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Treue zur Armut, Zeugnis bis in den Tod

Thomas von Tolentino verband die Treue zum Armutsideal des heiligen Franziskus mit missionarischem Eifer. Er besiegelte sein Zeugnis mit dem Martyrium in Indien.
Thomas von Tolentino
Foto: Ökumenisches Heiligenlexikon | Thomas von Tolentino war glühender Verfechter des Armutsideals vom heiligen Franziskus.

Franz von Assisi sammelte zu Beginn des 13. Jahrhunderts Menschen um sich, die seinem Ideal eines Lebens in evangelischer Armut nachfolgen wollten. Nach seinem Tod entbrannte bei den Franziskanern ein langer Streit darüber, wie das Armutsideal gelebt werden sollte. Besonders die Gruppe der „Spiritualen“ forderte eine radikale Form der Armut. Einige von ihnen rutschten in die Häresie ab, andere blieben der Kirche und dem Orden treu, mussten jedoch zeitweise Strafen und Ausgrenzung auf sich nehmen. Andere „Spirituale“ wurden in ferne Länder in die Mission gesandt, um Spaltungen im Orden zu vermeiden. Zu ihnen gehört der selige Thomas von Tolentino, der 1321 in Indien das Martyrium erlitt. Sein Gedenktag ist der 9. April.

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Thomas wurde um 1250/60 in Tolentino in den Marken unweit der italienischen Adriaküste geboren. Bereits in sehr jungen Jahren schloss er sich den Franziskanern an und wurde zum glühenden Verfechter eines radikalen Armutsideals, das im Gegensatz zur offiziellen Linie der Kirche stand. Diese hatte 1245 durch die Bulle „Ordinem vestrum“ die weltlichen Güter des Franziskanerordens zum Eigentum der Kirche erklärt, wodurch die Franziskaner zwar „pro forma“ arm blieben, ihr tatsächlicher Lebensstandard sich aber dem des Bürgertums annäherte. Dagegen forderten Thomas und die anderen „Spiritualen“ eine radikale Armut, wie Franz von Assisi sie vorgelebt hatte. Ihr Wortführer in den Marken war Angelus Clarenus, der sich an den Ideen des umstrittenen Mystikers Joachim von Fiore orientierte. Zusammen mit Angelus Clarenus sowie mit Markus von Montelupone, Petrus von Macerata und Angelus von Tolentino wurde Thomas wegen Ungehorsams gegenüber den Entscheidungen der Kirche zur Kerkerhaft verurteilt.

Armenien, der erste christliche Staat

Das Blatt wendete sich im Jahr 1289, als Raymund Gaufredi zum Generalminister der Franziskaner gewählt wurde. Er sympathisierte mit den „Spiritualen“ und traf eine Kompromissentscheidung: Er ließ sie aus dem Kerker frei, schickte sie aber, um Spaltungen im Orden vorzubeugen, in die Mission zu den Armeniern. Unter diesen war das Christentum tief verwurzelt – Armenien gilt als der erste christliche Staat der Welt –, aber das Land war von muslimischen Seldschuken erobert worden, woraufhin viele Christen das Land verließen und in Kilikien, in der heutigen Türkei, das „Königreich Kleinarmenien“ gegründet hatten. 1290 wurde Thomas von Tolentino Berater des armenischen Königs Hethum II. Der König wiederum sandte ihn als Botschafter zum Papst nach Rom sowie an den französischen und englischen Königshof. 1295 nahm Thomas im Auftrag des Generalministers in Rom an einer Zusammenkunft teil, in der es erneut um die Frage der „Spiritualen“ ging, und kehrte dann mit einer Gruppe von Missionaren wieder in den Osten zurück.

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Als König Hethum ihn erneut zum Papst sandte, musste Thomas statt nach Rom nach Poitiers gehen, wo Clemens V. residierte, bevor er 1309 den päpstlichen Hof nach Avignon verlegte. Thomas berichtete dem Papst, dass sein Mitbruder Johannes von Montecorvino eine christliche Gemeinde in der chinesischen Hauptstadt Peking gegründet hatte, die damals unter der Herrschaft der Mongolen stand, in deren Sprache Johannes die Evangelien und Psalmen übersetzte. Clemens V. ernannte Johannes daraufhin zum ersten Erzbischof von Peking.

Kurz vor 1320 brach auch Thomas mit einer Gesandtschaft nach China auf, kam dort jedoch nicht lebend an. Vom Persischen Golf aus setzten sie nach Indien über und kamen nach Thane auf der Insel Salsette vor der indischen Westküste. Als sie hier der überwiegend muslimischen Bevölkerung den christlichen Glauben predigten, ließ der örtliche Machthaber sie hinrichten. Ihre sterblichen Überreste brachte der Franziskanermissionar Odorich von Portenau über die Seidenstraße nach Zaytoun, das heutige Quanzhou, wo sie beigesetzt wurden. Einige Knochenfragmente von Thomas wurden nach Tolentino gebracht, wo sie bis heute in der Kathedrale aufbewahrt werden. Thomas von Tolentino wurde 1894 von Papst Leo XIII., der dem Drittorden der Franziskaner angehörte und die Weltmission förderte, seliggesprochen.

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