„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Katholik in die erste Reihe“, sagt Dozent Georg Gresser. Zwölf Männer und vier Frauen sitzen im Hörsaal 1 in seiner Vorlesung über die Geschichte der katholischen Missionsorden in der Neuzeit. Und zwar hinten. Die vorderste Tischreihe füllt sich nun doch noch. Heute geht es thematisch um den heiligen Franz Xaver und die Jesuiten. Der musste sich im sechzehnten Jahrhundert von den Shingon-Buddhisten in Indien vorwerfen lassen, katholische Missionare würden Menschenfleisch essen. „Ein Klassiker in der Kirchengeschichte. Es gibt nichts Neues unter der Sonne“, kommentiert Gresser.
Hier an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) ist die Stimmung familiär. Auf dem Flur kicken sich in der kurzen Pause zwischen den Vorlesungen zwei Studenten einen Fußball zu. „Ich freue mich, für sie alle da zu sein“, sagt die Angestellte der Cafeteria. Weil es eine katholische Einrichtung sei, arbeite sie hier, erzählt sie, während sie die Mikrowellen auswischt. Darin wärmen sich die Studenten mittags mitgebrachte Mahlzeiten auf. Ein Promovend aus Luxemburg sitzt weiter hinten auf der gepolsterten Bank entlang der Wand. Er ist Priester und forscht über den Philosophen Ferdinand Ulrich. „Ich bin hier hingekommen, um von Professor Schlögl über Ulrich zu lernen. Schlögl schätzt nämlich nicht nur das Intellektuelle, sondern auch die Spiritualität Ulrichs. Das gibt es sonst nirgendwo“, sagt er.
Die Turmglocke schlägt nun zwölf, die Studenten beten in zwei Durchgängen das Angelus-Gebet im „Krieler Dömchen“, der kapellengroßen Kirche auf der anderen Straßenseite. „Das Highlight hier ist für mich, dass wir nicht nur auf hohem wissenschaftlichem Niveau studieren, sondern auch leben, was wir glauben“, sagt ein internationaler Promovend, der als Priester und Seelsorger in einem Altenheim arbeitet. „Die eifrigen, engagierten und betenden Mitstudierenden inspirieren mich immer wieder.“ Seine Augen strahlen beim Sprechen. Er möchte jedoch lieber anonym bleiben. „,Meine Hochschule heißt KHKT‘, sage ich gerne und bin dabei voller Stolz und Dankbarkeit. Hier bin ich mehr als zufrieden, fühle mich wie zu Hause. Zugleich spürt man die Universalität der katholischen Kirche an allen Ecken und Enden.“ Seine Hochschule biete internationalen Studierenden viele Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern. Sie sei seiner Meinung nach wie „das Salz der Erde“ (Mt 5, 13), fährt der Priester fort. „Eine Minderheit, die die Welt verändern kann“, lobt er. Sie sei streng, aber sehr effektiv. „Hier wird viel Wert auf eine exzellente und weltkirchlich orientierte Theologie gelegt. Wie Paulus sagt: ,Wir verkaufen nicht das Wort Gottes, sondern verkünden es aufrichtig und von Gott her und in Christus‘ (2 Kor 2, 17).
„Theo”, der theologisch Hund
Im Gebäude befinden sich vier Hörsäle, drei Seminarräume, zwei Bibliotheken, ein wohnzimmerartiger Aufenthaltsraum für die Studenten, ein Dozentenraum, ein Musiksaal, ein Audimax, die Cafeteria und die Büros der Hochschulleitung, der Professoren und der Geschäftsführung. Im Hochschulsekretariat liegt auf dem Boden ein kleiner, weißer Hund. „Theo“ heißt er, passend zur KHKT. Er sei ihr inoffizielles Maskottchen geworden, sagt Professor Christoph Ohly. Der Kölner Priester ist Rektor der Hochschule. Kanzlerin ist die Theologin Nina Jungblut.
„Wir fördern die Sprach- und Sprechfähigkeit unserer Studierenden, sodass sie sich im Dialog mit den verschiedenen Auffassungen und Meinungen positionieren können“, erklärt Ohly. „In der inneren Verbindung von Vernunft und Glaube soll katholische Theologie betrieben werden. Der Schwerpunkt der Missions- und Religionswissenschaften zieht sich durch alle Studiengänge hindurch. Das gibt es auf diese Weise an anderen Fakultäten nicht. Aber er ist absolut notwendig.“ Daher sei die KHKT eine Investition in die Zukunft der Kirche in Deutschland und in die jungen Menschen, innerhalb und außerhalb der Kirche.
Ein junger Student hat lange im Magisterstudiengang Theologie studiert. Nun ist er – „endlich“, wie er sagt – für den neuen Bachelor „Theologische Diakonie und Missionarische Katechese“ eingeschrieben. Zum Glück könne er sich einige Kurse anrechnen lassen. „Ich bin sehr missionarisch“, beschreibt er sich, während er seine Bohnensuppe löffelt. Um seinen Hals hängt ein Kreuz, an seinem Handgelenk ein Rosenkranz. Am nächsten Wochenende hilft er bei den Mutter-Teresa-Schwestern.
„Wir sind wie eine Familie”
Die Hochschule im Kölner Stadtteil Lindenthal besuchen aktuell etwas mehr als 130 Studenten. Aus inzwischen über 28 Ländern. 82 befinden sich im theologischen Vollstudium. Ein kleinerer Teil wolle Priester werden, sagt Ohly. „Meine Vision ist, die theologische Fakultät so weiterzuentwickeln, dass sich hier zunehmend eine einzigartige Theologie in Lehre, Studium und Forschung etabliert, in Verbundenheit mit der Weltkirche“, so der Priester. „Dass das Internationale wirklich gelebt wird, zeigt sich an unseren Studierenden: Weltkirche im Kleinen.“
Marcos de Oliveira kommt aus Rio de Janeiro. Er ist seit Sommer 2024 an der KHKT und Priesteramtskandidat des Neokatechumenalen Wegs. Dieser sandte ihn in das Kölner Seminar Redemptoris Mater. „Die Weltkirche ist hier präsent. Wir sehen uns von Montag bis Freitag und sind wie eine Familie. Ich erfahre, wie meine Kommilitonen ihren Glauben in der Heimat leben. Die Realitäten, zum Beispiel in Deutschland und Brasilien, sind sehr unterschiedlich. In Brasilien lebt die Kirche vom Ehrenamt – von Katechisten und Gruppenleitern. In Deutschland ist das viel strukturierter und gebunden an Ausbildungen. Die Brasilianer freuen sich regelrecht, Kirche zu sein. Das ist in Deutschland manchmal anders. An der KHKT aber nicht. Unsere deutschen Studenten wollen ebenfalls diese lebendige Kirche erleben und sie in ihr Land bringen. Wer hier studiert, der möchte als Christ und Gläubiger den Glauben leben, aber auf Dauer nicht nur forschen. Das finde ich super“, sagt der Brasilianer.
Später auf dem Flur spricht er auf Portugiesisch: mit einem Freund aus Angola. Er heißt Esmael Crisólogo und ist Frater der Steyler Missionare. Beinahe hundert Jahre führten diese die „Philosophisch-Theologische Hochschule der Gesellschaft des Göttlichen Wortes in St. Augustin“, bevor daraus 2020 die der Erzdiözese Köln zugehörige KHKT entstand. Crisólogo studiert hier seit 2022. „Die Steyler Missionare entsandten mich hierhin nach meinem Noviziat, um meine Ausbildung hier fortzusetzen. So ist unser System. Das ist meine Bestimmung“, sagt Crisólogo zufrieden und in nahezu fehlerfreiem Deutsch. „An der KHKT als Ausländer zu studieren bedeutet für mich, in eine neue kulturelle und kirchliche Realität hineinzuwachsen. Es ist ein Weg, der mich akademisch, geistlich und persönlich formt. Die Atmosphäre hier ist sehr lebendig. Meine Kommilitonen haben mich herzlich aufgenommen. Sie waren neugierig auf meine Kultur, Herkunft und meinen geistlichen Hintergrund und daraus sind Freundschaften entstanden, die von gegenseitigem Respekt, Offenheit und Interesse geprägt sind.“
Der Enkel von Adenauer zu Gast
Um 18 Uhr endet heute die letzte Vorlesung, um 18.15 Uhr beginnt die Hochschulmesse, wieder im Krieler Dömchen. Andacht füllt die zweitälteste Kirche Kölns. Ein Student singt den Psalm vor. Die Messe feiert der Priester heute für den verstorbenen katholischen Journalisten Martin Lohmann. Danach gibt es Suppe in der kleinen Cafeteria. Studenten und Dozenten stehen zusammen, es könnte auch eine kleine Feier sein, so fröhlich klingen die Gespräche. Draußen ist es finster, die ersten Studenten machen sich mit Bus und Straßenbahn auf den Heimweg. Einige wohnen zusammen in WGs.
Die Plakate an den Glastüren sind mit der Flurbeleuchtung noch gut lesbar. Eins lädt zum Vortragsabend mit Konrad Adenauer ein, einem Enkel des ersten Bundeskanzlers. Ein anderes bietet einen christlichen Freiwilligendienst an. „Am Ende des Tages wachsen wir selber als Mensch und gute Christen. Wir bringen unseren Glauben gestärkt mit nach Hause. Ich kann die KHKT nur allen empfehlen, die sich für die Theologie interessieren und ihren Glauben vertiefen möchten“, schließt Crisólogo.
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