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Pater Gabriel Hüger: Die Menschen hungern nach Segen

Der Glaube an die Wirksamkeit von Segnungen sei geringer geworden - gleichzeitig sehnen sich die Menschen nach der Zuwendung Gottes, sagt Pater Gabriel Hüger.
Pater Gabriel Hüger warnt vor den Einflüssen der Esoterik, und bekräftigt die Kraft, die den Sakramenten innewohnt.
| Pater Gabriel Hüger warnt vor den Einflüssen der Esoterik, und bekräftigt die Kraft, die den Sakramenten innewohnt.

Pater Hüger, viele Pfarren in Deutschland klagen darüber, dass sie keine jungen Leute bei ihnen in den Kirchenbänken sehen. In den Pfarreien, die von Ihrer Gemeinschaft betreut werden, ist das ganz anders. Was ist Ihr Geheimnis? 

Wir versuchen volksnah zu sein. Wir predigen nicht hochtheologisch, sondern so, dass die Menschen es verstehen.  Wir bemühen uns, auf ihre Nöte einzugehen, zum Beispiel durch Segnungen, die gern angenommen werden. Mit den Sakramenten haben manche noch Probleme, aber für Segnungen sind sie offen. Da gibt es sehr viel: den Muttersegen, den Maurussegen, den Segen mit der Kreuzreliquie. Natürlich segnen wir auch Häuser, Ställe, die Tiere und die Gegenstände, die die Menschen zu uns bringen. Da gibt es ein großes Potenzial und die Menschen hungern danach. Dafür sind wir da. Wir sollen Segenspender sein, den Segen Gottes weitergeben.

In den meisten Pfarren gibt es vielleicht einmal im Jahr den Blasiussegen, das war es dann auch schon. Was glauben Sie, warum ist die Kirche vielerorts davon abgekommen, diese Hilfsmittel zu nutzen?

Wir haben durch die Entmythologisierung der Bibel die ganzen Wunder rausgestrichen und damit auch den Glauben an die Wunder. Die Frage ist, glauben wir noch, dass Gott Wunder wirken kann? Glauben wir daran, dass der Segen eines Priesters wirklich etwas bewirkt? Oder denken wir, dass der Segen eine rein psychologische Zuwendung ist? Segnungen sind aber keine Magie. Man übergibt sich dem Segen Gottes und er weiß dann, was das Beste für mich ist. Wie Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal Ratzinger schon geschrieben hat, die Krise in der Kirche ist eine Glaubenskrise. Und deswegen ist hier dieser kindliche Glaube gefragt. 

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In vielen Klöstern werden Yoga, Reiki und Co. angeboten. Aber zu Ihnen kommen unter anderem Menschen, die Esoterik praktiziert haben und nun davon loskommen wollen. Warum?

Magie ist das Verlangen von Menschen, Macht auszuüben, über das eigene Leben oder das anderer Menschen. Dabei werden leider oft negative Kräfte frei, weil es eben nicht der Wille Gottes ist. Das kann sich dann in psychischen Problemen wie Depressionen, Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Suizidgedanken zeigen. Das Gegenteil davon ist, das eigene Leben Gott zu übergeben. Wenn wir uns Gott hingeben, dann kommt der Segen in Fülle, ohne negative Nebenerscheinungen. Auffällig ist auch, dass Esoterik eine sehr kostspielige Sache ist. Ich habe mal Personen gefragt, was sie mit dem Geld hätten machen können, dass sie dafür ausgegeben haben. Einer sagte, er hätte sich davon ein Haus kaufen können, eine andere ein Auto. 

Wie reagieren Menschen, die von der Esoterik freigekommen sind, darauf, wenn christliche Häuser esoterische Programme anbieten?

Die gehen einfach nicht mehr hin. Auch Kardinal Cordes hat das aufgegriffen und gesagt, dass es einfach nicht geht, dass katholische Bildungshäuser solche Programme anbieten.

Wie würden Sie die Spiritualität Ihrer Gemeinschaft beschreiben?

Sie orientiert sich am Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Uns wird die Barmherzigkeit Gottes durch Jesus geschenkt, durch die heiligen Sakramente, durch das Wort Gottes und durch das Gebet. Dann sind wir aber auch aufgerufen, barmherzig zu sein: Wie es in einem Gebet von Schwester Faustina Kowalska heißt, sollen unsere Augen, Ohren, Mund, Hände, Füße und unser Herz barmherzig sein.

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Man erkennt Sie von fern an der grünen Schnur, dem Cingulum, das Sie tragen. Was hat es damit auf sich? 

Zum Cingulum gehört auch das Kreuz dazu. Das Cingulum ist grün, als Zeichen der Hoffnung. Daran befinden sich vier Knoten. Sie sind Hinweise auf unseren Stand des gottgeweihten Lebens und die vier Gelübde, die wir ablegen: Armut, Gehorsam, Keuschheit und die Treue zur Kirche. Das tun wir in Jesus Christus, der unsere Hoffnung ist. Kein noch so guter Bischof oder irgendein anderer Mensch kann unsere Hoffnung sein – nur Jesus.

Ihre Gemeinschaft bezeichnet sich als marianisch. Wie äußert sich das?

Zuerst zeigt es sich in unserem Namen, der sehr lang ist: Brüder Samariter der Flamme der Liebe des unbefleckten Herzens Mariens. Und es zeigt sich in der gelebten Marienweihe. Wir leben nach dem Motto von Papst Johannes Paul II: „Totus tuus – Ganz dein“. Wir möchten an der Hand Mariens Jesus nachfolgen und ihn in die Welt hineintragen. 

Warum sind Sie Priester geworden?

Man ist von Ewigkeit berufen oder nicht. Es fragt sich dann nur, wann man diesen Ruf entdeckt. Für mich war es leichter, weil ich in einer gläubigen Familie aufgewachsen bin. Bei Exerzitien habe ich meine Berufung konkret durch die Wandlungsworte entdeckt: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Diese Worte haben in mir den Wunsch ausgelöst, Priester zu werden. Zuerst einmal, um die heilige Messe feiern zu können, in der Jesus dieses Opfer bringt. Dann aber auch, um diese Wandlungsworte selbst zu leben, also sich selbst mit Jesus für die Menschen hinzugeben. 

Im Umgang mit Protestanten merkt man immer wieder, dass Katholiken sehr bibellesefaul sind. Aber Sie versuchen, das zu ändern. Wie machen Sie das?

Unser Gründer hat das Buch „Die große Novene“ geschrieben. Darin gibt es ein Wort Gottes für jeden Tag inklusive Erklärungen. Die Novene dauert neun Jahre. Wir waren mit der großen Novene zwanzig Jahre in Österreich, Polen und Deutschland unterwegs. Kardinal Schönborn hat oft betont, das habe seine Diözese für uns geöffnet – also die Verbreitung des Wortes Gottes. Seit einigen Jahren vertiefen wir auch die Lectio Divina. Die Kirche ermutigt immer wieder dazu, diese altbekannte Form der Bibellesung zu pflegen. Und so nutzen wir jetzt diese Methode, um den Menschen die Freude am täglichen Bibellesen zu schenken. 

Wie sieht das konkret aus? 

Ich beginne damit, den Menschen das Tagesevangelium zu empfehlen. Dafür kann man den Schott oder auch eine App nutzen. Darin gibt es auch kleine Kommentare zum Bibeltext, der uns hilft, ihn besser zu verstehen und dann kann man den Bibeltext einfach auf sich wirken zu lassen.

Wie wird das von den Menschen angenommen? Verändern sie sich dadurch?

Ein Beispiel: Ein junges Mädchen liest mit ihrem Freund, beide 15 Jahre alt, täglich das Evangelium. Nach einiger Zeit rührt sich in dem Jungen die Sehnsucht, sich taufen zu lassen. Sein Pfarrer hat ihm den Wunsch recht rasch erfüllen können, weil er bereits jeden Sonntag in die Kirche kam und schon ein Glaubensleben geführt hat. Jungen Leuten, die noch nach einer Art und Weise des Gebets suchen, sagt das sehr zu. Das Evangelium lesen, auf sich wirken lassen und miteinander teilen. Von der Muttergottes heißt es immer wieder, dass sie alles in ihrem Herz bewahrte und darüber nachdachte. Sie kann uns darin ein Vorbild sein. 

Was war Ihr erstaunlichstes oder eindrücklichstes Erlebnis, dass Sie in der Seelsorge erfahren durften?

Die Kraft der heiligen Sakramente. Gott wirkt wirklich durch die Sakramente. Zum Beispiel die Krankensalbung. Menschen, die im Sterben liegen, werden noch einmal wirklich aufgerichtet. Und manche wurden sogar unerklärlicherweise geheilt. Aber es ist wichtig festzuhalten: Es bleibt Gott überlassen, wie und was er wirkt.  Die Beichte oder allgemein gesprochen, die Vergebung gehört auch dazu. Professor Helmut Renner, derlange Chefarzt der Abteilung Strahlentherapie und Leiter der Klinik für Radio-Onkologie in Nürnberg war, hat das auf eine kurze Formel gebracht: „Vergeben ist gleich gesund sein“. Natürlich ist das nur ein Faktor bei Erkrankungen, aber Unvergebenheit ist mindestens ein Mitfaktor für den Auslöser oder die Verstärkung von Krankheiten. 

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Die Kirche in Deutschland ist einer neuerlichen Spaltung so nah, wie schon lange nicht mehr. Spüren Sie etwas davon in Ihrer alltäglichen Seelsorgearbeit?

Es beunruhigt und verunsichert die Leute sehr wohl. Aber in der persönlichen Seelsorge bekommen wir das nicht so mit, weil die Menschen einfach den normalen katholischen Glauben suchen und bei uns auch finden. 

Nicht nur in deutschen Diasporagegenden ist es schwer, Anbetungsgelegenheiten zu finden. Sie bieten Anbetung jede Woche an. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Die Liebe drängt zum Einswerden. In der Ehe genügt es auch nicht, wenn man sich nur ab und zu sieht. Man will auch länger Zeit miteinander verbringen, sich miteinander austauschen, um sich besser verstehen zu können. Genauso ist es auch mit Jesus. Es genügt nicht nur zu sagen: „Ich glaube an Jesus und das reicht mir.“ Nein, ich will mehr eins werden mit meinem Bräutigam der Seele. Ich will bei ihm sein. Bei Ihm verweilen. Und deswegen ist die Anbetung so wichtig.

Was würden Sie denen gern mit auf den Weg geben, die über fehlenden Nachwuchs oder leere Kirchen klagen?

Vielleicht wäre es eine Hilfe, das altbewährte Pilgern wieder aufzunehmen. Wenn man pilgert, merkt man, dass man als Christ nicht allein ist. Man findet Menschen, die an Jesus glauben. Vielleicht nimmt man den Pfarrer mit, der entdeckt womöglich auch neue Dimensionen im Glaubensleben. Die kann er dann bei sich in der Pfarre einführen. Das könnte das kirchliche Leben wieder neu aufleben lassen.


Pater Gabriel Hüger ist der Obere der Brüder Samariter FLUHM (Flamme der Liebe des Unbefleckten Herzens Mariens). Die Gemeinschaft wirkt in Österreich in den Erzdiözesen Wien und Salzburg, wo sie mehrere Pfarreien betreut.

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