Ostern 1945 bezeichnete den Wendepunkt vom Dritten Reich zum besetzten Nachkriegsdeutschland. In vielen Städten tobten Gefechte beim Einmarsch der Alliierten, unzählige Menschen erlebten die „Stunde Null“ – die Kapitulation am 8. Mai 1945 und das Kriegsende – nicht mehr, sondern kamen noch in den letzten Kriegstagen ums Leben: in Konzentrationslagern, auf Gefangenentransporten, bei Bombardierungen, in Flüchtlingstrecks, in Kampfhandlungen, im Chaos brennender Städte, verwundet, krank, vom Hunger gezeichnet, kraftlos und erschöpft.
Unter den vielen Toten war der 21-jährige Franzose Henri Marannes, der am Dienstag nach Ostern im Lager Zwickau mit einem Brett erschlagen wurde, weil er unter den Mitgefangenen das Evangelium verkündigt hatte. Er gehört zu den 50 Märtyrern, die am 13. Dezember 2025 im Auftrag von Papst Leo XIV. in Paris seliggesprochen wurden.
Sein Todestag ist der 4. April. Henri Marannes wurde am 27. Juni 1923 in Ferrières-la-Verrerie in der Normandie als fünftes von sieben Kindern belgischer Einwanderer geboren. Er schloss sich der vom späteren Kardinal Joseph Cardijn gegründeten Christlichen Arbeiterjugend (JOC) an und zeigte schon früh Verantwortungsbewusstsein, wie seine Geschwister später bezeugten: „Mit 15 war er derjenige, den wir um Rat fragten … Bei ihm gab es keine leeren Worte; seine Worte waren Verpflichtungen, auf die Taten folgten. Nichtchristen gegenüber war er nicht intolerant, aber er legte hohe Maßstäbe an sich selbst und die anderen in der JOC.“
Mit 17 Jahren in leitender Position
Bereits mit 17 Jahren nahm er eine leitende Position ein und organisierte Kartoffelsendungen an bedürftige Familien. Henri arbeitete als Mechaniker in einer Reparaturwerkstatt für Kleingeräte wie Schreibmaschinen und Registrierkassen. Als er am 29. Oktober 1942 erfuhr, dass neun Mitarbeiter zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich eingezogen werden sollten, meldete er sich freiwillig, um den Platz eines Mannes einzunehmen, der verheiratet war und Kinder hatte. An einen Mitarbeiter in der JOC schrieb er: „Dies ist mein letzter Gruß aus Paris, denn ich fahre gleich um 10 Uhr vom Ostbahnhof ab […] Ich verlasse dich, mehr denn je in Christus vereint.
Tausend Dank für all die Mühen wegen der Kartoffeln und allem anderen.“ Henri kam am 8. November 1942 im thüringischen Gera an und begann sofort, Mitglieder der Christlichen Arbeiterjugend sowie der Pfadfinder ausfindig zu machen. Sorgen machte er sich über den unmoralischen Lebenswandel einiger Kameraden, die mit Frauen ausgingen, obwohl sie zu Hause Familie hatten: „Wenn man bedenkt, dass einige verheiratet und andere verlobt sind, was soll bloß passieren, wenn sie nach Hause zurückkehren?“
Um heimlich die Messe zu besuchen, nahm er ohne Ausweispapiere und Genehmigung den Zug. Zusammen mit dem Untergrundpriester Yves Rabourdin organisierte er Gruppen junger französischer Christen. Mitte März 1944 unternahm die Gestapo bei Yves Rabourdin eine Hausdurchsuchung, wodurch seine Aktivitäten enttarnt wurden.
Verhaftet und nach Gotha gebracht
Auch Henri wurde verhaftet und in das Gefängnis in Gotha gebracht, verhört und gefoltert. Schließlich transportierte man ihn nach Zwickau, wo sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg befand. Hier wurde er in den Horch-Werken eingesetzt, einem Automobilkonzern, der während des Krieges zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert worden war.
Über einen französischen Zwangsarbeiter namens Eugène, der nicht zu den Gefangenen gehörte, ließ er geweihte Hostien in das Lager einschmuggeln: Eugène deponierte sie zunächst in einer Schuhcremeschachtel auf der Trennwand der Toiletten und versteckte sie später in einer Zahnpastatube.
So konnte Henri heimlich mit Mitgefangenen Gottesdienste feiern und auch die Kommunion austeilen. Am Dienstag nach Ostern 1945 wurde Henri erneut verhört. Mit einem Brett geschlagen, brach er zusammen und wurde in die Krankenstation gebracht. Eugène konnte ihn am nächsten Tag noch einmal besuchen und hörte Henris letzte Worte, bevor er verstarb: „Denk an den Himmel. Hier ist schon der Weg dorthin. Bete immer für die anderen, für mich und für dich. Der Herr weiß, was er mit uns tut.“
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