In Sachsen-Anhalt, zwischen Merseburg und Leipzig, liegt die Stadt Leuna, einer der wichtigsten Standorte der chemischen Industrie. Im Zweiten Weltkrieg, als immer mehr Arbeiter der Leuna-Werke in die Wehrmacht eingezogen wurden, wurden für die Produktion zunehmend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten eingesetzt. Sie waren in Lagern untergebracht, unter Bedingungen, die aufgrund von Überbelegung, hygienischen Mängeln und Unterernährung immer schlechter wurden, je weiter der Krieg voranschritt.
Besonders unmenschlich ging es in sogenannten „Arbeitserziehungslagern“ zu, wo Menschen inhaftiert wurden, die nach Meinung der Machthaber der „Disziplinierung“ bedurften – etwa, weil sie ihrer Arbeitspflicht ungenügend nachgekommen waren oder sich sonstiger Vergehen schuldig gemacht hatten. Ein solches „Arbeitserziehungslager“ befand sich im Leunaer Stadtteil Zöschen; hier starb kurz vor Kriegsende der 25-jährige Eugène Lemoine. Er ist einer der 50 Märtyrer, die am 13. Dezember vergangenen Jahres in Paris seliggesprochen wurden.
Eugène Lemoine wurde am Dreikönigsfest, dem 6. Januar 1920, in Saint-Brieuc an der bretonischen Küste geboren, einem der ältesten Bischofssitze der Bretagne und Station der großen Wallfahrt Tro-Breizh. Mit 16 Jahren schloss er sich der Christlichen Arbeiterjugend an, die 1925 im Zuge der Gewerkschaftsbewegung in Belgien gegründet worden war und sich schnell auch in Frankreich ausbreitete. Eugène Lemoine, der großes Organisationstalent besaß, stieg schnell in die Regionalleitung auf und arbeitete im selben Team wie der Priester Armand Vallée, der später im Konzentrationslager Mauthausen ums Leben kam.
Treffen im Wald
Nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht versuchte Eugène Lemoine zunächst erfolglos, nach England auszuwandern. Im März 1943 erhielt er die Aufforderung, ins Deutsche Reich zu gehen, um die dortige Kriegsindustrie zu unterstützen. Da sein Vater kurz zuvor verstorben war, hätte er gegen die Einberufung Einspruch erheben können, verzichtete aber darauf. Mittlerweile waren viele Mitglieder der Christlichen Arbeiterjugend freiwillig ins Deutsche Reich gegangen, um im Untergrund apostolische Arbeit unter den französischen Zwangsarbeitern zu leisten, und Eugène wollte sich mit ihnen solidarisch zeigen. Zusammen mit einer Gruppe junger Franzosen brach er ins Deutsche Reich auf.
Er kam zunächst nach Wittenberg, damals ein wichtiger Standort der Rüstungsindustrie, wo er als Zimmermann eingesetzt wurde. Sofort knüpfte er erste Kontakte zu einer katholischen Gruppe und unternahm Fahrten in andere Städte, um den katholischen Untergrund zu vernetzen. Ein weiteres Mitglied der Gruppe sagte später, dass Eugène Lemoine derjenige war, der maßgeblich dafür sorgte, dass ein Zusammenhalt unter den französischen Untergrundkatholiken entstand. „In Deutschland fanden unsere Treffen im Wald statt. Eugène Lemoine leitete uns im Gebet, dann gingen wir in kleinen Gruppen auseinander, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Er starb für Jesus Christus. Sein Apostolat führte zu seiner Festnahme und seinem Tod“, so ein weiterer Zeitzeuge.
Tatsächlich blieb Eugène Lemoines Untergrundtätigkeit nicht unbeobachtet. Er wurde festgenommen und blieb vom 30. September bis zum 25. Oktober 1944 in Haft, zunächst in Wittenberg, dann in Halle, wo er von der Gestapo verhört wurde. „Sie insistierten immer wieder, dass ich Kardinal Suhard persönlich kenne, der ein großer Feind Deutschlands und ein Gegenspionage-Agent der Alliierten sei“, schrieb er in sein Tagebuch. Trotz der Vorwürfe kam Eugène Lemoine zunächst wieder auf freien Fuß, wurde kurz darauf aber erneut verhaftet, da er einem Mann, der aus einem „Arbeitserziehungslager“ geflohen war, zu essen gegeben hatte. Er wurde daraufhin selbst in das gerade errichtete „Arbeitserziehungslager“ Zöschen eingewiesen, als einer der etwa 5.000 Zwangsarbeiter, die in den letzten Kriegsmonaten hier inhaftiert waren. 517 überlebten die Lagerhaft nicht, darunter auch Eugène Lemoine, der am 8. Februar 1945 an der Ruhr verstarb. Heute erinnert in Zöschen ein Ehrenfriedhof mit Gedenkstein an die Häftlinge, die hier unter unmenschlichen Bedingungen ums Leben gekommen sind.
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