In der Mitte des 14. Jahrhunderts wütete in Europa die Pest. 1348 traf es unter anderem die Stadt Florenz sehr hart. In der toskanischen Metropole starben innerhalb weniger Monate über 100.000 Menschen. Unter den Eindrücken dieser schlimmen Zeit verfasste Giovanni Boccaccio seine berühmte Novellensammlung „Il Decamerone“, ein Hauptwerk der italienischen Renaissanceliteratur, dessen Rahmenhandlung in der Florentiner Dominikanerkirche „Santa Maria Novella“ beginnt. Hier kann man bis heute das Grab einer jungen Zeitgenossin von Boccaccio besuchen, die wie dieser die Pestzeit überlebte: das Grab der seligen Villana de Bottis, deren Gedenktag die Kirche am 29. Januar feiert.
Villana de Bottis wurde 1332 in Florenz geboren. Ihr Vater, der reiche Kaufmann Andrea di Messer Lapo de Bottis, musste kurz nach ihrer Geburt durch einen Bankrott harte wirtschaftliche Rückschläge hinnehmen, die die Familie in eine Krise und Unsicherheit stürzten. Als zusätzlich der Schwarze Tod über die Stadt hereinbrach, lief Villana als junges Mädchen von zu Hause fort, um in ein Kloster einzutreten und all der Not und Unsicherheit durch Gebet, Kontemplation und Buße entgegenzutreten. Die Klostergemeinschaft, an deren Tür sie klopfte, nahm sie jedoch nicht auf; sie musste notgedrungen nach Hause zurückkehren. Ihr Vater, wutentbrannt über den eigenmächtigen Schritt seiner Tochter, arrangierte sofort eine Ehe für sie, um jeden weiteren Versuch, in ein Kloster einzutreten, zu unterbinden. Villana widersetzte sich nicht, sondern fügte sich seinem Willen und heiratete im Juli 1351 den wohlhabenden Kaufmann Rosso di Piero di Stefano Benintendi.
Schöne Kleider und vornehme Bälle
Nach der Hochzeit gab Villana, enttäuscht von der Zurückweisung durch die Klostergemeinschaft, ihren Wunsch nach einem kontemplativen Leben auf und fand zunächst Gefallen an ihrer neuen Rolle als Ehefrau an der Seite eines Mannes, der in der vornehmen Gesellschaft zu Hause war. Aus dem frommen jungen Mädchen wurde eine weltgewandte Frau, in deren Leben ein luxuriöser Lebensstil, schöne Kleider, Bälle und vornehme gesellschaftliche Anlässe im Vordergrund standen.
In dieser eleganten Welt schien Villana ihr Zuhause gefunden zu haben, bis ihr eines Abends schlagartig zu Bewusstsein kam, dass sie ein anderes Leben führen sollte. In Vorbereitung auf eine Abendgesellschaft legte sie ein elegantes, mit Perlen und Edelsteinen besticktes Kleid an. Selbstbewusst trat sie vor einen Spiegel, um ihre Schönheit in dem kostbaren Gewand zu bewundern. Was sie sah, jagte ihr einen tiefen Schrecken ein: Aus dem Spiegel blickte ihr keine schöne junge Frau entgegen, sondern eine fürchterliche, hässliche Teufelsfratze. Erschrocken lief sie weg, um in einen anderen Spiegel zu schauen, aber alle zeigten das gleiche dämonische Bild.
Erschüttert erkannte Villana, dass das, was sie im Spiegel sah, nicht ihr Körper, sondern ihre Seele war, entstellt durch Sünden und einen oberflächlichen Lebenswandel. Sie riss sich die teuren Gewänder vom Leib, zog ein einfaches Kleid an und lief weinend in die Kirche „Santa Maria Novella“, wo sie die Dominikaner um Hilfe anflehte und die Beichte ablegte.
Bettlerin für die Armen
An diesem Abend begann für sie ein Weg der Umkehr. Sie bemühte sich, eine gute Ehefrau zu sein, verzichtete aber auf alle Oberflächlichkeiten, schloss sich dem Drittorden der Dominikaner an – um dieselbe Zeit wie die heilige Katharina von Siena – und las viel in der Heiligen Schrift und in Heiligenviten. Häufig erlebte sie während der Messe ekstatische Momente. Sie pflegte einen nüchternen und strengen Lebensstil und ging von Haus zu Haus, um Almosen für die Armen zu erbetteln, bis sie dies auf Wunsch ihres Ehemannes und der Familie unterließ, da es diese in Verruf brachte. Kritik und Verleumdung wegen ihrer einfachen Lebensweise ertrug Villana mit Geduld.
Mit nicht einmal 30 Jahren lag Villana de Bottis auf dem Totenbett. Sie trug den Habit der Dominikanerinnen und hörte die Passionsgeschichte, die auf ihren Wunsch hin vorgelesen wurde. Nach den Worten: „Und er neigte das Haupt und übergab den Geist“ starb sie am 29. Januar 1361. Sie wurde in „Santa Maria Novella“ beigesetzt und galt lokal immer als Heilige. 1824 wurde sie durch Papst Leo XII. offiziell seliggesprochen.
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