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Cordes' geistliches Testament: „Gott ist es, der unser Leben führt"

Den Mitmenschen zum Glaubensboten werden: Im Wortlaut das geistliche Testament des verstorbenen Kardinals Paul Josef Cordes.
Der verstorbene Kurienkardinal Paul Josef Cordes
Foto: KNA | "Ein Glaubens-Rückblick auf meine Geschichte überzeugt mich, dass nicht Zufälligkeiten oder mein eigener Zugriff sie bestimmt hätten", schreibt Cordes in seinem geistlichen Testament.

Am Abend meines Lebens bewegt mich erneut der kirchliche Auftrag, in einer Welt wachsender „Gott-Vergessenheit“ (Benedikt XVI.) Gottes Handeln im Gang der Dinge auszumachen, es festzuhalten und dankend zu bekunden.  Fraglos gilt gerade heute die Weisung des Psalmisten, „von den Wegen des Herrn zu singen; denn groß ist die Herrlichkeit des Herrn“ (Ps 138,5).

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Schon meine ersten Lebensjahre lassen Seine wohlwollende Hand erkennen: die Eltern und meine Schwester, die Priester am Ort, Gottesdienste und das Pfarrleben, Lehrer, Unterricht und Studium, dörfliche Feste, Fußball und Laienspiel – all dieser Personen und Umstände bediente Er sich, damit mein Körper, mein Geist und das Vertrauen in Seine Vatergüte wüchsen.

Kontemplative Berufungen fördern

Dass Er bestimmenden Einfluss nahm auf meine Biographie, wurde unbestreitbar, als man mir vom Gebet einer Ordensfrau erzählte: Die Olper Franziskanerin Sr. Candida hatte Gott über Jahre hin vorgetragen, Er möge mich zum Weihesakrament führen; sie hatte ganz allein auf Ihn gesetzt, ohne mich zu beeinflussen oder mich auch nur anzusprechen. Meine anfängliche innere Ablehnung wurde von ihr einfach weggebetet. Zeit meines Lebens erinnerte mich diese Ordensfrau daran, dass es Gott ist, der unser Leben führt. Ferner belegt sie den Rang, den kontemplative Berufungen für die Sendung der Kirche hat, und sie wurde mir Motiv, diese immer zu fördern.

Neben Sr. Candida prägten meinen geistlichen Weg: Johannes Bieker, Direktor des Leoninum/Paderborn; Philippe Pamart, ein französischer Priester; eine kurze Probezeit bei den Kleinen Brüdern Charles de Foucaulds in Saint Rémy/Mombard und Heinrich Batton, unser Paderborner Subregens. Sie alle ließen mich die gewinnende Gottes-Nähe erahnen und geleiteten mich. Am 21. Dezember 1961 wurde ich zum Priester geweiht.

Das von Sr. Candida für mich erbetete Priesteramt bestimmte dann die Anfangs-Phase meines Seelsorgedienstes auf unerwartete Weise. Meine erste Ernennung berief mich nicht in eine Gemeinde, sondern zum Zweiten Vikar des Studienheims St. Klemens, Bad Driburg (Diözesanes Institut für sog. Spätberufene); es folgte 1968: Präfekt im Erzbischöflichen Theologen-Konvikt Paderborn; schließlich eine theologische Promotion zum Ordo-Sakrament. Überraschend ergaben sich weitere Stationen: Mitarbeit im Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz und 1976 Bischofsweihe in Paderborn. Beim mehrtägigen Besuch der Polnischen Bischofskonferenz in Deutschland 1978 fiel es mir zu, Kardinal Wojtyla/Krakau im Auto zu begleiten. Als dieser dann bald darauf zum Papst gewählt wurde, holte er mich nach Rom.

Eifer für das Evangelium

Dort landete ich im vatikanischen „Rat für die Laien“. Ich stieß auf die neuen „Geistlichen Bewegungen“ und lernte ihre Initiatoren persönlich kennen; Ringen um das eigene Heil und ihr Eifer für das Evangelium hatten sie berührt und waren ihnen anzumerken. Sie wurden mir zu Zeugen des Heiles, das von Gott kommt. Sich auf sie einzulassen, brachte mich gelegentlich außer Atem. Doch ihre Weggemeinschaft war eine Gnade; ihr Werden und Wirken gibt in der Kirche vielen Hoffnung. Sie setzen glaubend und doch lebensnah auf Gottes Wort, wie es die Kirche deutet; auf ehrfürchtige und gewinnende Liturgie; auf authentisches Christsein und die heute so begehrte tragende Lebens-Gemeinschaft. Ihr Aufkommen bekundet, dass Gott im fortlebenden Christus weiter tätig ist; dass Er heute immer noch Heiligkeit weckt.  
            

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Auf diese Weise beschenkt und herausgefordert, bemühte ich mich, meinen Mitmenschen gleichfalls zum Glaubensboten zu werden. Die Wahrheit des Evangeliums sowie die Gemeinschaft der Kirche gaben mir das verlässliche Geleit mit ihrer doppelten Verpflichtung zur Gottes- und Nächstenliebe. Und zunehmend erstaunte, ja ergriff mich, dass der Allmächtige in seinem Sohn von uns wirklich geliebt werden will – alldieweil wir doch schon menschliche Liebe als das Beglückendste und Erschütterndste überhaupt erleben. 
       
1995 ernannte mich Johannes Paul II. zum Präsidenten von Cor unum, dem vatikanischen Dikasterium zur Koordination der kirchlichen Hilfswerke. Unausweichlich trat mir entgegen, wie der erste Teil des göttlichen Hauptgebotes, die Gottesliebe, an Beachtung eingebüßt hatte – im organisierten Liebestun wie im Christsein überhaupt. Wohl sind Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung heute dringlich zu fördern; wohl verschafft es der Kirche größere Glaubwürdigkeit, sich für diese Aufgaben-Felder zu engagieren. Ich war jedoch sicher, dass solche Ziele niemals das Typische und Spezifische des kirchlichen Auftrags verdeckten oder vielleicht ersetzen können; dass sie inzwischen ohnehin zahlreiche gesellschaftliche Advokaten haben.

Sich nicht ans Irdisch-Diesseitige ausliefern

Gottes Wort selbst warnt die Christen, sich ans Irdisch-Diesseitige auszuliefern. Der Apostel Paulus tritt den Korinthern mit scharfer Kritik entgegen, weil sie mit Säkular-Greifbares begnügen. Die Botschaft von Christi Auferstehung und das ewige Leben würde sie nicht mehr bestimmen: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15,19). Das Oster-Halleluja ist darum in der kirchlichen Verkündigung durch nichts zu übertönen oder gar zu kompensieren. 

Ein Glaubens-Rückblick auf meine Geschichte überzeugt mich, dass nicht Zufälligkeiten oder mein eigener Zugriff sie bestimmt hätten. Bei mir lag der persönliche Anteil lediglich in kleingläubigem Vertrauensmangel und schuldhafter Eigensucht. Andererseits durfte ich erleben: Gott ist, und Er ist für mich, Er ist für uns da (so Julius Kardinal Döpfner am 21. 11. 1973).  Diese Gewissheit möchte ich meinen Weggenossen in der Abschiedsstunde hinterlassen. Es bleibt mir, sie um Verzeihung für die ihnen zugefügten Kränkungen und um ihr Gebet zu bitten, damit ich die ewige Glückseligkeit in Gottes dreifaltigem Leben erlange.

Rom, Fest des Apostels Matthäus 2021

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