Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Jeder Messbesucher ist mit diesem Ausruf vertraut, denn er wird jedes Mal gesprochen, wenn der Priester eine Hostie über der Patene erhebt und zur Kommunion einlädt. An dieser prominenten Stelle interpretiert der Satz konzentriert die Eucharistie. Die Stelle aus dem Johannesevangelium zeigt, woher diese Worte stammen: „In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1, 29).
Was zunächst befremdlich klingen mag, entfaltet für Adressaten, die mit den Schriften und Traditionen Israels vertraut sind, eine enorme Bedeutung. So spielt in der Geschichte des Volkes Israel das Lamm im Zusammenhang mit dem Pessachfest eine entscheidende Rolle. Das Buch Exodus erzählt vom ersten Pessachfest, das mit der letzten Plage Gottes über die Ägypter in Verbindung gebracht wird. Damit der Pharao die Israeliten endlich ziehen lässt, kündigt Gott dem Mose eine zehnte und letzte Plage an: „Um Mitternacht will ich ausgehen und mitten durch Ägypten schreiten. Dann wird alle Erstgeburt im Land Ägypten sterben, von dem Erstgeborenen des Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Sklavin hinter der Handmühle, sowie alle Erstgeburt des Viehs“ (Ex 11, 4–5).
Jesu Opfer analog zum Opfer der Lämmer
Die Israeliten erhalten dazu den Auftrag, in ihren Familien ein Lamm zu schlachten und mit dem Blut des Lammes ihre Türpfosten zu bestreichen. Das Blut des geopferten Lammes bewirkt, dass der Todesengel an den Häusern der Israeliten vorübergeht. Das Blut des geopferten Lammes rettet infolgedessen die Erstgeborenen der Israeliten vor dem Tod, der über das Land Ägypten kommt.
Das Johannesevangelium leistet nun eine Übertragung dieses alttestamentlichen Rettungsmotivs auf Jesus, was vor allem am Zeitpunkt zu erkennen ist, an dem der Evangelist die Kreuzigung ansetzt. Diese findet nämlich parallel zur Schlachtung der Pessachlämmer im Tempel statt (Joh 19,14–24). Der Ausruf Johannes des Täufers lässt diese Verbindung in aller Deutlichkeit hervortreten: Jesu Opfer am Kreuz hat eine analoge Bedeutung wie das Opfer der Lämmer.
In der Osternachtsfeier wird innerhalb des Exsultet die christliche Weitung dieses Gedankens besungen. Auf den Erlöser Jesus wird verwiesen als den, der als „das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben“.
Dieses Verständnis von Jesu Tod und Auferstehung ist so zentral, dass es in jeder Messfeier eingebracht wird, bevor sich die Gläubigen im Sakrament mit diesem Mysterium verbinden.
Jesaja 49, 3.5–6
1 Korinther 1, 1–3
Johannes 1, 29–34
Zu den Lesungen des 2. Sonntags im
Jahreskreis 2026 (Lesejahr A)
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