Der Fall um den aus dem Dienst entlassenen Pfarrer Alexander Aulinger aus dem Bistum Passau ist in der letzten Woche emotional hochgekocht. Tausende von Gläubigen haben sich solidarisch hinter den Pfarrer gestellt. Demgegenüber standen Vorwürfe, die sich im Bistum regelrecht gestapelt haben. In einer Botschaft hat der Bischof von Passau, Stefan Oster, nun in einer auf der Bistumsseite veröffentlichten Stellungnahme ein wenig Licht ins Dunkel gebracht.
Ausführlich erklärt er darin, warum der Pfarrer suspendiert wurde und wie sich die Vorgänge im Pfarrverband Hauzenberg allmählich zugespitzt haben, stellt aber auch fest, dass es nun im Sinne einer Deeskalierung eine „Abkühlung von Emotionen“ sowie „Nüchternheit und die gegenseitige Wahrnehmung“ brauche: „Der andere Mensch, der die Dinge anders sieht als ich – ist von unserem Gott genauso geliebt wie ich“, so der Bischof.
„Emotionale Aufladung kommt nicht aus dem Geist Gottes“
Er könne nachvollziehen, dass die Enttäuschung von vielen riesig sei und dass sich diese Enttäuschung zugleich Ausdruck verschaffe „mit einer großen Begeisterung für die Arbeit von Pfarrer Aulinger“. Zugleich erschreckten ihn „manche Auswüchse, die diese emotionale Aufladung erzeugt – und von denen ich sicher bin, dass sie nicht aus einem christlichen Geist kommen“.
In bestimmten Gesprächen und Kommentierungen scheine es keine zweite Meinung über das positive Wirken des Pfarrers oder über das schreckliche Handeln des Bischofs geben zu dürfen. In Hauzenberg herrsche die Meinung vor, dass einige wenige Personen die eigentlich Schuldigen seien, weil sie den Pfarrer beim Bischof angeschwärzt hätten, weshalb er letztlich habe seinen Posten räumen müssen. Die Folge sei, dass sie nun „ein Leben voller Angst, Unsicherheit, Depression“ führten; und das seit bereits eineinhalb Jahren.
Dass dann auch aus Angst bei seiner Visitation im vergangenen September „so gut wie keiner dieser Stimmen hörbar geworden“ sei, sei deutlich geworden, als er „mit einigen dieser Menschen Kontakt aufgenommen hatte“.
Wie man im christlichen Geist miteinander spricht
Eine solche Stimmung sei „ausdrücklich nicht der Geist, der von Jesus kommt“. Jesu Geist mache empathisch und würde die Not von Menschen wahrnehmen. Wörtlich schreibt Oster: „Mir scheint, das will man hier bewusst nicht.“ Wirklich im christlichen Geist miteinander sprechen, bedeute, die Meinung des anderen verstehen lernen und zu versuchen, das Gute und Sinnvolle daran zu sehen.
Diejenigen, die ihrer Sorgen Luft gemacht hätten, seien weder „feige Denunzianten noch böswillige Neider und auch nicht Menschen, die der Kirche negativ gegenüberstehen“, sondern „schlicht Menschen, die meist in Sorge für Kinder und Jugendliche waren, in Sorge um die Kirche oder solche, die aus großer Angst vor der schon erzeugten Atmosphäre nicht mehr gewagt haben, namentlich aufzutreten“, stellt der Bischof klar.
Immer wieder neue Vorfälle
Weiter erklärt er, dass er die großen Gaben und Fähigkeiten des Pfarrers Aulinger für seinen Beruf schätze und erinnert daran, dass er selbst ihn in den Pfarrverband Hauzenberg versetzt und später zum Dekan ernannt habe. Andererseits habe es auch an seinem früheren Arbeitsfeld „schon Anfragen wie die jetzigen in Hauzenberg“ gegeben, die das Bistum „nun spätestens seit Sommer 2023 wieder sehr beschäftigen“.
„Immer neue Meldungen von ganz verschiedenen Menschen“ im Kontext von Aulingers Jugendarbeit seien im Ordinariat eingegangen; zweimal habe man „gegenüber dem Pfarrer Maßnahmen verhängt, die auch bestimmte Aspekte der Jugendarbeit eingeschränkt haben“, berichtet Oster.
Eine weitere Zuspitzung habe es kurz vor dem letzten Weihnachtsfest gegeben, als ein anonymer Internet-Account den Pfarrer verschiedener Vergehen angeklagt und er einen ausführlichen Bericht zu Vorgängen in Hauzenberg erhalten habe. „Das Wort geistlicher Missbrauch stand im Raum, und die Bistumsleitung wurde angeklagt, nichts dagegen zu tun“, so Oster. Anwälte seien ins Spiel gekommen, so dass Aulinger immer klarer geworden sei, „dass er sich wohl auf Dauer nicht mehr würde halten können und auch nicht mehr würde halten wollen in Hauzenberg“.
Es folgten die offizielle Mitteilung über seine Anwältin, sich zurückziehen zu wollen sowie die Arbeit an einer gemeinsamen Erklärung von Aulinger und Bistum für die Öffentlichkeit. Alles schien geregelt, als zwei neue Aspekte den Lauf der Dinge durchkreuzten: Die unabhängige Ansprechpartnerin für sexuellen Missbrauch habe neues Dokumentationsmaterial einsehen können und dem Bischof dringend angeraten, die Staatsanwaltschaft zur Überprüfung einzuschalten.
Zweitens habe Aulinger sich einen neuen Anwalt genommen, der, so Bischof Oster, „sofort in medialer Zuspitzung und unter offensichtlicher Unkenntnis vieler Sachverhalte dennoch massiv über die sozialen Medien öffentlich agitiert und erklärt hat, der Pfarrer ziehe sich gar nicht zurück“.
„Die Situation braucht jetzt Zeit und Gespräch“
Ab diesem Zeitpunkt habe er sich genötigt gesehen, „gegenüber dem Pfarrer ein vorläufiges Zelebrations- und öffentliches Auftrittsverbot zu verhängen“. Denn solange staatliche und kirchliche Behörden ermitteln würden, sei dies sachlich geboten und werde „in jedem Fall so lange aufrecht erhalten, bis die Dinge geklärt sind“, erläutert Oster. Er kritisiert den neuen Rechtsbeistand des entlassenen Pfarrers dafür, das die Emotionen in dem Fall hochgekocht und Enttäuschung laut geworden sein „und sich große Solidarisierungswellen mit Pfarrer Aulinger gebildet haben“. Dies bedaure er sehr – „für die Gläubigen, für die vielen Jugendlichen, die ihren Pfarrer ins Herz geschlossen haben, für den Pfarrer, für die Kirche insgesamt“.
Es werde weitere Gespräche geben; Personen von außen, die einen Prozess der Aufarbeitung begleiten können, würden in den Pfarrverband geschickt werden. Er selbst stehe ebenfalls jederzeit für Gespräche zur Verfügung. Die Situation brauche jetzt Zeit und Gespräch – in Ruhe und Besonnenheit, sagte Oster und wandte sich mit der Bitte an die Gläubigen, „sich schützend vor die Menschen“ zu stellen, „die schon seit vielen Monaten in Ängsten leben“. DT/dsc
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