bei der Begegnung mit den Bischöfen und Vertretern des Klerus sowie pastoralen Mitarbeitern benannte Franziskus den Teufel als die Ursache von Spaltung, Unfrieden und Entzweiung und bat die Kirche um ein Zeugnis der Einheit: „Lasst uns menschliche Spaltungen überwinden, um gemeinsam im Weinberg des Herrn zu arbeiten!“ Im Anschluss an die Zeugnisse eines römisch-katholischen und eines griechisch-katholischen, verheirateten Priesters, einer jungen Ordensfrau und der landesweit Verantwortlichen für die Katechese warb Franziskus für eine aktive Zusammenarbeit zwischen Priestern, Katecheten, pastoralen Mitarbeitern und Lehrern. „Ihr seid bereits auf diesem Weg – bitte, hört nicht damit auf“, appellierte er an sein Publikum, das nicht nur die altehrwürdige Stephansbasilika, sondern auch den Vorplatz bis zum letzten Platz füllte. Hirten und Laien sollten sich mitverantwortlich fühlen, „zuallererst im Gebet, denn die Antworten kommen vom Herrn und nicht von der Welt, vom Tabernakel und nicht vom Computer“.

Wer einen Rüffel für den als konservativ geltenden ungarischen Klerus, der großteils in Soutane erschienen war, erwartet hatte, wurde enttäuscht. Stattdessen warnte der Heilige Vater vor der „Verweltlichung“ als „das Schlimmste, was der Kirche passieren kann“. Explizit machte er sich den Ruf seines Vorgängers Benedikt XVI. nach einer Entweltlichung der Kirche zu eigen. Im Gedenken an die Märtyrer und Bekenner aus der Zeit des Kommunismus appellierte Franziskus an den „felsenfesten Glauben“ der Ungarn und rief dazu auf, Frauen und Männer des Gebets zu sein, „denn davon hängen die Geschichte und die Zukunft ab“. Dabei zitierte er Kardinal József Mindszenty, die bedeutendste ungarische Figur des katholischen Widerstands gegen den Kommunismus, dessen Seligsprechungsprozess im Gange ist: „Solange eine Million Ungarn beten, habe ich keine Angst vor der Zukunft.“

Die betenden Massen Ungarns erlebte der Papst bei der Sonntagsmesse auf dem Lajos-Kossuth-Platz, neben dem ungarischen Parlament. Nicht nur Zehntausende Katholiken lauschten der päpstlichen Predigt über die Rolle des Guten Hirten; auch Vertreter der anderen kirchlichen Gemeinschaften, des Judentums und der Staatsspitze hatten sich eingefunden. An sie alle appellierte Franziskus in Budapest, sich „niemals entmutigen“, sondern von Christus begleiten zu lassen: „Mit ihm mögen unser Leben, unsere Familien, unsere christlichen Gemeinschaften und ganz Ungarn in neuem Glanz erstrahlen.“

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